×
Die Medusa-Legende in ihrer Zeitlosigkeit: Schimmelpfennigs Theaterstück verwirrt und fasziniert im Brückentorsaal

"Frau von früher": Am Schluss beiben viele Fragen offen

Rinteln. Mit eher zögerlichem Beifall verabschiedete das Rintelner Publikum das Ensemble der Theatergastspiele Kempf - und das, obwohl die Akteure des Stücks "Die Frau von früher" mit durchweg überzeugenden Leistungen aufwarteten.

Autor:

Ulrich Reineking

Autor Roland Schimmelpfennig gehört immerhin zu den meistgespielten deutschen Gegenwartsdramatikern, war bereits Hausautor am Hamburger Schauspielhaus und hat das vorliegende Stück immerhin als Auftragsarbeit für die Wiener "Burg" verfasst. Regisseur und Schauspieler Felix von Manteuffel indessen war so angezogen von dem Stück, dass er sich für diese Inszenierung eigens vom Schauspiel Frankfurt beurlauben ließ, und das sicher auch deshalb, weil er in seiner Ehefrau Leslie Malton die ideale Darstellerin für die ziemlich vertrackte Titelrolle gefunden sah. Zum Inhalt: Ein Ehepaar sitzt auf gepackten Koffern und Kisten. Nach 19 Jahren wollen sie gemeinsam mit ihrem Sohn ein neues Leben an einem anderen Ort beginnen. Sohn Andi sieht dem Projekt eher zögerlich entgegen, ist er doch verliebt in Nachbarstochter Tina, die ihrerseits aber ebenfalls mit ihren Eltern fortziehen soll. In diese Situation hinein platzt der Auftritt von Romy im knalligen Lackmantel: eine offenbar psychisch gestörte Frau, die mit dem gnadenlosen Grinsen einer Medusa und in dominanter Attraktivität von dem jetzt mit Claudia verheirateten Frank den 24 Jahre alten Treueschwur einfordert: "Damals waren wir ein Paar und wir sind es noch heute." Allzu unentschieden wehrt der biedere Frank (in authentischer Beschränktheit gespielt durch Manteuffel selbst) diese Attacke aus emotionalen Gruften ab, um sich und seine Frau Claudia (Julia Jaschke) vor dem unerbittlichen Furor der Konsequenzen zu bewahren. Romy kann das nur als Bestätigung ihrer verzerrten Wirklichkeiten nehmen und meuchelt schließlich alles dahin, was sich ihr in den Weg stellt. Den Sohn, der ihr mit dem Saison-Geliebten von früher nicht vergönnt war, erstickt sie nach einer bizarren Liebesbegegnung zwischen den Umzugskisten, und die Widersacherin wird im klassischen Stil der griechischen Tragödie durch ein mörderisches Geschenk in den Feuertod getrieben. Leslie Malton gelingt in erschütternder Intensität das Bild einer Verlorenen und Besessenen, die ihrem eigenen Auftrag mit unerbittlicher und unbeirrbarer Konsequenz folgt und damit über mehr Macht verfügt als alle, die sich lediglich in ihren Konventionen zu schützen suchen. Dass der zugrundeliegende Konflikt sich im parallelen Gefühlsstrang der jungen Liebe zwischen Sohn Andi (Alexander Wipprecht in burschikoser Discount-Emotionalität) und der naiv-bewegenden Tina (Gundula Niemeyer) erneut anbahnt und vermutlich nur durch den Mord an seiner konsequenten Weiterführung gehindert wird, macht deutlich, dass in diesem Stück die Medusa-Legende in ihrer Zeitlosigkeit erneut erzählt wird - und da wiederholt sich eben das Bild von der Maßlosigkeit der Liebe auch über die Generationen hinweg. Apropos Wiederholung: Immer wieder verlangt der Regisseur seinem Ensemble und seinem Publikum Wiederholungen ab. Auf der Zeitschiene des Erzählens werden Szenen durch Hinweise auf einem Leuchtdisplay mal vor- und mal zurückverlegt und mit Penetranz gestisch, mimisch und sprachlich immer wieder neu eingespielt, was von den Darstellern ein enormes Maß an Präzision erfordert, die Zuschauer dabei aber nach mehreren Konfrontationen mit diesem Stilmittel auch zu überfordern scheint. Kaum hat sich das Publikum auf die drastische Handlung eingelassen und sich in dem emotionalen Thriller auf der karg-symbolträchtigen Bühne zurechtgefunden, da wird es aus dieser Einbindung durch die Vor-Rückwärts- Taste der Inszenierung schon wieder herausgeholt. So ein Stück kann kein glückliches Ende nehmen - und auch die Verstörungen bei den Zuschauern waren damit wohl unvermeidbar. Für viele wird es dennoch ein Theaterabend gewesen sein, der nachhaltig in Erinnerung bleibt: Die schauspielerischen Leistungen hätten dies jedenfalls durchweg verdient! Und das Nachdenken über die schwarze Seite der Gefühle mag zwar anstrengend sein, gehört aber wohl zum Erkennen des Doppelcharakters von Liebe als schicksalhafter Bindung dazu.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt