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Zahl der Wildschweine steigt immer stärker / Rehwild nimmt ab / Wenig Rückzugsmöglichkeiten

Frühreife Frischlinge pflanzen sich früher fort

Auetal. Sie werden zur echten Landplage: Die Zahl der Wildschweine steigt, und auch beim Muffelwild werden die Herden immer größer. Bei der Ursachenforschung kann Karl-Ludwig Gellermann nur raten, aber für höchstwahrscheinlich hält er das viel zu milde Klima: "Das lässt die Zahl der Wildschweine deutlich steigen", erklärt der Jäger aus Altenhagen und spricht von einer "Katastrophe".

Autor:

Frank Westermann

G ellermann kann das auch an den Wildschäden festmachen, die das Schwarzwild verursacht. Die Schadenszahlen kennen nur eine Richtung: nach oben. Und noch eine andere Beobachtung hat Gellermann gemacht: Die Wildschweine verlieren ihre Scheu vor dem Menschen. "Mittlerweile kommen sie bis an den Hof", sagt Gellermann. "Und sie kommen früher als noch vor Jahren. Damals tauchten sie erst "gegen 22 Uhr auf, vor ein paar Tagen habe ich in Hofnähe gegen 19.30 ein Tier erlegt." Auch beim Muffelwild seien die Zahlen deutlich gestiegen. Auch wenn die endgültige Streckenstatistik erst in dieser Woche beim Landkreis vorliegen soll, so kann Kreisjägermeister Heinrich Stahlhut-Klipp beim Schwarz- und Muffelwild die Tendenz bestätigen. Der Kreisjägermeister verweist bei der Frage nach den Gründen nicht nur auf den milden Winter, sondern auch auf neue Trends in der Landwirtschaft: Große Mais- oder Rapsschläge, die für die Energieversorgung der Biogasanlagen vorgesehen seien, würden den Tieren den Tisch reichlich decken, dazu habe im Wald selbst ein hoher Bucheckern- und Eichelbestand beste Nahrungsbedingungen geboten. "Die Ernährungsbedingungen sind äußerst günstig", sagt der Stadthäger. Dazu komme ein weiteres Phänomen, sagt Stahlhut-Klipp: Die Wildschweinweibchen werden immer frühreifer. "Eine Frischlingsbache, also ein Tier unter einem Jahr, wird heute schon belegt und kriegt dann Junge," sagt der Kreisjägermeister: Das sei früher anders gewesen. Dass die Zahlen beim Muffelwild gestiegen sind, daran trägt erstaunlicherweise Orkan "Kyrill" eine Mitschuld: Nach dem 18. Januar wurden in den verwüsteten Wäldern des Bückeberges einige noch anstehende Jagden abgesagt. Stahlhut-Klipp rechnet mit einer Strecke vonüber 1000 Tieren für den gesamten Landkreis, deutlich mehr als im vorigen Jahr: "Wir haben den Abschussplan sogar noch nachbewilligt." Und das komme auch nicht alle Jahre vor, meint der Stadthäger, denn in den letzten Jahren hätte der Abschussplan meistens nicht erfüllt werden können. Auf ein anderes Problem weist der Bernser Jäger Lars Büttner hin: Das Rehwild nehme stark ab. Obwohl es (nicht nur) im Bereich Bernsen immer weniger bejagt wird, sinken die Zahlen. Die Gründe sind schnell benannt: Es sind die Menschen. Denn Rehwild benötigt Rückzugsgebiete, und die werden immer stärker vom spazieren gehenden oder autofahrenden Menschen erobert. Büttner nennt den Haarberg als Beispiel: Dort gebe es allein vier Wege. Wenn dort Menschen mit ihren Hunden spazieren gehen würden, dann würde sich das Rehwild gestört fühlen. Die Folge: Es wandert weite. Kommt das Rehwild dann nicht in ein anderes Revier, sondern in die Forst, hat es neue - und deutlich gravie- rendere- Probleme: In der Forst werde wirtschaftlich gearbeitet, die Setzlinge an- und aufknabbernden Rehe würden hier einfach weggeschossen. Büttner plädiert daher für eine "Kanalisierung" der Gehwege, wie sie im Harz praktiziert wird. Nur auf ausgesuchten Wegen darf gewandert werden. Büttner, der sich noch gut erinnern kann, wie vor 15 Jahren oberhalb Borstels mindestens ein Dutzend Rehe zu sehen waren, geht es wie vielen Privatjägern: "Ich hänge am Rehwild." Bei den Wildschweinen weist Büttner auf ein weiteres Problem hin: Sie seien immer schwerer zu jagen. Denn die nachtaktiven Tiere können nur geschossen werden, wenn Vollmond sei. Ist es diesig, kann der Jäger getrost zu Hause bleiben. Das war früher besser: Wenn Schnee lag, waren die Schwarzkittel gut erkennbar. Das milde Klima führt zu einem weiteren Effekt: Die Wildschweine vermehren sich stärker. Nicht nur die frühreifen Frischlinge.




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