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Über Völkerschlacht und Völkerschlacht-Jahrhundertfeiern

„Für des Reiches Herrlichkeit“

18. Oktober, was das heißt? – Daß es die Herzen zusammen uns reißt“ reimte vor hundert Jahren der damals bekannte Bückeburger Poet Adolf Holst in der Landes-Zeitung. Und die in Rinteln erscheinende Schaumburger Zeitung beschrieb die Bedeutung des Datums so: „Ja, es gibt in der Kriegsgeschichte aller Zeiten keine gewaltigere, größere Tat, als es das erbitterte Ringen und der blutige Sieg der deutschen Freiheitskämpfer gewesen ist“. Gemeint war die sogenannte „Völkerschlacht“, bei der am 18. Oktober 1813, also vor ziemlich genau 200 Jahren, die Truppen der verbündeten Staaten Österreich, Preußen, Russland und Schweden die Grande Armée Napoleon Bonapartes besiegt hatten. Es war der Anfang vom Ende der französischen Vormachtstellung in Europa.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Nicht wenige Deutsche sahen den Befreiungsschlag vor den Toren Leipzigs damals als historische Chance für einen politischen Neuanfang. Männer wie der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der Schriftsteller und Politiker Ernst Moritz Arndt und „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn forderten das Ende der Kleinstaaterei und die Schaffung eines nationalen Einheitsstaates. Eifrigster Wortführer hierzulande war der Bückeburger Hofarzt Dr. Bernhard Christoph Faust. Der 18. Oktober wurde zum symbolischen Gründungsdatum. Vom ersten Jahrestag an gingen vielerorts patriotische Gedenkfeiern über die Bühne. Man hielt vaterländische Reden, zog auf Anhöhen, zündete Feuer an oder pflanzte Bäume – so geschehen unter anderem 1815 in Rinteln. Die örtlichen Turner und andere patriotisch gesonnene Einwohner der Stadt setzten auf dem von den französischen Besatzern plattgemachten Festungswall (heute Blumenwall) eine „Friedenseiche“ in die Erde. In Bückeburg kam es aufgrund des hartnäckigen Einsatzes von Faust und seiner guten Beziehungen zum Fürsten zur Aufstellung eines „Opferaltars“. „Hier, am waldigen Saume des Harrl-Berges soll jetzt und alle Zukunft Gott, der uns den Sieg und die Freyheit gab, ein Feuer-Opfer“ dargebracht werden, ließ er bei der Einweihung des 1814 oberhalb der Stadt aus Bruchsteinen aufgeschichteten Mahnmals wissen.

Die Träume Fausts und seiner Gesinnungsgenossen von Einheitsstaat, Parlamentarismus und Pressefreiheit scheiterten am Machtwillen der Fürsten. Vom Wunsch nach innerer und äußerer Freiheit blieb nur die Erinnerung an den militärischen Erfolg gegen die Besatzer. Spätestens seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 hielt das Gros der Deutschen die französischen Nachbarn für „gottgewollte“ Erzfeinde.

Vor diesem Hintergrund gingen vor hundert Jahren überall im wilhelminischen Kaiserreich die Gedenkfeiern zu Ehren der „herrlichen Schlacht zu Leipzig“ über die Bühne. Auch das Gros der Schaumburger Städte und Dörfer machte mit. Der Ablauf der Feierlichkeiten war fast überall gleich: Der Tag begann mit Glockengeläut. Höhepunkt war ein Fest- und/oder Fackelumzug. Danach folgten salbungsvolle Reden. Gelegentlich zu hörende Friedensbekenntnisse wurden von kriegsverherrlichenden Parolen in Richtung Frankreich übertönt. Zum Schluss wurde das eine oder andere Bier getrunken. Für zusätzliche Hochstimmung sorgte die Tatsache, dass am 18. Oktober 1913, also exakt hundert Jahre nach dem Sieges-Tag von Leipzig, am Ort des Geschehens die Einweihung eines gewaltigen „Völkerschlachtdenkmals“ angesagt war.

