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Wirken und Selbstmord des ranghöchsten heimischen Hitler-Gefolgsmanns vor 70 Jahren

Gauleiter Meyers Ende

Das Wetter Mitte April 1945 war freundlich, nur nachtsüber war es noch empfindlich kühl. Für die Deutschen westlich der Elbe war der Zweite Weltkrieg vorbei. Amerikaner und Engländer waren bereits in Richtung Berlin unterwegs. Nur im Radio war das „Tausendjährige Reich“ noch präsent. Goebbels beschwor unverdrossen den Endsieg. Die letzten Tage und Stunden des Regimes nahmen ihren Lauf.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das Ende des NS-Staats vor Augen, sahen sich die zahllosen großen und kleinen Parteibonzen vor die Frage gestellt, wie es weitergehen könne. Das Gros ging auf Tauchstation, einige machten ihrem Leben ein Ende. Zu ihnen gehörte der ranghöchste heimische NS-Funktionär, Gauleiter Dr. Alfred Meyer. Die näheren Umstände und der genaue Zeitpunkt seines Todes liegen bis heute im Dunkeln. Das hat zu zahlreichen Spekulationen geführt. Neuere Forschungen und Zeitzeugenberichte vermitteln ein dramatisches Geschehen. Der Schlussakt spielte sich Mitte April 1945, also vor exakt 70 Jahren, in den Wesergebirgswäldern zwischen Rinteln und Hameln ab.

Wie viele andere NS-Aktivisten gehörte Meyer zur Weltkriegsgeneration. Das Versailler Friedensdiktat erlebte der 1891 in Göttingen geborene Sohn eines preußischen Regierungsbeamten in französischer Gefangenschaft. Nach der Rückkehr im Jahre 1920 und einem anschließenden Studium fand er Arbeit auf der Zeche „Graf Bismarck“ in Gelsenkirchen. 1928 trat er der NSDAP bei. Der promovierte Jurist machte schnell Karriere. Noch im selben Jahr wurde er Ortsgruppenleiter, wenig später Vorsitzender des Bezirks Emscher-Lippe, und 1931 machte ihn die Parteiführung zum Leiter des Gau-Bezirks Westfalen-Nord – ein Posten, der ihn nach der Machtergreifung zu einem der mächtigsten Männer im NS-Staat werden ließ. Zuvor war er – im Zuge der für die NSDAP triumphalen Wahl im September 1930 – als einer von 107 nationalsozialistischen Abgeordneten in den Reichstag eingezogen. Es entwickelte sich eine enge Verbundenheit zu Hitler.

Zu Meyers Herrschaftsbereich als Gauleiter gehörten der nördliche Teil der preußischen Provinz Westfalen, das Land Lippe (-Detmold), der Freistaat Schaumburg-Lippe und der verwaltungsmäßig zur preußischen Provinz Hannover gehörende Kreis Grafschaft Schaumburg. „Gauhauptstadt“ war Münster. Zur Festigung der staatlichen Macht- und Verwaltungsstruktur wurde der bis dato parteiinterne Gauleiter-Job mit hoheitlichen Ämtern und Funktionen wie „Reichsstatthalter“ und „Staatsminister“ von Lippe und Schaumburg-Lippe (seit 1933), Führer der lippischen Landesregierung, „Oberpräsident“ der Provinz Westfalen (1936) und (seit 1942) „Reichsverteidigungskommissar“ angereichert und aufgewertet.

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„Stabshauptquartier“ von Gauleiter Meyer war das ehemalige, direkt neben dem Bahnhof Krainhagen-Röhrkasten gelegene und seit den 1920er Jahren als Kindererholungs-, Flüchtlings- und Altersheim genutzte Gasthaus Nottmeier.

Obwohl das Schaumburger Land in puncto Größe und Bedeutung innerhalb des Gaus eine eher untergeordnete Rolle spielte, hielt sich Meyer oft und gern in der hiesigen Region auf. Nicht von ungefähr machten ihn die Leute in Bückeburg und Rinteln zum Ehrenbürger. Zeitzeugen schilderten den bekennenden Führer-Fan als eher unscheinbaren Funktionärstyp. Er war nicht besonders groß und sein Auftreten nicht besonders eindrucksvoll. Unabhängig davon soll er ein wortgewandter und zuweilen mitreißender Redner gewesen sein. Er war verheiratet und Vater von fünf Töchtern.

1941 berief Hitler den getreuen Gefolgsmann – parallel zu den bisherigen Aufgaben – zum Stellvertreter von Minister Rosenberg in das „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“. Das Ressort war im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion eingerichtet worden. Als Vertreter Rosenbergs nahm Meyer am 20. Januar 1942 an der so genannten „Wannsee-Konferenz“ teil, auf der – in Gegenwart von Heydrich, Freisler und Eichmann – die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen und auf den Weg gebracht wurde.

