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Erlebniswanderung im Nordosten des Kurortes / Der Schellenturm ist wieder ein besonders attraktives Ausflugsziel

Geschichte und Geschichten vom Pyrmonter Berg

Der Pyrmonter Berg, der den klimatisch begünstigten Pyrmonter Kessel nach Norden hin abschließt und schützt, ist nicht nur ein landschaftlich reizvolles Gebiet. Der Wanderer begegnet in seinen Wäldern auch Zeugen längst vergangener Zeiten; an anderen Stellen werden wiederum Erinnerungen geweckt an Ereignisse, die nur hundert Jahre und weniger zurückliegen. Das Hauptziel dieser Rundwanderung, der Schellenturm am südlichen Steilabfall des Schellenbergs, ist ein perfektes Ziel, um den schönen Rundblick zu genießen. Just im vergangenen Jahr ist er aufwändig restauriert worden und kann jetzt wieder bestiegen werden. Das war auch notwendig, denn der im Jahr 1824 aus den Trümmern einer 1183 erbauten Burg errichtete Turm war vom Verfall bedroht. Er wäre wohl auch abgerissen worden, hätten sich Pyrmonter Bürger nicht so vehement für den Erhalt des beliebten und mittlerweile unter Denkmalschutz gestellten Ausflugszieles eingesetzt.

Autor:

Ingeborg Müller

Der Schellenturm repräsentiert ein Stück Pyrmonter Geschichte. Möglicherweise hat die Schellenburg bereits eine Vorgängerin gehabt, zumal in einer späteren lateinischen Chronik von einem erneuten Bau (de novo) die Rede ist. Der Sage nach soll dort Thusnelda, die spätere Frau des Cheruskerfürsten Arminius, Held der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 n.Chr., als Priesterin gelebt haben. Ein sprechender Vogel, so heißt es, habe ihr über die Geschehnisse im Land berichtet, „Hessental blank, Hessental blank!“ soll er eines Tages bei einem versuchten Überfall der mit glänzenden Rüstungen und Waffen durch das Tal heraufziehenden Römer gerufen haben, sodass der Angriff rechtzeitig vereitelt werden konnte.

Thusneldas Leben endete schließlich tragisch in römischer Gefangenschaft, die auch ihr Sohn mit ihr teilen musste. Mitschuldig daran war ihr Vater Segestes, ein Cheruskerfürst wie Arminius, im Gegensatz zu diesem jedoch aufseiten der Römer kämpfend. Er hatte es seiner Tochter nie verziehen, dass sie den von ihm erwählten Ehemann verschmähte und sich von Arminius rauben ließ.

Dass zur fraglichen Zeit tatsächlich höher gestellte Germanen im Norden des Pyrmonter Tals gelebt haben, beweist das sogenannte „Germanengrab“, das wir bei unserer Wanderung auf einem Bergsporn des Eschenkamps finden. Bei einer Öffnung im Jahr 1908 fand man dort die Überreste eines etwa 1,90 Meter großen Mannes, ausgerüstet mit einem kurzen Eisenschwert und mit einem Pferd bestattet. Die Art der Beisetzung lässt auf die Zeit um Christi Geburt schließen. Seit der Graböffnung schmückt ein Findling die Grabstätte; auf ihm wurde die Bezeichnung „Germanengrab“ in Runenschrift eingemeißelt.

3 Bilder

Kein Grab, aber die an eine Mordtat gemahnende Gedenkplatte auf dem Kamm des Pyrmonter Berges gehört ebenfalls zu unseren Zielen. Sie liegt etwas abseits vom Weg an jener Stelle im Wald, wo 1893 der Schuhmacher August Paatz aus dem heute zu Bad Pyrmont gehörenden Dorf Holzhausen seine Geliebte, die Arbeiterin Amalie Prasse, erdrosselt hat. Die Leiche wurde erst nach neun Tagen gefunden. An der Suche beteiligten sich damals viele Menschen, darunter auch zwei Jungen, die 64 Jahre später jenen Gedenkstein anfertigen ließen. „Malchens Ruh“ steht darauf und neben den Anfangsbuchstaben von Opfer und Täter auch jene der beiden Stifter. August Paatz wurde übrigens vom Schwurgericht Hannover zum Tode verurteilt, vom Fürsten von Waldeck-Pyrmont jedoch zu lebenslanger Haft begnadigt. 25 Jahre verbrachte er im Gefängnis in Celle. Nach dem Ersten Weltkrieg kam er durch eine Amnestie frei und soll 1937 als achtbarer Bürger in Bremen gestorben sein.

Ein Stück Geschichte ist schließlich auch der Kirschenweg, auf dem wir aus dem Hessental ansteigen. Von ihm wird im vorhergehenden Vorschlag berichtet.

