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Gemälde aus einer halben Million Stichen

Markus Duschek (42) ist sehr groß, kann breit grinsen und steht in seinem groben Pullover und der etwas ungelenk wirkenden Art da wie ein junger Bauer. Daran wäre auch gar nichts Auffälliges, wenn der Mann aus Haddessen bei Hameln nicht ein höchst ungewöhnliches Hobby hätte, das er mit größter Leidenschaft verfolgt: Er stickt. Seine feinen Bilder, die oft mittelalterliche Buchillustrationen zum Vorbild haben, bestehen aus bis zu einer halben Million Einzelstichen. Wenn er seine Werke ausstellt, wie aktuell gerade im Rintelner Heimatmuseum Eulenburg, dann kommen die Betrachter aus dem Staunen und dem neugierigen Fragen gar nicht mehr raus.

Eine von sechs Darstellungen des „Fischbecker Wandteppichs

Autor:

Cornelia Kurth

Es sind nicht nur die farbenfrohen und bis ins kleinste Detail sorgfältig ausgeführten Stickgemälde, die eine starke Faszination ausüben, es ist auch die Tatsache, dass hier ein Mann, gelernter Elektriker, der im Hamelner Hefehof arbeitet, Hunderte und Tausende von Stunden mit einer Arbeit verbringt, die früher traditionell von fleißigen Nonnen ausgeführt wurde und die schon immer als typisch weibliche Beschäftigung galt. Spricht ihn jemand darauf an, dann lacht er nur: „Für mich ist das Sticken einfach eine Handwerksarbeit, nicht anders, als zum Beispiel ein Kettenhemd anzufertigen oder etwas aus Holz zu schnitzen.“

Tatsächlich interessiert Markus Duschek sich schon seit seiner Jugend für die Welt des Mittelalters und baute, bastelte auch andere Dinge, zum Beispiel besagte Kettenhemden oder hölzerne Spiele, die in diese Welt gehörten. Über 300 Bücher über das Mittelalter besitzt er, jeden Film zum Thema sieht er sich an, er zeichnet Bilder, ist Kunsttischler und spielt in einer Theatergruppe mit. Trotzdem hat es ihn mit dem Sticken auf ganz besondere Weise erwischt. „Ich kann es nicht genau erklären“, sagt er. „Doch wenn ich irgendwo ein Bild sehe, das mir gefällt, dann muss ich es einfach in eine Stickerei umsetzen. Bis dahin lässt es mir keine Ruhe.“

Die Kunst des Stickens hat er sich ganz allein beigebracht. Es begann vor etwa 20 Jahren mit einer Teilkopie des berühmten Wandteppichs von Bayeux. Dafür holte er sich ein altes Stück Leinen aus irgendeiner Truhe, besorgte sich Stickgarn der Firma Adler, der er bis heute treu ist wie einer ersten Liebe, und legte los, ohne Vorwissen, ohne Lehrer und doch so, dass die Stickerei mit den normannischen Kriegern, die im Jahr 1066 England erobern, nach wenigen Probezentimetern einfach perfekt aussieht. Wie die einzelnen Stiche heißen, das weiß er gar nicht und es interessiert ihn auch nicht. Hauptsache, das Ergebnis ist in sich stimmig und überzeugend.

„Das ist ja schon eine Sucht“, hat eine Ausstellungs
  • „Das ist ja schon eine Sucht“, hat eine Ausstellungsbesucherin mal gesagt. „Klar ist das eine Sucht“, antwortete Duschek.
Nadel, Faden, Leinentuch und ein kleiner runder Stickrahmen: Die
  • Nadel, Faden, Leinentuch und ein kleiner runder Stickrahmen: Die Werkzeuge, die Markus Duschek für sein Hobby braucht.

Der Teppich von Bayeux war nur der Beginn einer inzwischen 15 großformatige Stickbilder umfassenden Serie. Konnte er sich bei seinem ersten Stück noch an einer bereits gestickten Vorlage orientieren, lag die spätere Herausforderung auch darin, gemalte Vorlagen so zu analysieren, dass sich Pinselstriche in Stickstiche umsetzen ließen. Mittelalterliche Kalenderblätter, ägyptische Grabverzierungen, schließlich auch Fotos, die lichtdurchflutete Kreuzgänge eines französischen Klosters zeigen oder gar eine moderne Illustration aus Tolkiens Roman „Das Silmarillion“ – all diese Bilder, bei denen er das Gefühl bekam: „Die sollen es sein!“, sie konnten ja nicht einfach eins zu eins in Stickerei umgesetzt werden.

