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Der "Harrlstollen": Ahnsen hat eine kurze Vergangenheit als Standort der Montanindustrie

Fledermaus-Refugium im Wealden-Flöz

Ahnsen (thm). Wenig bekannt ist Ahnsens Vergangenheit als Standort der Montanindustrie. Der südliche Ortsrand bildete vor 100 Jahren noch den eigenständigen Ortsteil "Neumühlen". Im Winkel von Neumühlener Straße und Akazienallee findet sich der "Glückaufweg". Dieser Straßenname erinnert an das kleine Kohlebergwerk, welches sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in diesem Bereich befand: der sogenannte "Harrlstollen".

Vor etwa 100 bis 150 Millionen Jahren entstand die geologische Formation der "Schaumburger Mulde". Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen, stößt in unserer Region eine etwa 300 Meter mächtige, aus Sandstein und Tonschiefer bestehende Gesteinsschicht an die Erdoberfläche. Sie wird als "Wealden" - gesprochen "Wiilden" - bezeichnet und trägt ihren Namen nach der englischen Landschaft "The Weald". Kennzeichnend für diese Schichten sind die darin eingelagerten Flöze. Kohlelagerstätten fanden sich überall im Schaumburger Land. Kein Wunder also, dass man auch am Harrl fündig wurde. Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde das Rohstoffvorkommen bei Neumühlen erschlossen. Von den bis zu fünf Kohleflözen, die während der Wealden-Zeit gebildet wurden, waren bei Ahnsen zwei für den Abbau erreichbar. Ausgangspunkt war ein alter Steinbruch, der am Nordosthang des Harrls im Bereich der heutigen Glück-Auf- Wohnsiedlung lag. Von dort wurde ein Stollen in den Berg getrieben. Er verlief in südlicher Richtung und trat bereits nach wenigen hundert Metern wieder aus der Südostflanke des Harrls ans Tageslicht. Von diesem Hauptstollen zweigten einige Nebenstollen in westlicher Richtung ab. Die Analyse der im Harrlstollen erreichbaren Vorkommen ergab eine Koksausbeute von 80 Prozent. Dennoch wurde schnell klar, dass der Abbau derüber die Flöze drei und vier erreichbaren Wealden-Kohle bei Ahnsen wirtschaftlich nicht lohnte. Bereits im Jahr 1925 wurde die Förderung aufgrund fehlender Nachfrage wieder eingestellt. Womit die Geschichte des kleinen Bergwerks bei Ahnsen keineswegs endet: Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Harrlstollen erneut genutzt, allerdings in ganz anderer Weise. Naziregime und damalige Wirtschaft benutzten ehemalige Bergwerke, um darin kriegswichtige Betriebszweige vor den Bombenangriffen der Alliierten Streitkräfte zu schützen. Die Entwicklungsabteilung des Flugzeugherstellers Focke-Wulf wurde von Bremen nach Bad Eilsen umgesiedelt. Die Lichtpauserei dieses Rüstungsbetriebes zog unter dem Tarnnamen "Disthen" in den Harrlstollen ein. Aus dieser Zeit stammen die letzten heute noch sichtbaren Zeichen, die auf das einstige Bergwerk hinweisen. Unterhalb der Landesstraße 451, auf der Trasse der ehemaligen Eilser Kleinbahn, stehen noch einige, langsam verfallende Ziegelsteinmauern. Sie sind die Überreste eines massiven Vorbaus, der zu Kriegszeiten den südlichen Zugang zum Harrlstollen sichern sollte. Auch das sich dahinter befindende Mundloch des Harrlstollensist erhalten. Allerdings wurde es mit Beton verschlossen. Lediglich die winzige Öffnung in einer massiven Stahlplatte ermöglicht noch einen "Zugang" zum Stollen. Viel zu eng für Menschen, geschweige denn Bergleute - heute tummeln sich in den unterirdischen Gängen allein Fledermäuse.




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