Diese Wanderung beginnt beim Wanderparkplatz Friedensthal bei Bad Pyrmont am Eingang zum Hessental. Um dorthin zu gelangen, verlassen Autofahrer, aus Richtung Hameln über Emmerthal kommend, die Fahrstraße nach Bad Pyrmont am besten schon in Thal und überqueren dort die schöne Steinbrücke über die Emmer. Dann fahren sie jenseits des Flüsschens nach Löwensen und durch die liebevoll gestaltete und im Schritttempo zu befahrende Straße Am Hessebusch nach Friedensthal und dort bis zum Waldrand. Vom Bahnhof Bad Pyrmont an der S-Bahnlinie Hannover–Paderborn kann man über die Dringenauer Straße nach Löwensen und weiter nach Friedensthal gehen oder mit der Buslinie 700 Bad Pyrmont–Lemgo der Busverkehr Ostwestfalen GmbH (BVO), Geschäftsstelle Detmold, bis zum Café Friedensthal fahren.

Am Wanderparkplatz beweisen die vielen Hinweise und Markierungen die Beliebtheit des Hessentals als Ausgangspunkt für Spaziergänge und Wanderungen. Wir verlassen hier die Straße nach rechts und wandern – bei der Gabelung nach links – auf der Forststraße unter dem Dach hoher Buchen bergan. Links von uns steigt jenseits des tief eingeschnittenen Tals der Eschenkamp an. Den ersten Querweg beachten wir nicht. Später biegt eine Forststraße haarnadelförmig nach rechts ab, zum Büsseberg und zur Hohen Stolle beschildert. Oberhalb dieses Abzweigs weist ein Schild auf den schmalen Kirschenweg nach Gellersen, auf dem wir nach einigen Stufen ziemlich steil ansteigen. Dabei stellen wir uns die Gellerser Frauen vor, die hier ihre süße Last herunter trugen und den Weg mit vermutlich von eigenen Einkäufen gefüllten Kiepen wieder hinaufgehen mussten. Oben führt unser Wanderweg

durch jüngeren Buchenwald, später zwischen Koppeln und, leicht bergab, noch einmal in den Wald.

Wir bleiben auf dem jetzt breiteren Hauptweg bis zum Waldrand und wandern an ihm entlang. Eine besonders liebliche Landschaft können wir von hier aus betrachten mit den Orten Gellersen und Amelgatzen im Kranz der Berge. Bei einer Kreuzung führt eine Straße hinab nach Gellersen, während wir in die jenseitige Richtung in den Wald laufen, den Wegweisern zur Sennhütte und weiteren Zielen folgend. Die 10 des großen Rundwegs um Aerzen und die X6 des Niedersachsenweges begleiten uns, zunächst zum beschilderten „Standort Alter Postweg“ und dann bei einer Gabelung nach links. Wir steigen beständig an und überqueren das oberste Stück einer weit in den Wald vorgeschobenen Wiese.

Dann zweigt nach rechts der Kammweg über den Pyrmonter Berg ab, auf den uns die 10 verlässt, während wir weiter geradeaus den Kamm überschreiten, bis wir sehr bald auf einen breiten Weg stoßen. Ihm folgen wir jetzt nach rechts und werden nach etwa 400 Metern vor einer leichten Linkskurve von einem Wegweiser nach rechts in den Wald zu „Malchens Ruh“ geführt. Die Orientierungstafel ist schon von der Forststraße aus zu erkennen. Dorthin zurückgekehrt haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder wir gehen zum letzten Abzweig zurück und folgen dort der X6 nach rechts auf unserem bisherigen Weg oder wir wandern auf unserem bequemen Forstweg weiter und steigen allmählich erst nach Westen und dann im spitzen Winkel nach Osten auf der bei Spaziergängern beliebten Bergstraße am Südhang des Pyrmonter Berges ab.

Beide Wege stoßen bei einer Kreuzung zusammen. Von dem Fernwanderzeichen

und Wegweisern lassen wir uns jetzt leicht bergab zum Schellenturm und zum Germanengrab leiten. Tiefe Gräben und hohe Wälle machen uns auf die einstige Schellenburg aufmerksam, der Zugang zum Turm bleibt uns jedoch verwehrt. Ein wenig entschädigt uns allerdings die Fernsicht vom Wanderweg, nachdem wir den über uns stehenden Turm nach links umrundet haben.

Wir wandern geradeaus über eine Kreuzung, wo uns die Markierung X6 auf einem Abstiegsweg verlässt, während wir zum Germanengrab und ins Hessental gewiesen werden. Wiederum steht dann in einer Linkskurve unseres Weges ein Wegweiser, der uns nach rechts zum Germanengrab führt. Von dort aus könnte man den Bergsporn umrunden; der Weg ist jedoch etwa im letzten Drittel nahezu unpassierbar. Deshalb gehen wir von der Gedenkstätte zurück zu dem Hauptweg und auf diesem hinunter in das Hessental. Vorbei an unserer Aufstiegsstelle zum Kirschenweg erreichen wir schließlich wieder den Wanderparkplatz.

„Germanengrab“ steht in Runenschrift auf dem Findling, der nach der Graböffnung aufgestellt wurde (links). Der Wanderparkplatz am Eingang zum Hessental ist Ausgangspunkt für eine Vielfalt an Ausflügen (rechts).




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