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Ganz normal: Lesbisches Leben in Rinteln

Seit über sechs Jahren sind Sunny (30) und Anna Kunze (26) verheiratet. Damals gab es eine Riesenparty im Zelt mit Musik, Tanz, leckerem koreanischen Essen und mit sämtlichen Freunden und Verwandten. Nur die übliche Hochzeitsanzeige in der Zeitung fehlte. „Sunnys Schwester war damals noch so klein und ihre Mutter war gerade gestorben“, meint Anna. „Wir dachten, das würde vielleicht ein bisschen zu viel für sie.“ Warum? Weil Sunny und Anna zwei Frauen sind und es vielleicht doch noch nicht so einfach ist, sich außerhalb des eigenen Freundes- und Familienkreises als homosexuelles Paar zu outen.

Tatsächlich sind auf dem Rintelner Standesamt nur drei „eingetragene Partnerschaften“ registriert, seit im Jahr 2001 das neue Gesetz zur rechtlichen Regelung homosexueller Beziehungen in Kraft trat – in anderen Gemeinden im Landkreis Schaumburg und im Weserbergland sieht es nicht anders aus. Gleichgeschlechtliche Ehen sind noch immer eine Ausnahme, etwas Besonderes.

Sunny und Anna waren im Jahr 2003 die Ersten, die sich in Rinteln das offizielle Ja-Wort gaben. „Ich hätte Sunny auch geheiratet, wenn sie ein Mann gewesen wäre“, sagt Anna. Und Sunny: „Wenn alles so passt und man spürt, dass man den Menschen fürs Leben gefunden hat, dann ist es gut, aufs Ganze zu gehen.“ Angst davor, dass sie als lesbisches Paar in einer Kleinstadt ausgegrenzt werden könnten, hatten sie beide nicht. „Mir ist es egal, ob und was die Leute reden“, sagt Anna. „Wer sich nicht die Mühe macht, uns kennenzulernen, der interessiert mich auch nicht.“

Die beiden Frauen sind ja durchaus bekannt in der Stadt. Vor drei Jahren eröffneten sie das Bistro „Cho’s“ am Kirchplatz und bauten es schnell zu einer beliebten Kneipe auf, in der es gutes Essen gibt, immer mal wieder auch Life-Musik, Karaoke-Partys und Tattoo-Nächte. Sunny, die man von weitem für einen stämmigen koreanischen Jungen halten könnte (ihre verstorbene Mutter war Koreanerin, nach ihr auch wurde das Bistro benannt), sie kocht leidenschaftlich gern. Anna – so hübsch und zierlich – bedient die Gäste, mit einem freundlichen Lächeln, das aber ganz schnell verschwinden kann, wenn sie von einem Angetrunkenen zu sehr angeflirtet wird.

Dass sie lesbisch sind, ist im „Cho’s“ nur selten ein Thema. „Wir stehen da schließlich nicht rum und knutschen uns ab“, sagt Sunny. „Wir machen einfach unseren Job und da ist es egal, ob wir ein Paar sind oder einfach nur sehr gute Freundinnen.“ Ja, ab und zu, selten zum Glück, kommen blöde Sprüche, die typischen Sprüche, die Männer machen, wenn sie nicht fassen können, dass sie bei einer Frau so gar nicht landen können. „Ich grinse dann nur und sage: ,Kumpel, wo liegt dein Problem?‘“, erzählt Anna. Das war’s dann.

Wenn man mit den beiden über ihre Beziehung redet, könnte man das Gefühl haben, es hätte nie Problematisches rund um ihre Homosexualität gegeben. Keine dramatischen Coming-Out-Geschichten, keine verzwickte Identitätssuche oder Phasen der wilden Liebes-Abenteuer in einer Lesbenszene. „Ich war überhaupt noch nie in einer Szenekneipe“, meint Sunny. „Und in Rinteln selbst kann man nun nicht gerade von einer Lesbenszene reden.“ Bevor sie sich in Anna verliebte, hatte sie einige Beziehungen sowohl zu Jungs als auch zu Mädchen, bis ihr dann mit 18 Jahren klar wurde, dass es wohl immer Frauen sein würden, zu denen es sie hinzieht.

