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Diskussion in der Moschee: So unterschiedlich kann die Vorstellung von Integration sein

Ganz dicht dran und Welten auseinander…

Hameln. Da sagt die eine Seite „Schön, dass Sie da sind“, und die andere Seite sagt im Prinzip das Gleiche: „Wir freuen uns, dass Sie hier sind.“ Damit meint aber die eine Seite „Schön, dass Sie bei uns in der Moschee sind“, und die andere „Schön, dass Sie in Deutschland sind“. Beide Seiten sind an diesem Nachmittag irgendwie zu Gast, um über „Integration“ zu sprechen, und finden nicht immer zueinander.

Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Barfuß oder mit Socken an den Füßen sitzen die fünf Bundestagskandidaten in der Moschee am Thiewall hinter dem Podiumstisch und erklären ihre Positionen zu den Themen Einwanderung und Integration, oder auch nicht. Hans Peter Thul (CDU) antwortet auf Fragen des Moderators Wolfhard F. Truchseß ein paarmal ausweichend, Martina Tigges-Friedrichs (FDP) lehnt schon mal eine Stellungnahme dankend ab mit den Worten „Das ist nicht meine Baustelle“. Dr. Marcus Schaper von den Grünen instrumentalisiert einerseits die Zuwanderer als unsere Rentenzahler von morgen und fordert andererseits, die Trennung zwischen „wir und ihr“ aufzuheben. Gabriele Lösekrug-Möller (SPD) macht deutlich, dass Schule hier nun mal staatlich sei, hingegen ein Kopftuch als Ausdruck religiöser Zugehörigkeit zu tragen, sei nun mal rein privat. Jutta Krellmann von den Linken sitzt, wie sie sagt als „Weltbürger“, vor den Zuhörern, und scheint deren Anliegen noch am ehesten zu teilen. Eineinhalb Stunden lang folgen die rund 40 Gäste den komplexen Problemstellungen rund um Staatsbürgerschaft, Deutschland als Einwanderungsland, Aufenthaltsgesetz und Familienzusammenführung vor dem Hintergrund von Zwangsehen. Alles in allem schaffen es die Politiker, zu vermitteln, dass ihr aller Ziel eine gelingende Integrationspolitik ist. Zumindest alle, die Deutsch verstehen, können nachvollziehen, wohin die Reise mit welcher Partei gehen soll – „ich war vorher gebeten worden, zu übersetzen“, erzählt Dr. Feyzulla Gökdemir, der Integrationsbeauftragte des Landkreises, hinterher. Wohlwissend, dass Sprache einer der Schlüssel zur Integration überhaupt ist, hat er abgelehnt.

Unruhig wird es in einigen Grüppchen, als Tigges-Friedrichs ausführt, dass sie ganz persönlich als Frau ein Problem damit habe, wenn muslimische Mädchen aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teilnähmen, und dass es auch der Sicherheit diene. „Meine Schwiegermutter kann auch nicht schwimmen, und ertrinken tut sie deswegen auch nicht“, sagt ein Moslem – Unverständnis für die deutsche Sichtweise, nach der der gemeinsame Schwimmunterricht von Jungen und Mädchen auch eine Frage der Chancengleichheit ist, so Lösekrug-Möller.

Unruhig wird es in einem anderen Grüppchen, als der türkische Attaché auf Türkisch deutlich sagt, was er seinerseits ebenfalls unter Integration versteht und was Gökdemir dann doch übersetzt: Mädchen hätten auch religiöse Pflichten (mit Hinblick auf den Schwimmunterricht), und man müsse den Glauben mitberücksichtigen. Polizei-Untersuchungen vor Moscheen, durch die ganze Gemeinden pauschal als potenzielle Straftäter verdächtigt würden, schadeten der Integration. Er wünsche sich Türkisch-Unterricht für Kinder der dritten Generation, die nämlich die eigene Muttersprache nicht mehr beherrschen, ergänzt er noch gegenüber der Dewezet.

Aus dem Publikum melden sich zwei Frauen. Eine Ukrainerin, die seit zehn Jahren hier lebt, möchte wissen, ob es in Deutschland möglich ist, die „zweite Staatsbürgerschaft zu bekommen“. „Nein, das ist es noch nicht, sie müssen sich noch entscheiden“, antwortet Lösekrug-Möller. Und eine italienischstämmige junge Frau plädiert für: „Bildung, Bildung, Bildung!“ Integration bedürfe sehr viel Arbeit, und man müsse sich näher kommen.

Vorurteile müssten abgebaut werden, sind sich alle einig, man müsse mehr aufeinander zugehen. Den Politikern dankt der Attaché, dass sie an diesem Nachmittag in die Moschee gekommen sind, während sich ein Zuhörer eher darüber ärgert, dass sie immer nur dann kämen, wenn es um die Wählerstimmen der Gemeinde gehe. Schon vorab enttäuscht und aus seiner Erfahrung mit anderen Wahlen sagt er: „Danach lässt sich hier wieder keiner mehr blicken.“

In der Moschee am Thiewall. Ein Zuhörer der Podiumsdiskussion kritisiert: „Nach der Wahl lässt sich wieder kein Politiker mehr blicken.“Foto: Wal




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