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  • Die Friedenseiche auf dem Rintelner Blumenwall.
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In den größeren Orten feierte man laut Presseberichterstattung zwei Tage. In Rinteln wehten an nahezu sämtlichen Häusern Girlanden und Fahnen. Die Ladeninhaber hatten ihre Schaufenster mit „mannigfachen Erinnerungszeichen“ geschmückt. Straßen und Plätze waren voller erwartungsfroher Zuschauer. Um 3 Uhr setze sich eine lange Kette von Wagen und Menschen, darunter zahlreiche Schulkinder und Vereinsmitglieder, in Bewegung. Ziel war der Blumenwall, wo unter der Friedenseiche von 1813 ein Festgottesdienst abgehalten wurde. Abends startete ein Fackelzug. Auf dem Kollegienplatz trugen die Gesangvereine Lieder vor, dann hielt Herr Professor Berlit eine markige Rede. Überall auf den Weserbergen leuchtete Feuerschein in den Nachthimmel. Am Sonntagmorgen schlossen sich Festgottesdienste an.

In den Schulen gingen Extra-Veranstaltungen über die Bühne. An Bürgerschule und höherer Töchterschule wurden „Erinnerungseichen“ gepflanzt. „Haltet auch Ihr in unwandelbarer, aufopferungsfähiger Vaterlandsliebe Eure jugendlichen Kräfte allzeit kampfbereit für des Reiches Herrlichkeit!“ rief Prof. Haeseke, Leiter des Gymnasiums, seinen jugendlichen Zuhörern zu – ein angesichts des zehn Monate später ausbrechenden Ersten Weltkriegs geradezu apokalyptisch anmutender Appell.

In der Schaumburg-Lippischen Fürstenresidenz Bückeburg war ein festlicher Abend im Rathaussaal angesagt. Auf dem Programm standen Musikdarbietungen der Hofkapelle und der örtlichen Gesangvereine. Schriftsteller Adolf Holst trug einen eigens für diesen Tag selbstgereimten Festprolog vor. Eine kinematografische Vorführung über den „Freiheitshelden Theodor Körner“ rundete das Veranstaltungsprogramm ab.

Am folgenden Sonntag strömten Jung und Alt zu einem Promenadenkonzert auf dem Marktplatz zusammen. Um 1 Uhr mittags startete vom Bahnhofsvorplatz aus ein Umzug durch die Stadt. Wie in Rinteln waren vor allem die Schüler und Mitglieder der örtlichen Schulen und Vereine unterwegs. Im Wagen-Corso fuhren Turnvater Jahn sowie Verwundete der Völkerschlacht samt Pflegerinnen in Schaumburg-Lippischer Landestracht mit. Am Alten Forsthaus gab es gymnastische Vorführungen und Kinderspiele. Besonders stolz war man, dass Schloss- und Landesherr Fürst Adolf seinen Aufenthalt in Leipzig als Gast der Denkmal-Einweihung frühzeitig abgebrochen hatte, um das Sonntagsprogramm inmitten seiner Bückeburger Untertanen genießen zu können.

Gegen 7 Uhr abends begaben sich alle zu dem seinerzeit auf Initiative Fausts am Harrl errichteten, mittlerweile umgebauten und stark erweiterten Opferstein. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Fürsten setzte dessen Staatsminister von Feilitzsch zu einer Gedenkrede an. „Das Vaterland der Deutschen verkörpert sich in unserem Kaiser und in unserem Landesherrn“, rief er der Versammlung zu. „Ihnen geloben wir Treue im Leben und Sterben, indem wir rufen: Seine Majestät der deutsche Kaiser, seine hochfürstliche Durchlaucht, unser gnädigster Fürst, sie leben hoch! Hoch! Hoch!“

Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (kleines Bild): Postkarte aus der Zeit kurz nach der Fertigstellung und Einweihung 1913. Das Monument gehört mit 91 Meter Höhe bis heute zu den größten Denkmalen Europas.

Großes Bild: Programm-Ankündigung der Völkerschlacht-Hundertjahrfeier in Bückeburg.gp

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