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Informationen aus dem Umfeld des Opfers

Gewalttat in Hameln: War Sorgerechts-Streit der Auslöser?

HAMELN. Nach der Gewalttat, bei der am Sonntagabend eine 28 Jahre alte Frau von ihrem Ex-Mann mit dem Auto durch mehrere Straßen der Hamelner Innenstadt geschleift worden ist, beginnt nun die Suche nach dem Motiv. Aus dem Umfeld der Familie des Opfers ist zu hören, dass ein schwelender Sorgerechtsstreit der Auslöser gewesen sein soll.

Schutz für das Sana-Klinikum. Als die Schwerstverletzte hier behandelt wurde, bewachten Polizisten das Krankenhaus. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

„Wenn die Frau überlebt, dann ist das nur dem Umstand zu verdanken, dass das Seil nach 250 Metern von der Anhängerkupplung gerutscht ist“, sagt Thomas Klinge von der Staatsanwaltschaft Hannover im Gespräch mit der Dewezet. Der Fall der jungen Mutter aus Hameln, die von ihrem Ex-Mann offenbar zu Tode geschleift werden sollte, macht auch den erfahrenen Oberstaatsanwalt fassungslos. Aus dem Umfeld der Familie des Opfers ist zu hören, dass ein schwelender Sorgerechtsstreit Auslöser der unfassbaren Tat gewesen sein soll. „Es ging auch um die Ehre des Mannes“, behauptet jemand, der dem Opfer nahesteht. „In unserem Kulturkreis ist das so.“ Der Verdächtige und das Opfer sind deutsche Staatsbürger, sie haben aber einen türkisch-kurdischen Hintergrund. Die Ermittler prüfen auch, ob das Motiv Eifersucht und die Ehrenmord-Problematik eine Rolle spielen. „Bei so einem Verbrechen werden wir alles daransetzen, die Hintergründe restlos aufzuklären“, sagt der Oberstaatsanwalt. Was letztlich dazu geführt hat, dass der 38-Jährige dermaßen ausgerastet ist, verraten die Behörden nicht.

Jemand der sowohl die Frau als auch den Mann kennt, scheint mehr zu wissen. „Er ist mit einer Frau verheiratet. Weil sie ihm keine Kinder geschenkt hat, trennte er sich von ihr und heiratete nach islamischen Glauben die Hamelnerin.“ Vor zwei Jahren kam ein Sohn zur Welt. Er ist der Stolz des Vaters. Sein Ansehen im kurdischen Kulturkreis sei gestiegen. Auf seiner Facebook-Seite hat er Fotos eingestellt, die ihn mit dem Jungen zeigen. Die Beziehung scheiterte. Er blieb in Bad Münder, sie zog zu ihrer Mutter nach Hameln. Die Eltern ließen sich nach dem islamischen Glauben scheiden, kümmerten sich abwechselnd um den Jungen. Jedes zweite Wochenende holte der Vater den Kleinen in Hameln ab. Als der Mann vor einigen Monaten eine Frau aus Syrien ehelichte, soll sich die Mutter große Sorgen um das Kind gemacht haben. Sie wollte wohl nicht, dass der Junge bei dieser Frau aufwächst, ging zu einer Anwältin, um das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Ihrem Ex habe das nicht gepasst. Er soll mit allen Mitteln um das alleinige Sorgerecht gekämpft und sie sogar bedroht haben. „Sie hatte Angst vor ihm“, sagt eine Quelle. Der 38-Jährige soll in der vergangenen Woche gesagt haben, sie werde in den nächsten Tagen was erleben, wenn sie nicht ihre Angaben bei Gericht und bei der Anwältin zurückziehe. „Beide wollten das alleinige Sorgerecht haben. Es ging aber wohl auch um materielle Dinge, darum, wer das Gold, das eine Braut bei einer kurdischen Hochzeit erhält, bekommt.“ Mit der Tat, davon sind Leute überzeugt, die der Frau nahestehen, wollte der Tatverdächtige ein Zeichen setzen: „Alle sollten sehen, dass er ein Mann ist. Er wollte damit sagen: Mit mir kann man das nicht machen. Ich bin der Boss. Ich kann sogar ein Leben beenden. Es war Rache. Für ihn war das eine Frage der Ehre.“

Am Samstag soll der 38-Jährige mit seiner neuen Frau aus Syrien eine Hochzeit in Hildesheim besucht haben. „Er hat mit ihr getanzt und viel gelacht. Es sah so aus, als sei er glücklich. Wir dachten, jetzt wird alles gut, jetzt wird er seine Ex-Frau in Ruhe lassen. Am nächsten Tag sticht er auf sie ein und bindet sie hinter sein Auto. Niemand kann das verstehen.“ Die Hamelnerin sei eine „ganz tolle Frau“, sagt eine Freundin. „Warmherzig, gut gelaunt, nett und hilfsbereit.“ Sie habe sich für Frauen-, Kinder- und Kurdenrechte eingesetzt und liebe ihren Sohn. Das alles habe ihrem Ex nicht gepasst.

Die junge Frau, die am Sonntagabend im Hamelner Sana-Klinikum notoperiert worden ist, schwebt noch immer in Lebensgefahr. Foto: ube
  • Die junge Frau, die am Sonntagabend im Hamelner Sana-Klinikum notoperiert worden ist, schwebt noch immer in Lebensgefahr. Foto: ube

Die Verletzte schwebt in Lebensgefahr, liegt im Koma. Die Hamelnerin habe vom Kopf bis zu den Füßen schwerste Verletzungen davongetragen, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge. Am späten Sonntagabend trafen eilig angeforderte Einheiten der Bereitschaftspolizei in Hameln ein. Mit Mannschaftswagen wurden Sonderstreifen gefahren. An der Zentralstraße sicherten Beamte das Gebäude des Zentralen Kriminaldienstes, in dem der Verdächtige vernommen wurde. Sowohl an der Lohstraße als auch an der Zentralstraße hatten sich mehrere Dutzend Angehörige versammelt, die von der Polizei Auskünfte haben wollten. Auch das Krankenhaus und der Rettungshubschrauber wurden bis zum Abtransport des Opfers von der Polizei und von einem Sicherheitsdienst bewacht. Polizisten standen stundenlang vor dem Haupteingang – sie ließen keine Verwandten in die Klinik.

Die Schwerstverletzte wurde nach Informationen unserer Zeitung unter Polizeischutz gestellt. Die Ermittler geben deshalb auch nicht den Ort bekannt, an dem sich die Klinik befindet, in der die Frau behandelt wird. Racheakte können zumindest nicht ausgeschlossen werden. Auch das Amtsgericht Hameln wurde am Montag von der Polizei bewacht. Gegen 15.30 Uhr wurde dort der Tatverdächtige einer Haftrichterin vorgeführt.

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