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900 Jahre Schaumburg: Viel Lob und kaum Kritik am bedeutendsten Schaumburger Landesherrn

Fürst Ernst und die Hexenverfolgung

Der Fürst kehrt zurück“ – unter dieser Devise wird derzeit der Höhepunkt der diesjährigen Jubiläumsfeiern „900 Jahre Schaumburg“ vorbereitet. Gemeint sind unterhaltsam inszenierte und schauspielerisch nachempfundene Auftritte des von 1601 bis zu seinem Tode 1622 hierzulande residierenden Grafen und späteren Fürsten Ernst.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Verdienste des Potentaten, der neben seinem heimischen Stammland auch noch Teile des einstigen holsteinischen Herrschaftsgebiets in und um Hamburg regierte, sind schon häufig beschrieben worden. Gerühmt und bewundert werden vor allem Tatkraft, politisches Geschick und künstlerisches Mäzenatentum des tief im evangelischen Glauben verwurzelten Landesherrn. Nahezu sämtliche Biografen ist sich einig: Der im Alter von 53 Jahren kinderlos verstorbene Herrscher war die bisher bedeutendste Führungspersönlichkeit der hiesigen Region. Mehr noch: Ernst gilt als Glücksfall der Schaumburger Geschichte.

Bei so viel positiver, zuweilen von patriotischem Wohlwollen getragener Betrachtungsweise wird oftmals übersehen, dass während Ernsts 20-jähriger Regentschaft in seinem Land schockierende und aus heutiger Sicht unvorstellbare Dinge geschahen. So ließ der als ausgesprochen aufgeklärt geltende Potentat mehr als 40 Einwohner, meist Frauen, wegen Hexerei anklagen. Die Opfer wurden gnadenlos verfolgt und gequält. Am Ende der Tortur wartete ein bestialisches Todesritual. Während Ernst im Bückeburger Schloss den Klängen seiner vorzüglichen Hofkapelle lauschte, loderten draußen im Lande die Scheiterhaufen. Kaum zu glauben, dass ihn die Hilfeschreie der grausam misshandelten Frauen kalt gelassen haben. Gibt es einen dunklen, unergründlichen Fleck im Denken und Fühlen der ansonsten so makellos erscheinenden Lichtgestalt?

In den vorliegenden Forschungsarbeiten findet das Verhalten Ernsts während der Hexenverfolgung kaum Beachtung. Wenn überhaupt, wird auf die besonderen Verhältnisse der damaligen Zeit hingewiesen. Der Schaumburger Landesherr habe sich korrekt verhalten und es keinesfalls schlimmer als andere Territorialherrn getrieben, so die vorherrschende Meinung. In der Tat galt „Zauberey“ nach damals geltendem Recht als Straftatbestand. Der Umgang mit solch „verdechtlichen Dingen“ gebe „gnugsam Ursach zu peinlicher Frage“ heißt es in der 1532 vom Reichstag verabschiedeten und nach dem damaligen Kaiser Karl V. „Carolina“ genannten „Hals- oder Peinlichen Gerichtsordnung“. Wie sehr der „Hexenwahn“ damals Allgemeingut war, wird unter anderem am Beispiel Martin Luthers deutlich. „Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden“, hatte der Reformator bereits in den 1520er Jahren gepredigt, „nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben“.

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Hexenverbrennungen waren ein öffentliches Spektakel. Hier ein Flugblatt aus dem Jahre 1555, mit dem den Schaulustigen der Feuertod von drei angeklagten Zauberinnen angekündigt wurde.

Wahr ist aber auch, dass im Laufe des 16. Jahrhunderts die Kritik an der grausamen und menschenverachtenden Hexen-Hatz immer vielfältiger und lauter geworden war. In weiten Teilen des Reichs ging die Verfolgung daraufhin deutlich zurück. Ganz anders in der hiesigen Region. Mit einer 1615 neu erlassenen „Land- und Polizey-Ordnung“ gab Ernst der Verfolgung verdächtiger Untertanen zusätzlichen Auftrieb. Als Grund gab der Landesherr die starke Zunahme von „Zauberey und anderen obermeldete Unthaten“ an. Er habe bereits nach kurzer Regierungszeit „befunden, daß dadurch viel Leute, Vieh und Weide vergiftet und ganze Dörfer in äusserstes Verderben gestürzet“ seien. Das zwinge dazu, „ein Theil dieses Unkrautes, so viel Wir davon erfahren mögen, auszureuten, und mit dem Feuer zu verbrennen“.

Mit besonders rigoroser Bestrafung musste nach den neuen Vorschriften derjenige rechnen, der „in Vergessung seines christlichen Glaubens, mit dem Teufel Verbündniß aufgerichtet“ habe. Eine solche Person müsse, unabhängig vom tatsächlich angerichteten Schaden, „mit dem Feuer vom Leben zum Tode gerichtet und gestraffet werden“. Auf ein etwas weniger qualvolles Ende durften nur solche „Mann- oder Weibs-Personen“ hoffen, die sich „nur der einfachen Zauberei“, also „ohne Verbündniß mit dem Teufel“, schuldig gemacht hatten. Sie sollten nicht zwangsläufig bei lebendigem Leibe verbrannt, sondern „durften“ per Schwertstreich hingerichtet werden.

Der Geschichtsschreiber Gerhard Schormann kommt angesichts solcher Vorgaben zu dem Schluss, dass Ernst zu seiner Zeit eine Art „Vorreiter-Rolle“ bei der Hexenverfolgung gespielt hat. Die Polizei-Ordnung gehe „an Schärfe weit über das Reichsrecht hinaus“, heißt es in der 1973 von dem Historiker vorgelegten und bisher wohl umfangreichsten Forschungsarbeit über die „Hexenverfolgung in Schaumburg“ – eine Betrachtungsweise, der Schormanns Bückeburger Kollege und ausgewiesene Ernst-Kenner Dr. Helge Bei der Wieden so nicht zustimmen mag. „Ernst wird wie die Menschen seiner Zeit den vermeintlichen Teufelspakt der Hexen verabscheut und sie gefürchtet haben“, heißt es in der 1994 veröffentlichten Ernst-Biografie mit dem Titel „Ein norddeutscher Renaissancefürst“. Dass er (Ernst) deswegen ihre Verfolgung in ungewöhnlichem Maße betrieben haben soll, lasse sich „nicht nachweisen“.




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