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Vor Gericht: Denkbar mildes Urteil für bekannten Auto-Tuner / Richter bedroht und beleidigt

Friedensangebot nach verbalem Amoklauf

Bückeburg (ly). Seit Jahrzehnten schwelt ein Streit zwischen der Justiz und einem stadtbekannten Bückeburger. Jetzt hat der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas Pfleiderer dem 60-Jährigen ein Friedensangebot gemacht. In einem Prozess um Bedrohung und Beleidigung beantragte Pfleiderer lediglich eine Geldstrafe auf Bewährung für den Auto-Tuner, dessen pfeilschnelle Fahrzeuge für Farbtupfer im Straßenbild sorgen. "Ich hoffe, dass wir uns nun gegenseitig in Ruhe lassen", sagte der Staatsanwalt.

Mit seinem Urteil schloss sich Richter Dr. Hartmut Vogler dem Antrag an. Eine mildere Sanktion als jene Verwarnung mit Strafvorbehalt kennt das Gesetz nicht. Wenn der Motorenbauer sich während der zweijährigen Bewährungszeit nichts zuschulden kommen lässt, ist die Sache erledigt. Falls doch, werden 600 Euro Geldstrafe fällig. Seit vielen Jahrenüberzieht der Bückeburger die Justiz mit geharnischten Schreiben, insgesamt 70 Kilo Papier sollen es inzwischen sein. Doch diesmal ist er zu weit gegangen. In einem Fax vergleicht der 60-Jährige einen Amtsrichter mit einer "Kanalratte", in einem anderen kündigt er an, sich zweier Richter "entledigen" zu wollen, wofür es "konkrete Pläne" gebe. Letzteres kann man als Morddrohung verstehen. "Ein verbaler Amoklauf", so Richter Vogler. Trotzdem zeigte Pfleiderer in seinem Plädoyer Größe und schloss vereinzelte Fehler der Justiz zumindest nicht aus, auch wenn die handelnden Personen heute andere sind als damals. Vielleicht, so der Behördenchef, sei nicht immer alles glatt gegangen. Seit 1988 fühlt sich der berufsmäßige Auto-Frisierer nun ungerecht behandelt, 1995 landete er nach eigener Darstellung für 14 Tage "rechtswidrig in der Irrenanstalt". Tatsächlich sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass er dauerhaft kein Fall für die Psychiatrie war, während die kurzzeitige Unterbringung zum Zwecke der Begutachtung rechtens gewesen sein könnte. So oder so: Eine Entschuldigung für wüste Drohungen ist dies alles nicht. Von Fans in ganz Europa wird der Tuner verehrt, weil er Renner auf die Räder stellt, die vor Kraft kaum fahren können. Sein 3300 Turbo auf BMW-Basis, der dank 600 PS in sechs Sekunden auf Tempo 200 beschleunigt, bekam in den Siebzigerjahren einen Preis für "das schnellste zugelassene Auto auf Deutschlands Straßen", wie es auf der Homepage des 60-Jährigen im Internet heißt. Sogar auf trockener, sauberer Fahrbahn drehten die Antriebsräder noch im dritten Gang bei 150 km/h haltlos durch. Fotos zeigen den Konstrukteur mit Champions wie Klaus Ludwig. Erst kürzlich hat das Fernsehen über seine Arbeit als Tuner berichtet. Heute beschäftigt den begnadeten Schrauber "zwölf Stunden täglich" sein Streit mit der Justiz. "Mein Leben ist kaputt", sagt er und verlangt: "Ich möchte vor Gericht gleich behandelt werden." Dieser Zug ist vorerst abgefahren. Nach "vielen unsachlichen Eingaben" wird der Bückeburger "bescheidlos gestellt", wie der Generalstaatsanwalt schreibt. Das bedeutet, es gibt keine Antwort mehr. Verteidiger Dirk Linnemann ("Die Justiz ist nicht fehlerfrei") sieht in den Eingaben "Hilfeschreie". Seinen Mandanten bezeichnet er als "außerordentlich begabten Techniker, bekannt und renommiert". Vielleicht nimmt dieser Mann das Friedensangebot an und konzentriert sich einfach wieder auf seinen Job. Das Urteil könnte die (Renn-)Bahn frei machen.

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