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Pyrmonts Bürgermeister Willy Steinke starb acht Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs

Gefallen in Flandern

Erst gut ein halbes Jahr ist Max Willy Steinke Bürgermeister von Bad Pyrmont, als er im September 1914 zum Dienst an der Kriegsfront eingezogen wird. Am 5. Mai 1915 fällt der 34-jährige Offizier in Flandern. Seiner Heimatstadt hat er den Titel „Bad“ hinterlassen. Die Verleihung fiel in seine kurze Amtszeit.

Autor:

WillY GerkING

Mit Verkündigung der Generalmobilmachung des Heeres am 1. August 1914 begann aus deutscher Sicht der später so genannte Erste Weltkrieg, den die im Westen beteiligten Franzosen und Briten auch als den Großen Krieg bezeichnen. Begeisterung erfasste viele Menschen in Deutschland. Jubelnd und zum Teil patriotische Lieder singend jubelten sie dem Waffengang entgegen. Wohl nur wenige Zeitgenossen konnten sich damals vorstellen, welchen Verlauf dieser von vielen „als reinigendes Gewitter“ herbeigesehnte oder herbeigeredete Krieg nehmen und mit welchem Resultat er enden würde. Mit Blumen bekränzt zogen die Soldaten an die Fronten im Westen und Osten des Deutschen Reiches – in der Überzeugung, das nächste Weihnachtsfest nach siegreichen Schlachten wieder zu Hause verbringen zu können. Doch diese Hoffnung verflog rasch. Bereits in der ersten Septemberwoche 1914 erstarrte die Front in der ersten Schlacht an der Marne und namentlich in Flandern und Nordfrankreich. Die Vormärsche blieben schnell im Stellungskrieg stecken.

Diese Entwicklung beendete bald jede Euphorie, besonders als sich die schweren Verluste summierten und Tausende verwundeter Soldaten untergebracht und versorgt werden mussten. Bad Pyrmont bekam diese Auswirkungen zu spüren, als dort Lazarette eingerichtet wurden. Bis Ende 1914 hatte das deutsche Heer allein auf dem westlichen Kriegsschauplatz einen Ausfall von 800 000 Soldaten zu verzeichnen, darunter 240 000 Gefallene, unter ihnen 18 000 Offiziere. Das war die Situation, als das Schicksal im Rahmen immer neuer Rekrutierungen auch den Pyrmonter Bürgermeister Max Willy Steinke traf. Er wurde am 10. September 1914 eingezogen. Steinke war erst 1913 in sein Amt an die Stadtspitze gewählt worden; am 16. Februar 1914 trat er es an. Während seiner kurzen Amtszeit war es ihm noch vor seiner Einberufung gelungen, dass „seiner Stadt Pyrmont“ das Prädikat „Bad“ verliehen wurde.

Willy Steinke kam am 28. Dezember 1880 in Barmen (Wuppertal) als Sohn des Rentners August und dessen Ehefrau Emilie Steinke (geb. Werner) zur Welt. Er heiratete später Martha Dohrs, mit der er zwei Kinder hatte. Als er eingezogen wurde, war er 33 Jahre alt. Seine Ausbildung hatte Steinke 1896 als Supernumerar bei der Stadtverwaltung in Barmen gemacht. Von 1904 bis 1909 arbeitete er als Kreisausschusssekretär in Ratzeburg und von 1909 bis 1914 als Bürgermeister, Standesbeamter und Amtsanwalt in Blomberg. Zum Zeitpunkt seiner Einberufung zum Militär bekleidete Steinke den Dienstgrad eines Leutnants der Reserve. Bald darauf erfolgte seine Beförderung zum Oberleutnant.

