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Zur Geschichte des Strafvollzuges in Hameln gehören qualvolle Isolationshaft und echte Reformen

Gelderblom: Manche wurden wahnsinnig dabei

Hameln. Er gilt als ausgewiesener Experte vor allem für die jüngere Hamelner Stadthistorie, hat sich intensiv mit der Geschichte der Juden der Stadt beschäftigt, über die Situation der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs aufgeklärt und eine ebenso umfang- wie erfolgreiche Ausstellung über die NS-Erntedankfeste auf dem Bückeberg zusammengestellt. Zahlreiche Bücher zeugen außerdem von den Forschungsarbeiten des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom, der gestern sein jüngstes Werk über die Geschichte der verschiedenen Hamelner Haftanstalten in der Jugendanstalt (JA) in Tündern vorgestellt hat.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Hameln. Er gilt als ausgewiesener Experte vor allem für die jüngere Hamelner Stadthistorie, hat sich intensiv mit der Geschichte der Juden der Stadt beschäftigt, über die Situation der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs aufgeklärt und eine ebenso umfang- wie erfolgreiche Ausstellung über die NS-Erntedankfeste auf dem Bückeberg zusammengestellt. Zahlreiche Bücher zeugen außerdem von den Forschungsarbeiten des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom, der gestern sein jüngstes Werk über die Geschichte der verschiedenen Hamelner Haftanstalten in der Jugendanstalt (JA) in Tündern vorgestellt hat. Es trägt den Titel „Vom Karrengefängnis zur Jugendanstalt“ und basiert auf einer Ausstellung, die Gelderblom im Jahr 2008 zum 30-jährigen Bestehen der größten europäischen Jugendhaftanstalt zusammengestellt hatte.

Die Anregung, mit diesem Buch den Inhalt der Ausstellung für die Nachwelt zu erhalten, hatte Christiane Jesse, die Leiterin der JA, gegeben und mit der Zusage, ein größeres Kontingent an Büchern zu übernehmen, gleichzeitig die Drucklegung beim Verlag Jörg Mitzkat in Holzminden ermöglicht. Jesse, die das Buch gemeinsam mit Gelderblom präsentierte, dankte dem Historiker für seine Arbeit, denn die Geschichte der Hamelner Haftanstalten war bisher nur in Teilen erforscht; viele Akten waren nicht zentral erfasst und lange Zeiträume nicht dokumentiert.

Gelderblom berichtet in dem rund 100 Seiten umfassenden Buch von den üblen Zuständen, die beispielsweise in dem 1698 errichteten Karrengefängnis am Langen Wall herrschten, das bis Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem als Arbeitskräftereservoir für die große Hamelner Festung diente und dessen Insassen auch bei der von Napoleon angeordneten Schleifung eingesetzt wurden.

Der neue Stockhof löste nach einer Reform der Strafanstalten 1820 das Karrengefängnis ab. Es sollte nach den Reformvorstellungen der hannoverschen Regierung eine Anstalt werden, in der das Ziel zu verfolgen war, die Häftlinge durch regelmäßige körperliche Arbeit zu bessern. Eine an sich gut gemeinte Reform führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu, dass ein Bau mit 85 Einzelzellen errichtet wurde und die dort Einsitzenden keinerlei Kontakt zueinander haben durften. „Manche wurden wahnsinnig dabei“, berichtet Gelderblom. „Es wurde damit die Absicht verbunden, kriminelle Infektionen zu verhindern.“ Selbst in der Kirche hatte jeder eine Art Isolationszelle, einen sogenannten „Stall“, der dem Häftling nur den Blick auf den Altar erlaubte, aber den Kontakt zum Sitznachbarn unterband. Vorbild dieser neuen Form der Inhaftierung war nach Feststellung des Hamelner Historikers das britische Gefängnis von Pentonville. Es habe als „Mustergefängnis zur Standardlösung von Zellengefängnissen für Einzelhaft“ gegolten, wie Gelderblom schreibt.

Ausführlich werden auch die Geschichte des Zuchthauses zur Nazizeit und der Wandel dargestellt, den die Zustände in dieser Zeit erlebten. Kleinstkriminelle wurden von den Nazis als Schwerverbrecher verurteilt, Homosexuelle massiv verfolgt und mit Zuchthausstrafen belegt, Juden und politische Gegner inhaftiert. Nach dem Krieg übernahmen die Briten bis 1950 die Haftanstalt und machten sie zur Hinrichtungsstätte. 1955 wurde das Gefängnis geschlossen, drei Jahre später aber als Jugendstrafanstalt mit reinem Verwahrcharakter wieder in Betrieb genommen. Erst Dr. Gerhard Bulczak sorgte mit der Entwicklung des „Hamelner Modells“ dafür, dass junge Straftäter die Möglichkeit bekamen, im Knast Schul- und Berufsausbildungen abzuschließen und sich auf ein Leben nach Verbüßung ihrer Strafe vorzubereiten.

Das alles gehört, wie Christiane Jesse betont, zur Stadtgeschichte Hamelns und wird von Gelderblom erstmals zusammenhängend dargestellt.

Das im Verlag Jörg Mitzkat erschienene Buch kostet 14,80 Euro.

Christiane Jesse, Leiterin der Jugendanstalt in Tündern, präsentiert gemeinsam mit dem Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom dessen neuestes Buch „Vom Karrengefängnis zur Jugendanstalt – über 300 Jahre Strafvollzug in Hameln“.

Foto: wft




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