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„Frauen sollten sich für Quote zu schade sein“

Nach der Forderung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nach einer Frauenquote von 30 Prozent in Vorständen und Aufsichtsräten hat sich auch Kanzlerin Angela Merkel positioniert – gegen eine gesetzliche Frauenquote. Und die Wirtschaft lässt verlauten, sie wolle zwar mehr Frauen, aber ohne Quote. Unsere Zeitung hat nachgefragt, wie in Schaumburger Unternehmen über eine gesetzliche Frauenquote gedacht wird – und wie viele Frauen bei ihnen allgemein und in Führungspositionen arbeiten.

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Am Rintelner Standort von Wesergold sind 730 Mitarbeiter beschäftigt – darunter nur 147 Frauen. „Das entspricht einer Quote von etwa 20 Prozent“, sagt Personalleiter Frank Puderbach. Eine Statistik über das Geschlecht der Führungskräfte bei Wesergold gebe es nicht, gleichwohl gebe es durchaus auch weibliche Schicht- und Maschinenführer. „Aber wir sind ein traditionell gewachsenes Unternehmen, das gewerblich produziert, wo in der Regel eben ,das starke Geschlecht‘ überwiegt“, schildert Puderbach. In der kaufmännischen Abteilung sind von den 48 Mitarbeitern vier Frauen, davon immerhin zwei Bereichsleiterinnen. „Und ich selbst bin in meiner Abteilung der einzige Mann unter sechs Frauen“, merkt Puderbach über seine Abteilung an.

Über eine gesetzliche Frauenquote sagt Unternehmensleiter Richard Hartinger junior: „Das ist doch gar nicht durchführbar, schließlich gibt es nun mal biologische Unterschiede.“ In manchen Arbeitsbereichen sei „körperliche Robustheit“ gefragt und dafür gebe es kaum ausgebildete Frauen. „Dabei haben wir durchaus auch durchsetzungsstarke Einkäuferinnen“, betont Hartinger. Die Geschäftsführung bei Wesergold ist rein männlich besetzt. „Bis jetzt hat sich aber auch noch keine Frau als Geschäftsführerin bei mir beworben“, sagt Hartinger. „Das ist ja auch eine Frage der Persönlichkeit. So eine Arbeit nimmt schließlich auch viel Zeit in Anspruch.“ Was nicht immer leicht mit Familie und Kindererziehung zu verbinden sei.

Internationalen Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge wiesen Unternehmen, deren Führungsspitze geschlechtlich gemischt besetzt ist, jedoch eine höhere Produktivität auf. „Das ist sicher nicht der Fall“, ist sich wiederum Hartinger sicher. „Aber die Produktivität wäre wohl anders aufgrund der unterschiedlichen Charaktere von Männern und Frauen.“

Frank Seemann dagegen, Marketing- und Kommunikationsleiter bei Neschen in Bückeburg, ist von der höheren Produktivität einer gemischten Spitze überzeugt: „Durch einen Mix versteht man sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden besser. Und das hilft, das richtige Angebot zu entwickeln, die richtige Werbung zu machen und die richtige Zielgruppe zu finden.“ Von einer gesetzlichen Frauenquote indes hält auch Seemann nichts: „Ich glaube an die Kraft des Marktes“, sagt er. „Wenn der Markt mehr Frauen will, dann fordert er sie. Oder soll man am Ende eine Frau einstellen, obwohl sie ungeeignet ist, sozusagen als ,Quotentante‘?!“ Zurzeit sind bei Neschen rund 250 Mitarbeiter beschäftigt. Unter den Festangestellten befinden sich 69 Frauen, 18 arbeiten in der Produktion des Folienherstellers.