Erich Hasse stößt 1917

auf eine Spur des prominenten Pyrmonters

Der Pyrmonter Bürgermeister wurde in Flandern (Belgien) eingesetzt. Als er dort ankam, war der Vormarsch bereits im Stellungskrieg erstarrt. Als Offizier genoss er gewisse Privilegien. So konnte er sein Quartier in einem Privathaushalt beziehen. Im standesamtlichen Eintrag ist zu lesen, dass er am 5. Mai 1915 im Kriegslazarett im belgischen Staden gestorben ist. Laut Standesamt war Willy Steinke an seinem Todestag „Oberleutnant und Bataillonsführer“. Es ist allerdings zweifelhaft, ob er als Oberleutnant auch Bataillonskommandeur war: In der Position musste man Oberstleutnant gewesen sein. Vielleicht liegt ein Übertragungsfehler vor und Steinke war Kompanieführer, was seinem Dienstgrad eher entsprochen hätte. Auf seinem überlieferten Foto ist er als Oberleutnant erkennbar. Seine Einheit war das königlich-preußische Reserve Infanterieregiment Nr. 235. Steinke wurde ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Waldeckschen Verdienstkreuz IV. Klasse mit Schwertern.

Durch einen „eigentümlichen Zufall“ kam Erich Hasse aus Bad Pyrmont zwei Jahre nach Steinkes Tod an den Ort des Geschehens. Er berichtet davon in einem Feldpostbrief. Hasse, zweiter Sohn des damaligen Zigarrenfabrikanten Ernst Hasse sen. in Lügde, hielt sich im Mai 1917 im selben Haus auf, in dem Steinke eine gewisse Zeit gewohnt hatte. Zunächst beschreibt Hasse die Schönheit und Fruchtbarkeit der Landschaft und vermerkt dann: „In das Haus ist eine Granate eingeschlagen und hat die eine Hälfte fortgerissen, früher war es sicher ein sehr nettes Quartier. Als ich mit Sievers (Kamerad) sprach, erzählte er mir, daß der Bürgermeister von Pyrmont, Steinke, in der jetzt zerstörten Hälfte des Hauses im Quartier gelegen habe. Ich habe eben mit der Frau gesprochen und kannte sie ihn sehr gut. Er hat da die ganze Zeit gelegen und auch bei den Leuten gegessen. Sievers hatte zufällig den Namen Pyrmont erwähnt, und die Leute hatten sofort gefragt, ob uns der Name Steinke bekannt wäre. Steinke liegt auf dem Friedhof eines Dorfs, das nur fünf Kilometer entfernt liegt. Ich werde, wenn eben möglich, morgen nach dort reiten und einige Aufnahmen machen. Das würde doch sicher für die Frau eine nette Erinnerung sein.“ Der Ort, aus dem der 19-jährige Erich Hasse schrieb, heißt Hooglede; der Name des Dorfes, in dem Steinke bestattet wurde, ist nicht überliefert.

Unter Anteilnahme der

städtischen Behörden und der Bürgerschaft

Willy Steinke war die zweite Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aus Bad Pyrmont, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließ. Im Oktober 1914 war schon Prinz Wolrad von Waldeck-Pyrmont in seiner Funktion als Patrouillenführer gefallen. Im Frühjahr 1915 hatte der Gemeindevorstand um „Urlaub“ für Willy Steinke nachgesucht, was aber abschlägig beschieden wurde. Seine fruchtbare Arbeit für die Stadt fand auch in der Presse eine Würdigung, die in ihm „einen Mann von echtem Schrot und Korn“ sah, den man auch als tüchtigen Verwaltungsbeamten kennenlernen konnte.

Nachdem der Tod des Bürgermeisters bekannt geworden war, „trat der Bad Pyrmonter Gemeinderat am 8. Mai zu einer kurzen Sitzung zusammen, in welcher der Vorsitzende, Herr Holborn, dem Verstorbenen und seiner Amtsführung warme Worte der Anerkennung widmete und der Anteilnahme der städtischen Behörden und der Bürgerschaft an dem schweren Verluste, welcher unsere Badestadt betroffen, Ausdruck gab.“ Einen neuen Bürgermeister wählte der Gemeinderat der Stadt Bad Pyrmont erst im März 1916.

Willy Steinke als Oberleutnant. Er führte die Amtsgeschäfte als Bürgermeister von Bad Pyrmont nur für sieben Monate. Er starb im Alter von 34 Jahren.

Bad Pyrmont

April 1915: zerstörte Kirche von Langemark in Flandern (Belgien). Allein im Ringen um einen flachen Höhenzug bei Ypern starben Hunderttausende Soldaten.dpa




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