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Pastor Karl Hengstenberg veröffentlichte 1819 Daten und Fakten über Schaumburg in Versform

Geographisch-poetische Schilderung

Ob Herder, Tacitus, die Brüder Grimm, Wilhelm Busch oder Arno Schmidt – Geschichte, Schönheit und Eigenart des Schaumburger Landes haben schon viele große und kleine Dichter und Denker zu Papier und Feder greifen lassen. Der bislang wohl kurioseste Lesestoff über die heimische Region wurde vor knapp 200 Jahren im Rahmen eines ungewöhnlichen Literaturprojekts fabriziert, ein Buch mit dem Titel „Geographisch-poetische Schilderung sämtlicher Deutschen Lande“. Das Besondere daran: Alle der auf 336 Seiten zusammengetragenen, 1819 veröffentlichten Daten und Fakten sind in Verse gefasst. Als Autor ist ein Pastor namens Karl Hengstenberg (1770-1834) in die Literaturgeschichte eingegangen.

Das 1819 erschienene Werk „Geographisch-poetische Schilderung sämtlicher Deutschen Lande mit besonderer Rücksicht auf Gesc

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die „Grafschaft Schaumburg, Hessischen Antheils“ schilderte der reimende Geistliche so:

„Wo die Grafen Schauenburg geboten Im Gebirg‘ und an der Weser Rand,

Wo die hohe Grafenburg der Todten, Wo die Schauenburg schon lange stand,

Sendet Rinteln, was das Land erzeugte,

Leinwand die es freudig webt‘ und bleichte,

Gegenüber der Großmacht Preußen nahmen sich die Fürstentümer Schaumburg-Lippe (SL), Lippe-Detmold (LD) und die kurhessische Exkl
  • Gegenüber der Großmacht Preußen nahmen sich die Fürstentümer Schaumburg-Lippe (SL), Lippe-Detmold (LD) und die kurhessische Exklave Grafschaft Schaumburg (KH) geradezu unscheinbar aus.

Salz und Kohlen aus der kleinen Stadt;

Viel verschönt ward Nenndorfs Schwefelbad.“

Schon diese wenigen Zeilen machen deutlich, dass der in Wetter an der Ruhr, damals preußische Grafschaft Mark, tätige Pfarrer nicht unbedingt auf neue, wegweisende Erkenntnisse zur deutschen Geschichtskunde aus war. Zweck seiner Arbeit sei „bloß eine möglichst lebendige Darstellung des Merkwürdigsten Deutscher Lande und Städte durch Hülfe der Dichtkunst mit möglichster Vermeidung des Geschmacklosen“, ließ er seine Leser in der „Vorrede“ wissen.

Auch mit der historischen Wahrheit nahm es Hengstenberg nicht ganz so genau. „Etwas Vollendetes wird man nicht erwarten, wenn man bedenkt, mit welchem schwierigem Stoffe ich zu ringen hatte“, appellierte er an Nachsicht und Verständnis der Zeitgenossen. Unabhängig davon gebe es Gebiete und Staaten, bei denen es beim besten Willen nicht möglich sei, „sie poetisch darzustellen“.

Vor einer solchen Schwierigkeit scheint der Autor auch bei der Beschreibung „der Fürstl. Lippe-Schauenburgischen Lande“ geplagt worden zu sein.

„Lippe-Schaumburgs Gebiete Sind dem Weserstrom nicht fern,

Und den Flachs, der freudig blühte,

Spinnen die Bewohner gern.

Weserberge steh’n voll Bäume, Kornreich sind die ebnen Räume,

Schwere Rinder weiden gut,

Reichlich wärmt der Kohlen Gluth.

Der Steinhuder See hat Fische,

Und die Wälder hegen Wild.

Bäche zieh’n aus ihrer Frische

Mit Forellen angefüllt.

Hier, wo einst Cherusker standen, Ward Germanicus zu Schanden,

Und an dem Steinhuder Sumpf

Ward kein Sieg ihm, kein Triumph.

Bückeburg liegt an der Aue, Stadt und Schloß und Garten schön –

Froh bei seinem Ackerbaue, Ohne düstre Bergeshöh’n,

Sieht das ältere Stadthagen Stolz ein schönes Denkmal ragen,

Das auf einer Fürstengruft

Ernstens Bild in Seelen ruft.

Fest steht Wilhelmsstein im See, Wo Steinhude Fische fängt;

Blomberg webt in Detmolds Näh‘

Wo sich Berg an Berg gedrängt.

Eilsens Schlammbad wird gepriesen,

Waldumkränzt bei schönen Wiesen.

Alverdissens Grafenschloß

Steht, wo längs die Exter floß.

Kein Wunder, dass den „geographisch-poetischen“ Versuchen Karl Hengstenbergs kein dauerhafter Nachruhm beschieden war. Mehr Erfolg hatte er mit einigen seiner zum Teil bis heute gesungenen Kirchenlieder. In den Lebensbeschreibungen des Pastors wird oft auf dessen geradezu überschäumende patriotische Begeisterung hingewiesen. Das stellt ihn in eine Reihe mit vielen anderen Persönlichkeiten seiner Zeit. Nach der Vertreibung der napoleonischen Besatzer (1813-1815) und der anschließenden Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress (1814/15) hoffte das Gros der freiheitsliebenden deutschen Elite mit Literaten und Intellektuellen wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Ludwig („Turnvater“) Jahn, Johann Philipp Palm oder Theodor Körner an der Spitze auf die Entstehung eines nationalen Einheitsstaats. Bei Hengstenberg klingt das so:

„Fliege über Deutschlands Räume, Nun, mein wonnetrunkner Geist!

Träume deine schönen Traume,

Glück, das Zukunft uns verheißt.

Alle Brüder, alle Freunde, Nie durch Eigensucht getrennt –

Züchtigen vereint die Feinde,

Wenn’s an unsern Grenzen brennt.“

Kein Wunder, dass Pastor Hengstenberg bei der Zuordnung und Beschreibung der deutschen Nationalstaaten ab und an den Überblick verlor. Gegenüber der Großmacht Preußen nahmen sich die Mini-Fürstentümer Schaumburg-Lippe (SL), Lippe-Detmold (LD) und die kurhessische Exklave Grafschaft Schaumburg (KH) geradezu unscheinbar aus.



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