Der Vorstand der kleinen Aktiengesellschaft bestätigt das Klischee: Dort sitzen zwei Männer. Etwas anders sieht es auf der nächsten Ebene aus. „Die zweite Reihe, der kaufmännische Bereich, besteht zu einem Viertel aus Frauen“, sagt Seemann, der in seiner Abteilung der einzige Mann unter sechs Frauen ist. Ihm zufolge gibt es für Führungspositionen allerdings kaum Bewerberinnen. „Das trifft sowohl auf die Stellen im Lager als auch für die Stellen im Vorstand zu – es sind einfach mehr Männer verfügbar“, befindet er. „Aber grundsätzlich werden bei Bewerbungen Männer und Frauen von uns gleich behandelt und es wird nach Qualifikation ausgewählt.“

Dieselbe Maxime gilt bei Pumpenhersteller Bornemann in Obernkirchen, wie Ausbildungsleiter Marcel Köster sagt. Dass unter den 462 Mitarbeitern nur 79 Frauen sind, führt Köster darauf zurück, dass es sich bei Bornemann um ein technisches Unternehmen handelt: „Offenbar herrscht in den Köpfen noch ein altes Rollenmuster vor, wonach Frauen nicht so häufig technische Berufe erlernen.“ Nichtsdestotrotz gibt es auch Frauen in Führungspositionen bei Bornemann, wenn auch nur drei, eine davon im Marketingbereich. Die höchste Führungsebene ist dagegen ausschließlich von Männern besetzt, wie Anke Sonntag aus der Personalabteilung sagt. „Aber ab April wird die Personalleitung von einer Frau übernommen“, kündigt Sonntag an. Zudem versuche Bornemann über den „Girls Day“ oder an Hochschultagen auch gezielt Frauen anzusprechen. Schließlich hätten Frauen oft die besseren Schulabschlüsse. „Da steckt ein großes Potenzial, das genutzt werden sollte“, meint Köster. Eine ausgewogenere Geschlechtermischung sei überdies gut fürs Betriebsklima.

Ganz hervorragend findet es Bauerngut-Geschäftsführer Joachim Lücke, wenn Frauen in Schlüsselpositionen sitzen, „weil dadurch eine ganz andere Denkweise entsteht, eine, die eben nicht von Männern dominiert wird“. So könne seiner Meinung nach tatsächlich eine höhere Produktivität erreicht werden. Gegenwärtig sind von den rund 550 Mitarbeitern in Bückeburg 180 Frauen. In den Führungspositionen sind die Frauen aber auch bei Bauerngut deutlich unterrepräsentiert. In der Geschäftsführung gibt es keine, in den Haupt- und Fachabteilungen eine Frau. Allein unter den Gruppen- und Maschinenführern gibt es neun Frauen.

Doch Lücke glaubt, einen Trend hin zu mehr Frauen ausmachen zu können. „Allein im ersten Lehrjahr sind derzeit fünf unserer 15 Lehrlinge weiblich“, sagt Lücke. „Früher war die Fleischerei ein reiner Männerberuf, aber das ist heute nicht mehr so, weil die Arbeit körperlich ja auch nicht mehr so belastend ist.“ Einer gesetzlichen Frauenquote steht Lücke skeptisch gegenüber: „Ich weiß nicht, ob das für alle Berufsbereiche machbar ist – aber ein gewisses Mehr an weiblichen Führungskräften wäre positiv.“

Für ein „Kasperletheater“ hält Dr. Hubert Schmidt, Geschäftsführer von Stüken, die Debatte um eine gesetzliche Frauenquote. Seiner Meinung nach ist das dringende Thema, dass die Männer in vielen Bereichen immer weiter zurückfielen: „Im medizinischen Berufsbereich sind doch inzwischen drei Viertel Frauen, auch im Abitur schneiden Frauen besser ab. Das sollte man mal thematisieren – und die Frauen sollten sich für eine Quote zu schade sein.“ Zudem sei das Metallunternehmen Stüken ein technisches Unternehmen: „Wir haben auf der zweiten Führungsebene viele Ingenieure, aber schauen Sie doch mal, wie viele Frauen Ingenieurswissenschaften studieren“, spielt Schmidt auf die verhältnismäßig geringe Anzahl weiblicher Studenten in diesem Studiengang an.