Die unmittelbare Nähe zu Hitler und die persönliche Verquickung mit dem Holocaust waren es wohl auch, die in Meyer – den nahen Untergang vor Augen – den Entschluss zum Selbstmord heranreifen ließ. Zuvor hatte sich der damals 54-Jährige mit der zurückweichenden Front von Münster aus immer mehr in Richtung Osten abgesetzt. In den Tagen nach Ostern (1./2. April) tauchte er im heutigen Landkreis Schaumburg auf, dem äußersten Grenzzipfel seines Gaubezirks.

Als „Stabsquartier“ diente Meyer und dessen letzten Vertrauten ein leer stehendes Kindererholungsheim in der Nähe des Bahnhofs Krainhagen-Röhrkasten bei Obernkirchen. Man erging sich in sinnlosen Lagebesprechungen und der Abfassung irrwitzig-hektischer Einsatzkommandos. Die Verhältnisse in der Ex-Gaststätte schilderte der schaumburg-lippische NS-Regierungschef Dreier nach einem Besuch so: „Er (Meyer) wirkte sehr niedergeschlagen und ging mit uns, wohl um Zuhörer auszuschalten, in den Garten des Lokals. Dort vertraute er mir an, dass er sich von allen seinen Mitarbeitern schwer enttäuscht sehe. In einer Art Untergangspsychose oder Panik seien bis auf einige wenige die meisten ständig betrunken. Mit den weiblichen Angestellten des Gaustabes würden wilde Sex-Orgien gefeiert, und jeder denke daran, schnellstens bei Feindannäherung als Unbekannter mit falschen Papieren unterzutauchen.“

Am 4. April wurde Meyer auf dem Kommandostand des fanatischen Rintelner Wehrmachtsbefehlshabers Oberst Picht gesichtet. Dessen Einheit leistete trotz der völlig aussichtslosen Situation erbitterten Widerstand, wurde jedoch schließlich von den Amerikanern eingekesselt und aufgerieben. Die letzten Schüsse fielen am 11. April 1945 in dem unübersichtlichen und unwegsamen Gelände rund um die hoch über dem Wesertal gelegene Burg Schaumburg. Wo und wie sich Meyer in diesen und den folgenden Tagen aufhielt, ist unklar. Vieles spricht dafür, dass er zum Schluss einsam und gehetzt durch die Wälder irrte.

Ende April 1945 fand ein Holzsammler zu Füßen der Felsanhöhe „Hohenstein“ bei Zersen (Hessisch Oldendorf) eine bereits stark verweste männliche Leiche. Laut Polizeiprotokoll war sie mit einer braunen Stiefelhose bekleidet. Neben dem Körper lagen eine Pistole, eine Art Notizbuch und eine zerbrochene Ampulle. Trotz mehrerer gegenteiliger Darstellungen und Vermutungen geht man heute davon aus, dass es sich bei dem unbekannten Toten um Meyer gehandelt hat. Letzte Sicherheit gibt es nicht. Auch eine später von den Engländern angeordnete Exhumierung brachte keine endgültige Klarheit.

Als Hauptindiz für die Identität Meyers gilt das bei der Leiche aufgefundene, handschriftliche Papier. „Ich schreibe im Dunkeln“, ist darin zu lesen. „Das letzte Stück meines Gaues ist heute verloren gegangen. Wir haben Rinteln und die Weser tapfer verteidigt. Im letzten freien Stück meines Gaues nehme ich Abschied vom Führer, dem meine innigsten Wünsche gehören, von Deutschland. Es wird frei werden und nationalsozialistisch bleiben. Ich nehme Abschied von meiner Liebsten, von meinen Lieben. Möchte es ihnen gut ergehen. Ich habe die Freiheitsbewegung aufgebaut. Sie zu führen, fehlt mir die Gesamtheit der physischen Kraft. Die Anstrengungen der letzten Tage haben es bewiesen.“

Quellenhinweis: Wer sich näher mit Person und Amtsführung Alfred Meyers beschäftigen will, dem seien die beiden Beiträge „Alfred Meyer als Gauleiter und Reichsstatthalter in Schaumburg“ von Staatsarchivchef Dr. Stefan Brüdermann und „Alfred Meyer – Manager der Ostpolitik“ von Dewezet-Chefredakteur Frank Werner empfohlen (abgedruckt in dem 2009 erschienenen Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“, Band 17 der Reihe „Kulturlandschaft Schaumburg“, ISBN 978-3-89534-737-5).

Meyer mit seinem Vorbild und Führer-Idol Adolf Hitler.




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