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Staatsanwaltschaft will Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen

Gewalttat in Hameln: Opfer liegt im Koma

HAMELN. Der 28 Jahre alten Hamelnerin, die am frühen Sonntagabend in der Südstadt Opfer eines unfassbar brutal ausgeführten Verbrechens geworden ist, geht es nach wie vor „sehr schlecht“. Sie liege im Koma, sagte Polizeioberkommissar Jens Petersen am Montagvormittag auf Anfrage. Die Staatsanwaltschaft will derweil gegen den 38 Jahre alten Tatverdächtigen aus Bad Münder einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen.

Nach einer ersten Notoperation in Hameln schiebt ein Rettungsteam die Schwerstverletzte in den Intensivtransporthubschrauber „Christoph Niedersachsen“. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite

In der Nacht wurde eine erste Notoperation an der jungen Frau durchgeführt. Vermutlich sollten die starken Blutungen gestoppt werden. Eine fliegende Intensivstation brachte die Bewusstlose um 23.15 Uhr in eine unter anderem auf Schädel-Hirn-Verletzungen spezialisierte Fachklinik. Dort wurde eine zweite Notoperation veranlasst. Die Schwerstverletzte schwebe immer noch in Lebensgefahr, sagte Petersen am Montag.
Der 38 Jahre alte mutmaßliche Täter stammt aus Bad Münder. Er hat sich unmittelbar nach der Tat der Polizei gestellt. In der Hamelner Polizeiwache ließ er sich widerstandslos festnehmen. Die Staatsanwaltschaft Hannover kündigte am Montagvormittag an, sie werde einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen. Wer einen Menschen mit einem Auto zu Tode schleifen will, handelt besonders grausam. Das ist ein Mordmerkmal. Am späten Nachmittag wurde der Mann einem Haftrichter vorgeführt. Der Tatverdächtige und das Opfer sind deutsche Staatsbürger, sie haben aber einen türkisch-kurdischen Hintergrund. Beide waren nach dem islamischen Glauben, nicht aber nach dem deutschen Recht, miteinander verheiratet. Ein Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind könnte der Auslöser für die Tat sein. Davon sind Freunde des Paares überzeugt.

Hier spielte sich die Tat ab

Das blutüberströmte Opfer war gegen 18 Uhr auf einem Fußweg an der Kaiserstraße gefunden worden. Auf der Straße wird erzählt, die Frau habe auch Stichverletzungen erlitten. Weder Polizei noch Staatsanwaltschaft wollten dazu Angaben machen – „aus kriminaltaktischen Gründen“. Der mutmaßliche Täter soll der Hamelnerin einen Strick um den Hals gelegt und das andere Ende an der Anhängerkupplung eines Autos befestigt haben. Dann setzte er sich hinter das Steuer, gab Gas und zog die 28-Jährige auf Asphalt und Kopfsteinpflaster durch mehrere Straßen. Als die Frau in der Nähe des Bahnhofs beim Abbiegen auf die Kaiserstraße auf einen Fußweg geschleudert wurde, löste sich das Seil vom Wagen.

Am späten Sonntagabend trafen eilig angeforderte Einheiten der Bereitschaftspolizei in Hameln ein. Mit Mannschaftswagen wurden Sonderstreifen gefahren. An der Zentralstraße sicherten Beamte das Gebäude des Zentralen Kriminaldienstes, in dem der Verdächtige vernommen wurde. Sowohl an der Lohstraße als auch an der Zentralstraße hatten sich mehrere Dutzend Angehörige versammelt, die von der Polizei Auskünfte haben wollten. Auch das Krankenhaus und der Rettungshubschrauber wurden bis zum Abtransport des Opfers von der Polizei und von einem Sicherheitsdienst bewacht. Polizisten standen vor dem Haupteingang – sie ließen keine Verwandten in die Klinik. Die Schwerstverletzte wurde nach Informationen unserer Zeitung unter Polizeischutz gestellt.
Die Ermittler geben deshalb auch nicht den Ort bekannt, an dem sich die Klinik befindet, in der die Frau behandelt wird. Racheakte können zumindest nicht ausgeschlossen werden. Die Inspektion hat offenbar aus Vorfällen am Amtsgericht und am Sana-Klinikum Lehren gezogen – im Januar 2015 war ein nach einem Tankstellen-Überfall festgenommenes Mitglied einer libanesischen Großfamilie aus dem Amtsgericht Hameln in den Tod gestürzt. Tumulte und Ausschreitungen waren die Folge. Zahlreiche Polizisten erlitten Verletzungen. Wochenlang wurden Personen und Gebäude geschützt. Der Leiter der Inspektion, Kriminaldirektor Ralf Leopold, sprach seinerzeit von „einer Stadt im Ausnahmezustand“.     
Mann und Frau sind laut Staatsanwaltschaft nach deutschem Recht nicht verheiratet. Beide sollen aber miteinander liiert gewesen sein. Das sind jedenfalls die ersten Erkenntnisse der Ermittler. Der Tatverdächtige und das Opfer sind deutsche Staatsbürger, sie haben aber einen türkisch-kurdischen Hintergrund. Die Ermittler prüfen, ob das Motiv Eifersucht und die Ehrenmord-Problematik eine Rolle spielen. „Bei so einem Verbrechen werden wir alles daransetzen, die Hintergründe restlos aufzuklären“, sagte der Oberstaatsanwalt.
Die für Tötungsdelikte zuständigen Ermittler des 1. Fachkommissariats und Experten der Kriminaltechnik waren auch am Montag damit beschäftigt, Spuren zu sichten und zu bewerten. Auch das Auto des Mannes werde untersucht, sagte Oberkommissar Jens Petersen. Bis kurz vor Mitternacht hatten Beamte in den weiträumig abgesperrten Straßenzügen nach Hinweisen und Beweismitteln gesucht.

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  • 22 Stunden nach dem Verbrechen wird der Tatverdächtige (weißer Overall) einem Haftrichter vorgeführt. Seine Hände sind gefesselt. Foto: ube
Tatort Hameln: Hier geschah die unfassbare Tat, dass ein Mann seine Noch-Ehefrau hinter sein Auto band und durch mehrere Straßen schleifte. Foto: Archiv
  • Tatort Hameln: Hier geschah die unfassbare Tat, dass ein Mann seine Noch-Ehefrau hinter sein Auto band und durch mehrere Straßen schleifte. Foto: Archiv
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