So legt er ein engmaschiges Quadratgitter über die Vorlage und dann, vergrößert, auf das Leinen, überträgt das Bild auf ganz feinmaschiges Tuch, macht sich Notizen zur Farbverteilung und gibt manchen Motiven durch kleine Formatänderungen den letzten Schliff. Sind Mauern zu sticken, versetzt er die Stiche auch wie ein Maurer, der Stein auf Stein setzt. Lichteffekte unterstreicht er, indem er die Stickrichtung so anpasst, dass sich das Licht auch auf dem Stickgarn bricht. Und geht es um Gebüsche oder Bäume, dann folgt er beim Setzen der Stiche seinem Instinkt: „Blätter, die sticke ich wie Kraut und Runkel!“

Sein Werkzeug sind Nadel, Faden, Leinentuch und ein kleiner runder Stickrahmen, Dinge, die locker in eine Stofftasche passen, die er immer mit sich herumträgt. Durchschnittlich zwei Stunden pro Tag stickt er, im Urlaub aber können es locker auch zehn Stunden oder mehr an einem Stück sein.

„Das ist ja schon fast eine Sucht“, wagt eine Ausstellungsbesucherin anzumerken. „Ja klar“, antwortet er. „Klar ist das eine Sucht. Wie Rauchen! Wenn ich mal zwei Tage nicht sticken kann, dann geht es mir sehr schlecht.“

Wie ein Süchtiger fragt er auch nicht groß danach, ob ihn seine Leidenschaft teuer zu stehen kommt. Ein Bündel Stickgarn kostet 1,30 Euro, und er braucht sehr viel davon. Für das anderthalb mal zwei Meter große Bild von Tolkiens weißer Stadt Gondolin, die in einer grandiosen Berglandschaft liegt, verstickte er Garn im Wert von 600 Euro, dazu kommen noch die Kosten für Leinwand, Rahmen und das Glas. „Wie soll ich so ein Bild jemals verkaufen?“, sagt er. „Ich habe über ein Jahr lang täglich daran gearbeitet.“ Noch verrückter als das Tolkien-Stickbild in seinem hellen Glanz ist Markus Duscheks jüngstes Werk, die komplette Ebstorfer Weltkarte aus dem 11. Jahrhundert, die einst auf 30 zusammengenähten Pergamentblättern entstand und in vielen kleinen einzelnen Bildchen Gebäude, Städte, Flüsse und Weltteile zeigt, so wie sie das Mittelalter zu verorten wusste. Die gesamte kreisrunde Karte ist bedeckt mit winzigen lateinischen Texten, die der Stickmeister Buchstabe für Buchstabe übernahm, sechs hauchdünne Schussfäden für jeden Buchstaben, und doch kann man alles Wort für Wort lesen, zumal er ab der Mitte der Karte die Texte einfach auf Deutsch einsetzte: „Wozu mach ich mir sonst die ganze Mühe, wenn niemand versteht, was da steht.“

Für diese Weltkarte brauchte er ganze anderthalb Jahre, um sie fertigzustellen. Gefragt, ob er nicht jemanden finden könnte, der ihm hilft – ähnlich wie die Nonnen früher ja auch in Gruppen an den großen Bildteppichen stickten – wehrt er entschieden ab. „Was! Helfer? Nein! Das ist ganz allein meine Sache.“

Manchmal hatte er allerdings doch eine Helferin, sein kleines Patenkind Cecilia, die ihm half, die dünnen Wollfäden nach Farbzusammenstellungen zu sortieren. Zum Dank benannte er eine Insel auf der Ebstorfer Weltkarte mit ihrem Namen.

Gerne zeigt er anderen, woran er gerade arbeitet. Dann holt er den hölzernen, auf einem Leinen befestigten Stickrahmen heraus, nimmt ihn bedächtig in die Hand und beginnt zu sticken, flink, sicher, ganz versunken, als müsse er nur ein schon bereits fertiges Bild nachvollziehen. So leicht sein Arbeiten aussieht, es gehört doch große Konzentration dazu. Nicht nur würden ungeschickt gesetzte Stiche sofort die Harmonie des Bildes stören, es kommt ja auch darauf an, die nur millimeter dicken Fäden verschiedenfarbig zu bündeln, damit diese tolle, manchmal fast fotorealistische Farbgebung entsteht.

Im Vordergrund eines Motivs sind es sechs Fäden, die er gleichzeitig verwendet, im Hintergrund nur noch drei, um die Wirkung der Perspektive zu verstärken. Selbst auf einer Nilfahrt in Ägypten hat er so dagesessen und Motive von Grabwänden und Sarkophagen nachgestickt.

Schon mancher Betrachter seiner Bilder fragte ihn, ob er nicht mal einen öffentlichen Auftrag annehmen könnte. Kirchen seien doch sicher an seinen Kunstwerken interessiert, oder auch Bischöfe, die ein besonders schönes Messgewand benötigen. Doch da zeigt sich Markus Duschek seltsam gleichgültig. „Ich kann nur etwas sticken, zu dem es mein Herz hinzieht“, erklärt er. „Es wäre vollkommen unmöglich, an einem Stück zu arbeiten, das ich nicht selbst ausgesucht habe.“

Ausstellung: „Clementine von Münchhausen trifft Markus Duschek“, noch bis 28. Februar, Museum Eulenburg, Klosterstraße 21, Rinteln.

Nadel, Faden, Leinentuch und ein kleiner runder Stickrahmen: Die Werkzeuge, die Markus Duschek für sein Hobby braucht.

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