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Immer mehr Menschen suchen auf Pilgerwegen nach einer Auszeit vom Stress des Alltags

„Gott ist in jedem Straßengraben“

Der Weg ist das Ziel: Pilgern als Entschleunigung, als meditatives, spirituelles Erlebnis. Immer mehr Menschen suchen auf diese Weise eine kurze Phase des Innehaltens. Sie wollen sich in einer immer hektischeren Welt eine Pause des vertieften Nachdenkens und des Gotteserlebnisses, aber auch des Genusses gönnen. Das ist auf dem Sigwardsweg und auf dem Weg von Loccum nach Volkenroda auch im Schaumburger Land möglich.

Autor:

Jan Peter Wiborg

„Ich bin dann mal weg“. Mit mehr als vier Millionen Exemplaren gilt das Buch von Hape Kerkeling als das erfolgreichste deutschsprachige Sachbuch. Die 2006 erschienenen Beschreibungen einer Pilgerreise Kerkelings auf dem Jacobsweg gelten als wegbereitend für das Pilgern in Deutschland. Nicht nur auf dem Jakobsweg ist in den Folgejahren ein deutlicher Anstieg der Pilgerzahlen zu verzeichnen gewesen.

Kerkeling rührte offenbar an einem vorhandenen und bis heute wachsenden Bedürfnis: Dem zeitweiligen Rückzug aus dem zunehmend hektischen Alltag. „Längst ist Pilgern ein Trend“, verkündet inzwischen auch die „Bild“, „tagelang wandern, allein sein, Natur erleben, Glück erfahren – beim Pilgern ist der Weg das Ziel.“ Gesucht wird offenbar hierzulande aber auch immer mehr das meditative, das spirituelle Erlebnis, konkret, so berichten Pilgerbegleiter, „das individuelle Gotteserlebnis“.

Gepilgert werden kann eigentlich überall, da ist sich Jens Gundlach sicher, der frühere Redakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, der sieben Jahre dem Konvent des Klosters in Loccum angehört hat. Sein Pilgerbuch über den Weg von Loccum nach Volkenroda erschien bereits 2005 – ein Jahr vor Kerkelings Beststeller. Der Weg selbst ist im Zusammenhang mit der Expo 2000 in Hannover entstanden.

„Gott ist in jedem Straßengraben zu finden“, sagt er. Pilgern sei überall denkbar. Trotzdem nützt ein vororganisiertes Angebot: Pilgern auf historischen Pfaden in kurzer und landschaftlich sinnvoller Verbindung zwischen zwei sakralen Orten.

So entstanden in den vergangenen Jahren viele Pilgerpfade in Deutschland. Sakrale und touristische Interessen vereinten sich, den modernen Pilgern bietet sich auf Hunderten von Kilometern in allen deutschen Landschaften ein infrastrukturell gut erschlossenes Netz von Wegen. Das Bedürfnis nach innerer Einkehr in Bewegung musste seine Orte finden.

Dass sich etwas bewegt, davon kann Pilgerbegleiter Uwe Steinert aus Rehburg-Loccum berichten: Von vielen Emotionen, von Tränen der Freude und der Verzweiflung, die der pensionierte Religionslehrer auf seinen Wegen bereits getrocknet hat. „Vieles“, so sagt er, „ergibt sich rein zufällig.“

Pilgerbegleiter setzt auf Methodenvielfalt

Uwe Steinert hat sich auf die Strecke Loccum-Stadthagen des Weges Loccum-Volkenroda spezialisiert. Zertifizierte Pilgerberater sind aber im Prinzip berechtigt, auf der gesamten Strecke von Loccum bis Volkenroda Menschen zu begleiten und betreuen. „Interessenten können einen Pilgerbegleiter für einen Abschnitt buchen“, sagt Steinert im Gespräch.

Die Pilgerbegleiter melden jeweils in der Jahresmitte ihre Touren, die im Internet angeboten werden, für das nächste Jahr beim „Haus der kirchlichen Dienste“ an. Steinert bekommt im Laufe des Jahres auch individuelle Anfragen, die er nach Möglichkeit erfüllt.

„Es ist ein Wahnsinn“, staunt er. Die Strecke zwischen Loccum und Volkenroda sei völlig durchstrukturiert, und „in jedem Ort gibt es einen Beauftragten“. Diesen Service kann Steinert für seine Gruppe in Anspruch nehmen, in geöffnete Klöster und Kapellen einziehen.

Steinert geht ganz auf die Wünsche der jeweiligen Gruppe ein. Was sich bewährt habe, seien Andachten, Gesänge, aber auch das ‚unterschiedliche Schweigen’, das Schweigen mit Texten, über die nachgedacht werden solle. Oder Schweigen im Sinne von Meditation im Sinne von Zen oder anderen Methoden, die zur Entschleunigung und/oder zur Leere im Kopf führen sollen – je nachdem, was gewünscht werde.

Rund 200 Kilometer legt der Rehburg-Loccumer im Jahr zurück, setzt neben der Theologie, Psychologie, Pädagogik und Musik auf Methodenvielfalt: „Als pensionierter Religionslehrer ist das für mich auch Fortführung der unterrichtlichen Praxis.“

Auch der sportliche Aspekt kommt nicht zu kurz. Steinert will Möglichkeiten erschließen, „über das Laufen in gedankliche Welten einzudringen“. Er vermittelt den Teilnehmern den Pilgerschritt, verbunden mit Techniken, Gehen und Atem in meditativen Einklang zu bringen. Die ganz einfache Entschleunigung, Zwei-Schritte-vor-und-einen-zurück, übt Steinert beim Betreten von Kirchen.

Steinert ist Pilgerbegleiter im Ehrenamt. „Wenn Kosten anfallen, dann sind es reine Sachkosten.“ Pro Teilnehmer rechnet er jeweils im Durchschnitt mit zehn Euro.




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