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Geburtsort: Zu Hause im Wohnzimmer

In Deutschland kamen im Jahr 2008 nur 1,48 Prozent aller Kinder außerhalb eines Krankenhauses zur Welt. Zu diesem Ergebnis kommt die Gesellschaft für „Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“. Überraschenderweise hat sich dieser Wert in den letzten zehn Jahren kaum verändert, und doch gibt es auch im Weserbergland einige Frauen, die sich für diese Form der Geburt entscheiden. Eine von ihnen ist die Rintelnerin Birgit Schiller. Zwei ihrer drei Kinder hat sie zu Hause zur Welt gebracht, die kleine Johanne erst im April vergangenen Jahres.

Autor:

Jessica Janson

In Deutschland kamen im Jahr 2008 nur 1,48 Prozent aller Kinder außerhalb eines Krankenhauses zur Welt. Zu diesem Ergebnis kommt die Gesellschaft für „Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“. Überraschenderweise hat sich dieser Wert in den letzten zehn Jahren kaum verändert, und doch gibt es auch im Weserbergland einige Frauen, die sich für diese Form der Geburt entscheiden. Eine von ihnen ist die Rintelnerin Birgit Schiller. Zwei ihrer drei Kinder hat sie zu Hause zur Welt gebracht, die kleine Johanne erst im April vergangenen Jahres. „Mir war schon vor der ersten Geburt ganz wichtig, dass ich die Person, die mich während der Geburt begleitet, vorher kennengelernt habe“, begründet sie ihre Entscheidung. In Krankenhäusern, wo Schichtwechsel und Parallelgeburten die Auswahl der Hebamme bestimmen, sah die heute 42-Jährige ihre Wünsche nicht erfüllt. „So entschied ich mich, mein erstes Kind im Geburtshaus in Hameln zu bekommen.“

Zwei Jahre später, bei der Geburt ihres Sohnes, erlebte sie dann ihre erste Hausgeburt. „Ungeplant“, wie sie lächelnd zugibt. Damals wohnte die Familie in Möllenbeck, und eigentlich war eine Beleggeburt im Krankenhaus geplant. Mit dabei sein sollte die vorher schon ausgewählte Hebamme Angelika Otremba-Glenewinkel. Es war jedoch neblig und mitten in der Nacht, als die Wehen einsetzten und die werdende Mutter ihre Hebamme aus Barsinghausen anrief. „Durch die schlechten Sichtverhältnisse dauerte es einige Zeit, bis sie schließlich da war.“ Zusammen entschieden sie, den Weg ins Krankenhaus nicht mehr auf sich zu nehmen. Birgit Schiller hatte Glück, denn Angelika Otremba-Glenewinkel ist eine der wenigen Hebammen der Umgebung, die sich auf Hausgeburten spezialisiert haben. 2000 Kindern hat sie schon auf die Welt geholfen, 1500 von ihnen wurden zu Hause geboren.

Die Geburt zu Hause verlief problemlos. Die Familie Schiller lernte so die Vorzüge einer Hausgeburt kennen. „Es war einfach schön“, so die Rintelnerin. „Ich konnte nach der Geburt unter meine eigene Dusche gehen, während mein Mann zusammen mit unserem gerade geborenen Sohn Carl in die Badewanne gegangen ist.“ Angst vor Komplikationen hatte sie nicht. „Angelika ist super ausgerüstet und strahlt während der Arbeit eine unglaubliche Ruhe und Sicherheit aus.“

2 Bilder
Anstrengend war’s! 30 Minuten nach seiner Geburt schläft der kleine Samuel im Kreis seiner Schwestern Mina (9), Zoé (2) und Carly (8).

Für die Geburt ihres dritten Kindes stand für die Rintelnerin durch diese positive Erfahrung sehr schnell fest, dass sie auch dieses Mal zu Hause gebären möchte. Wie bei allen ihren Kindern, setzten die Wehen an einem Freitagabend ein. „Angelika war gegen halb 1 nachts bei uns, und erst ging auch alles sehr schnell.“ Gegen 5 Uhr geriet die Geburt jedoch ins Stocken. „Da wurde ich natürlich nervös“, gibt Schiller zu. Otremba-Glenewinkel, die auch dieses Mal die Geburt begleitete, überprüfte ständig den Herzschlag des ungeborenen Mädchens. Die Untersuchung zeigte: Das Baby hatte keinen Stress. „So warteten wir einfach noch ein bisschen und verteilten uns in der Zwischenzeit im Haus.“

Um 6.44 Uhr war es soweit. Johanne erblickte das Licht der Welt – oder besser das Licht ihres Wohnzimmers. Gleich nach der Geburt wurde die ganze Familie mit einbezogen. Papa Dirk trennte die Nabelschwur, die zwölfjährige Schwester Charlotte badete das erst wenige Minuten alte Baby unter Anleitung der Hebamme.