„Wie erklärt man es seinen Eltern, das war das Einzige, was mir durch den Kopf ging“, erinnert sie sich an diese Zeit. „Klar, mein Vater hat erstmal geschluckt. Aber dann war es okay. Er wollte nichts anderes, als dass ich glücklich bin.“ Ihre besten Freundinnen kannte sie schon ewig und teilte mit ihnen ohnehin alle Geheimnisse. „Da ist das Coming-Out eher beiläufig gelaufen, nichts Besonderes, es hat überhaupt nichts verändert.“

Anna lächelt nur, wenn sie über ihr Coming-Out befragt wird. „Bei mir gab es so was gar nicht!“ Als Teenager war sie immer in Jungs verliebt gewesen. Allerdings: „Sunny fand ich schon immer toll, mit 14 war ich richtig in sie verknallt. Aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass daraus eine Liebesbeziehung werden könnte, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich wusste ja noch nicht mal, dass sie damals eine Freundin hatte. Ich ging mit ihrer Schwester in dieselbe Klasse und Sunny kam mir so erwachsen vor. Eigentlich lagen Welten zwischen uns.“

„Szenekneipen? Warum solte ich?“

Auch Anna ist nie durch irgendwelche Lesbenkneipen gezogen, in Hannover oder Bielefeld, und es reizt sie auch nicht. „Warum sollte ich auch? Ich habe mein Herz verschenkt – und damit ist gut!“

So war das „Cho’s“ auch nicht als eine Art „Homo-Kneipe“ geplant, im Gegenteil, die beiden sind eher froh, dass sich nicht durch Zufall so etwas entwickelt hat. Es sollte ein ganz normales Bistro werden, nicht viel anders als die Marktwirtschaft, wo Anna jahrelang schon während ihrer Schulzeit gejobbt hatte. „Eine eigene Wirtschaft zu eröffnen, das war mein Traum!“ Als es vor drei Jahren mit dem „Cho’s“ so weit war, hieß es allgemein, die Chancen stünden höchstens halbe-halbe, zu viele Vorgänger waren in den Fachwerkräumen am Kirchplatz schon gescheitert. „Und inzwischen ist es schon so normal, dass es uns gibt!“

Überhaupt klingt alles recht „normal“, was die beiden erzählen. „Es ist doch so: Wir haben geheiratet, weil wir beide dachten: Dieser Mensch soll es sein!“, sagt Sunny. „Jede von uns ist das passende Gegenstück zur anderen. Ich habe tiefe Gefühle für Anna, auch das Gefühl einer inneren Ruhe.“ Sie müsse für diese Beziehung nichts Besonderes machen, nur das, was immer wichtig sei: Die Zeit nutzen, um das Einzigartige der Liebe zu erhalten. „Man kann einen anderen Menschen sowieso nicht ändern. Man kann nur hoffen, dass es die Möglichkeit gibt, aufeinander zuzugehen und sich in der Mitte zu treffen.“

Gibt es denn niemals die Situation, wo sie sich gegen eine allgemeine negative Grundhaltung wegen ihrer Homosexualität verteidigen müssen? „Tja, ich weiß nicht – vielleicht haben sich die Zeiten geändert“, meint Anna. „Oder es liegt einfach an meiner Ignoranz, dass ich davon nichts mitbekomme?“ Sunny muss ebenfalls länger nachdenken: „Sagen wir so – bisher hatte noch niemand den Arsch in der Hose, mir meine Art zu leben vorzuhalten. Und wenn? Ich würde demjenigen raten, lieber seine eigenen Dinge kritisch zu betrachten. Warum sollte jemand es nötig haben, sich um meine Homosexualität zu kümmern?“

Es gibt sicher Leute in der Stadt, die bewusst nicht ins „Cho’s“ gehen, weil es von einem Frauenpaar geführt wird, das ist den beiden jungen Wirtinnen bewusst. „Ja, das haben mir manche erzählt“, sagt Sunny. „Und das ist ja auch ihr gutes Recht. Mich kratzt das nicht. Die Leute, die uns wichtig sind, achten auf unsere Persönlichkeit. Die anderen sind mir einfach egal.“

Würden sie denn heute eine Hochzeitsanzeige aufgeben, wenn sie nicht schon verheiratet wären? „Eher nicht. Oder doch? Ich weiß es nicht.“ Sunny zuckt mit den Schultern. „Wir machen nie viel Trubel um unsere Person. Wir wollten nur vor uns und unseren Freunden und Verwandten ausdrücken, wie ernst es uns ist.“ Anna lächelt: „Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Über fast alles, was ich gerade so gefragt wurde, habe ich bisher nicht großartig nachgedacht.“

Offenbar war das auch nicht nötig.




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