Dass die Produktivität bei einer gemischten Spitze höher sein könnte, hält Schmidt für fraglich: „Es gibt für alles eine Studie.“ Gleichwohl wäre er bereit, eine gemischte Spitze auszuprobieren, wenn er denn Gelegenheit dazu hätte. „Aber wir suchen unsere Mitarbeiter nicht nach dem Geschlecht aus“, betont Schmidt und ergänzt: „Das wäre nach dem Diskriminierungsgesetz ja wohl auch verboten.“ Von den 600 Mitarbeitern in Rinteln sind 82 Frauen. Die Geschäftsführung ist männlich. Drei Frauen besetzen Führungspositionen: Es gibt eine Einkaufsleiterin, eine Gruppenleiterin und die Kantinenchefin. Den Gesellschafterkreis machen laut Schmidt die beiden Töchter des Unternehmensgründers aus: „Hier haben wir also eine Frauenquote von 100 Prozent“, sagt Schmidt augenzwinkernd.

Glasverpackungsproduzent Ardagh beschäftigt in der Obernkirchener Produktion 277 Mitarbeiter, darunter drei Frauen. Nur eine von ihnen ist in der Produktion tätig, die anderen beiden arbeiten in der Verwaltung. Im Nienburger Hauptsitz der Ardagh-Verwaltung sind 119 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 54 Frauen. Bei Ardagh arbeiten derzeit deutschlandweit fünf Frauen in Führungspositionen, wie Hubertus Schirp, Director Sales & Marketing, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt.

Die insgesamt niedrige Frauenquote führt Schirp darauf zurück, dass auch Ardagh „ein stark technisch orientiertes Unternehmen mit einer ausgeprägten industriellen Fertigung“ ist. „In der Vergangenheit haben sich Frauen für die Berufsbilder in solchen Industriestrukturen weniger interessiert“, sagt Schirp. „Und wir stellen fest, dass sich dies für unsere Branche nur langsam ändert. Die Anzahl weiblicher Bewerber, zum Beispiel für Führungsnachwuchskräfte, steigt zwar leicht, liegt aber deutlich unter der Zahl männlicher Bewerber. Entsprechend gering ist unsere Frauenquote im technischen Bereich, in dem sich auch die Mehrzahl unserer Führungspositionen befindet.“ Das sei im Verwaltungsbereich anders, wo es mehr Frauen in Führungspositionen gebe. Auch Ardagh wolle seine Mitarbeiter lieber nach Qualifikation einstellen als nach einer gesetzlichen Frauenquote. „Für Branchen wie die unsrige, die grundsätzlich weniger weibliche als männliche Bewerber anziehen, dürfte die Erfüllung einer Frauenquote zusätzlich problematisch sein“, merkt Schirp an.

Eine Frau in der Geschäftsführung gibt es bei Autozulieferer Faurecia in Stadthagen. Etwa 20 weitere sind laut Kirsten Lattewitz, Leiterin Unternehmenskommunikation, in Führungspositionen, etwa als CFO (Chief Financial Officer), Director, Managerin oder Teamleiterin. Insgesamt sind in Stadthagen rund 1000 Menschen bei Faurecia beschäftigt, darunter rund 220 Frauen. Da die Automobilbranche „traditionell einen eher geringen Frauenanteil von etwa 14 Prozent hat“, spiegele sich das auch bei Faurecia wider. Allerdings merkt Lattewitz an: „An unserem Standort in Stadthagen übertreffen wir diese Quote mit einem Frauenanteil von etwa 22 Prozent, was vor allem an dem großen Zentralbereich liegt. Hier finden sich Frauen vor allem in Unternehmensbereichen, die traditionell eher weiblich geprägt sind, etwa im Finanz- oder Personalbereich.“ Dort gebe es auch mehr weibliche Führungskräfte im Gegensatz zum Produktionsbereich. Eine gesetzliche Frauenquote indes bedeute für Faurecia „zunächst nur eine zusätzliche Regulierung in einem ohnehin nicht unterregulierten deutschen Arbeitsmarkt“. Der Anteil weiblicher Führungskräfte werde in den nächsten Jahren gleichwohl wachsen.

Bei Fensterbeschlägehersteller Hautau in Helpsen ist die Geschäftsführung zu einem Drittel in Frauenhand. Allerdings wollte man sich dort nicht zum Thema Frauenquote äußern.




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