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Aber der Stukkateur macht heute auch Wärmedämmungen, Putz und Trockenbau

Gips in Perfektion – das gibt’s noch!

Haverbeck (kar). Am liebsten wäre er technischer Zeichner geworden. „Aber damals konnte man sich den Lehrberuf nicht so einfach aussuchen“, sagt Gerhard Knaust. Also fing der Hamelner eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker an. „Da musste ich immer ein Auto waschen, einen weißen BMW“, erzählt Knaust. Auf dem Wagen prangte nicht nur ein lustiges Männchen, sondern auch der Spruch: „Der Stukkateur gibt dem Haus das Gesicht.“ Knaust konnte sich unter einem Stukkateur nichts vorstellen.

Von Karin Rohr

Haverbeck. Am liebsten wäre er technischer Zeichner geworden. „Aber damals konnte man sich den Lehrberuf nicht so einfach aussuchen“, sagt Gerhard Knaust. Also fing der Hamelner eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker an. „Da musste ich immer ein Auto waschen, einen weißen BMW“, erzählt Knaust. Auf dem Wagen prangte nicht nur ein lustiges Männchen, sondern auch der Spruch: „Der Stukkateur gibt dem Haus das Gesicht.“ Knaust konnte sich unter einem Stukkateur nichts vorstellen. Kurzentschlossen fragte er den Besitzer des Fahrzeugs. „Und der hat mir von Kirchenrenovierungen und anderen tollen Sachen erzählt“, sagt Knaust. Seine Neugierde war geweckt. Und so ließ er sich von Wilhelm Schlieker nur allzu gern überreden, dessen Stuckwerkstatt in Holtensen anzuschauen. Ein Besuch dort veränderte Knausts Leben: „Am nächsten Tag habe ich meine Lehre zum Kfz-Mechaniker abgebrochen und mit der Ausbildung zum Stukkateur angefangen.“ Das war 1974. Der 49-Jährige lacht, wenn er daran zurückdenkt: Es war die beste Entscheidung seines Lebens, auch wenn seine Mutter nicht begeistert war. „Sie sagte: Aus dir wird nie was, wenn du nicht mal eine Lehre durchhältst.“ Aber er hat’s ihr gezeigt.

Der junge Gerhard absolvierte seine Lehre zum Stukkateur nicht nur mit Bravour, sondern auch in unglaublich kurzer Zeit – schon nach zwei statt der sonst üblichen drei Jahre hatte er’s geschafft. Und Stukkateur ist er heute noch mit Leib und Seele. Er hat die Schlieker Stuck GmbH von seinem ehmaligen Chef Wilhelm Schlieker übernommen, ist Chef von 15 bis 20 Angestellten und sogar Innungsobermeister. Knaust sitzt im niedersächsischen Prüfungsausschuss und wurde unlängst für seine Verdienste mit der silbernen Ehrennadel des deutschen Stuckgewerbes ausgezeichnet. Als einziger in Niedersachsen. Verliehen wird diese Nadel nur alle vier Jahre, „meistens an schon sehr Betagte“, sagt Knaust und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Ich bin, glaube ich, der Jüngste.“

Und er ist Chef des einzigen Stukkateurbetriebs weit und breit. Erst in Hannover gibt es drei weitere Betriebe, in ganz Niedersachsen nur 17. Über Mangel an Arbeit kann sich Knaust nicht beklagen, wenn auch nicht unbedingt im Stuckgewerbe: „Norddeutschland ist keine Stuckhochburg“, weiß der Meister, der von seinem Büro aus daheim in Haverbeck den Betrieb leitet. Bei ihm und seiner Ehefrau Renate laufen die Fäden zusammen – bis hin zur Bauleitung kümmert sich Knaust heute zu 90 Prozent nur noch ums Geschäft. Das besteht vor allem aus Trockenbau, Wärmedämmung und dem Verputzen von Wänden im Innen- und Außenbereich. Stuckier-Aufträge und Restaurationen sind selten geworden. Nicht etwa, weil Stuck aus der Mode gekommen ist, sondern weil Baumärkte mit Stuckartikeln aus Porphyr und Styropor der alten Handwerkskunst der Stukkateure Konkurrenz machen. „Trendy ist Stuck immer noch“, sagt Knaust, zeigt Bilder von Stuckarbeiten, die auch modernen Räumen Gesicht geben und erklärt: „Ein Stuckprofil ist eine Gliederung zwischen Wand und Decke.“ Ein Gestaltungselement, das Akzente setzt. Als Handwerksmeister hält Knaust nichts von Stuck aus Kunststoffen: „Lieber ein einziges Zimmer vernünftig gestalten, als fünf mit Stuck aus Styropor ausstatten“, sagt er. Und vernünftig ist für den Experten: „Gips. Das ist einer der gesündesten Baustoffe.“ Er sei antistatisch, allergikergeeignet und speichere Feuchtigkeit. Letzteres ist wichtig für das Raumklima, weil heute winddicht gebaut und dabei oft kein Baustoff mehr verwendet werde, der Feuchtigkeit aufnimmt, sodass schnell Schimmel entstehe.

4 Bilder
Knausts Gipsbüsten – Handwerkskunst in Perfektion.

Stuck-Putz-Trockenbau – so nennt sich heute das Gewerk, das sich aus dem ehemaligen Stukkateur-Handwerk entwickelt hat. Und so hat auch Knaust mit seiner Firma zurzeit vor allem im Trockenbau zu tun. Nach der Umgestaltung der Volksbank in Hameln ist jetzt aktuell die Berufsakademie dran. „Aber ich habe auch Restaurationen in Stuck gemacht – beim Steigenberger Hotel in Bad Pyrmont, zum Beispiel, und im Bückeburger Schloss, aber auch in Kirchen“, erzählt Knaust.

Wenn alle Angestellten auf Baustellen beschäftigt sind, ruht die Arbeit in der Stuckwerkstatt in Holtensen. Steht ein Stuckier-Auftrag an, werden dort die Formen gebaut für die gewünschten Elemente. „Wir machen alle Profile selbst“, betont der Stukkateurmeister, „die Formgebung aber mit dem Kunden zusammen.“ Die Arbeit mit Stuck hat für Knaust nie ihre Faszination verloren, auch wenn er heute selten dazu kommt. Sein Lieblingsstück hängt im Schlafzimmer seines Hauses – ein Spiegel, dessen Form von drei Stukkateuren geschaffen wurde. Stunde um Stunde haben die drei nach Feierabend daran gearbeitet. Drei Exemplare wurden gegossen – „für jeden eins“ – und dann die Form zerstört: „Es sollte etwas Besonderes bleiben.“

Was war es, das ihn 1974, als er Schliekers Werkstatt in Holtensen besuchte, so nachhaltig beeindruckt hat, dass es auf Schlag sein Leben änderte? „Das Künstlerische“, sagt Knaust und erklärt: „Weil man viel mit Zeichnungen arbeiten muss.“ Am wichtigsten aber sei das handwerkliche Geschick. Und bescheiden fügt er hinzu: „Wir sind keine Künstler.“ Wenn man sieht, wie Knaust seinem Heim in Haverbeck mit Stuckelementen Gesicht gegeben hat, weiß man aber auch: Das ist mehr als handwerkliches Geschick – das ist Handwerkskunst in Perfektion.




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