Unter den älteren Geschwistern herrschte von Anfang an keine Eifersucht auf das neue Familienmitglied. „Wahrscheinlich weil sie gleich mit einbezogen wurden“, vermutet Schiller. „Außerdem hat mich das Baby den Kindern nicht weggenommen, ich war ja die ganze Zeit zu Hause!“

Die guten Erfahrungen, die die Familie Schiller mit den Hausgeburten gemacht hat, sind für Angelika Otremba-Glenewinkel leicht zu erklären. „Frauen lassen sich in ihrem heimischen Umfeld ganz anders fallen als in einer Klinik“, erklärt sie. Auch die Schmerzen würden anders wahrgenommen. „Es ist ein Unterschied, ob man in einem Krankenzimmer liegend auf die nächste Wehe wartet, oder ob man in der Zwischenzeit in der Wohnung herumläuft und sich einen Tee macht!“ Ihrer Erfahrung nach brauchen Gebärende während Hausgeburten auch weniger Schmerzmittel. „Sie sind einfach entspannter.“

Diese Erfahrung hat auch Karen Laknahur aus Rehren gemacht. Die gebürtige Amerikanerin hat ihr drittes und viertes Kind zu Hause zur Welt gebracht. Dazu entschieden hat sie sich wegen ihrer älteren Kinder. „Ich wollte, dass meine Töchter bei der Geburt dabei sind“, erklärt sie. In Amerika sei das völlig normal. Dort bekomme die werdende Mutter einen eigenen Raum in der Klinik, die ganze Familie darf dabei sein. „Egal, ob Kinder, Geschwister, Eltern oder Tanten, sie sind alle willkommen.“

In Deutschland hat Karen Laknahur diese Möglichkeit jedoch nicht gefunden. „Weder in den umliegenden Krankenhäusern, noch im Geburtshaus war man davon begeistert, dass ich meine Töchter mitbringen will“, erinnert sie sich. „Dabei ist eine Geburt doch etwas Natürliches und Besonderes für die ganze Familie.“

So kam dann der erste Kontakt zu Angelika Otremba-Glenewinkel zustande. „Sie hat sofort verstanden, was ich mir vorgestellt habe und mich während der Schwangerschaft toll beraten.“ Karens erste Hausgeburt wurde dann auch wirklich in das Familienleben integriert. Nachmittags holte sie ihre Töchter aus der Schule und dem Kindergarten ab und erlaubte ihnen sogar noch, dass Freunde mit zum Spielen nach Hause kommen. „Aber ich hatte den ganzen Tag schon Wehen und habe gespürt, dass es bald losgeht.“ Wenige Stunden später war Zoé dann auch schon auf der Welt. „Meine Kinder spielten immer noch mit ihren Freunden im Garten und kamen zwischendurch immer mal wieder nachsehen, was Mama da macht“, erinnert sie sich lächelnd. „Es war herrlich!“

Auch beim vierten Kind im Mai vergangenen Jahres entschied sich die 42-jährige wieder für eine Hausgeburt, und auch dieses Mal wurde die ganze Familie mit einbezogen. „Als Angelika mir sagte, dass das Kind in den nächsten Minuten kommen wird, hat meine Freundin Sylke Müller, die die ganze Nacht da war, meine Kinder geweckt und ins Badezimmer gebracht.“ Drei Presswehen später war der kleine Samuel auf der Welt. Für die großen Schwestern hat sich das frühe Aufstehen gelohnt. Denn sie waren nicht nur bei der Geburt dabei, sie durften sogar die Nabelschnur durchschneiden. „Meine Kinder haben durch die Hausgeburten gelernt, dass eine Geburt etwas ganz Harmonisches ist und nichts mit Kranksein zu tun hat.“ Eine halbe Stunde nach der Geburt schliefen dann alle vier Kinder selig nebeneinander, während die Eltern gemeinsam mit der Hebamme frühstückten. „Im Krankenhaus wäre das unmöglich gewesen“, ist sich Karen Laknahur noch heute sichtlich ergriffen sicher.

Ein weiterer Punkt, der Laknahur an der Hausgeburt sehr gut gefallen hat, ist die ständige Nähe zum Kind. Bei ihren ersten beiden Kindern, die im Krankenhaus zur Welt gekommen sind, empfand sie die Trennung nach der Geburt, während der das Neugeborene untersucht wurde, als sehr schlimm. „Das war schlimmer für mich als die Geburt selbst“, versichert sie. Und auch die landläufige Meinung, dass man sich im Krankenhaus erholen könne, kann sie nicht verstehen. „Ich kann mich am besten erholen, wenn ich mein Kind bei mir habe.“ Diese Einschätzung teilt auch Birgit Schiller. „Zu Hause konnte ich mich durch die Hilfe meines Mannes zurückziehen und schlafen, wenn mir danach ist. Im Krankenhaus, wo man ja meist in Zweibettzimmern untergebracht ist, hätte ich keinen Einfluss darauf gehabt, wann ich zur Ruhe komme.“

Hausgeburten sind Studien aus den USA und Kanada zufolge übrigens nicht gefährlicher als Geburten in Kliniken. Das liege vor allem daran, dass der Kontakt zwischen der werdenden Mutter und der betreuenden Hebamme schon im Vorfeld sehr groß sei. Diesen Kontakt zu „ihren Müttern“ sucht auch Angelika Otremba-Glenewinkel schon sehr früh. „Ich übernehme in vielen Fällen schon die Vorsorgeuntersuchungen. So kann ich sofort erkennen, wenn Änderungen auftreten.“ In den Monaten vor der Geburt spreche sie dann mit der Frau über ihre Wünsche und Ängste. „Das ist unglaublich wichtig, eine Geburt hängt entscheidend mit den Gefühlen der Frau zusammen“, sagt sie. Zum Geburtstermin hin werden die Treffen immer häufiger, sollte es losgehen, ist die Hebamme jederzeit telefonisch erreichbar.

Egal, ob im Krankenhaus oder zu Hause: Eine Geburt ist anstrengend. Ein schönes Umfeld und eine gute Betreuung können den Geburtsvorgang jedoch erleichtern. „Auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe zu helfen, muss die Frau die Arbeit alleine machen“, sagt Otremba-Glenewinkel. Doch auch nach 2000 Geburten ist jede wieder etwas Besonderes für sie. „Ich bin froh, dass ich bei Geburten dabei sein und die Mütter unterstützen darf.“




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