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Nach Brandstiftungen Feuerwehr behindert: Einsätze unter Polizeischutz / Voss: Fehler gemacht

Festivaldesaster: Warum die Lage so eskaliert ist

Rehren (sb/rnk/la). Der Schrecken steckt noch in den Gliedern, Tränen, da ist Bettina Voss sich sicher, werden bestimmt noch fließen: "Aber erst, wenn hier die Arbeit erledigt ist." Ein Blick auf das ehemalige Festival-Gelände lässt erahnen, wie viel Arbeit sie und ihre Helfer in den nächsten Tagen noch vor sich haben: Der Müll muss eingesammelt, die Bühnen und Zelte müssen abgebaut werden, die Stände auch. Die Vorsitzende des Festivalveranstalters "Weserkultur e.V." schaut am Tag drei nach der Absage fassungslos über das Gelände. "Wir haben ein ganzes Jahr Arbeit in die Vorbereitungen gesteckt, Jahresurlaub, Wochenenden - und dann das."

Aber : "Das Festival abzubrechen, das war die richtige Entscheidung." Denn die Alternative sei bei Licht betrachtet gar keine gewesen: "Weitermachen und dann am Abend feststellen, dass die Band JBO, die Headliner war, ihre Ausrüstung nicht auf die Bühne bekommt?" Wenn man dann das Festival hätte abbrechen müssen, wäre die Krawall-Gefahr noch viel größer gewesen, so Voss. Ohne Ausschreitungen blieb es am Sonnabendmittag aber auch so nicht, denn die Festivalbesucher fühlten sich verschaukelt, einige ließen ihrer Wut freien Lauf. "Wir sind über 400 Kilometer weit gefahren, und jetzt bekommen wir kein Geld zurück - nicht einmal unseren Müllpfand", schimpfte eine Mittvierzigerin. Vor allem die jungen Menschen, die für das Festival gespart hatten, fühlten sich betrogen. "Es hat nicht einmal eine richtige Durchsage gegeben. Von Mund zu Mund ging die Nachricht, dass das Festival abgebrochen wird", beschwerten sich junge Leute. Die aggressive Stimmung war auf dem Platz deutlich zu spüren. Selbst die anrückende Feuerwehr wurde behindert. Feuerwehrleute wurden angepöbelt und Matsch gegen deren Einsatzfahrzeuge geworfen. Die Konsequenz: Feuerwehreinsatz nur noch unter Polizeischutz. Nach Augenzeugenberichten hatten Festival-Besucher versucht, große Propangasflaschen in das Feuer zu werfen, was nur durch das Eingreifen besonnener Fans verhindert wurde. Besonders ärgerlich sei gewesen, so erklärte Ralf Kopczinsky von der Feuerwehr Rolfshagen, dass die Rettungswege durch parkende Autos blockiert waren. Man habe durch das Borsteler Feld fahren müssen, um auf den Platz zu gelangen und das brennende Zelt und die Holzhütte zu löschen. "Bei einem möglichen Brand auf Gut Bodenengern", so Kopczinsky, "wären wir nicht durchgekommen". Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Propangasflaschen im Feuer gelandet wären. Ist Weserkultur e.V. als Veranstalter nun pleite? "Davon gehen wir nicht aus", erklärte Voss. Erst einmal müsse man sich mit der Kartenvorverkaufsstelle und anderen Partnern kurzschließen. Dann erst lasse sich, so Voss, der gesamte Schaden abschätzen. Das Festival-Desaster wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist Gut Ölbergen als Veranstaltungsort überhaupt geeignet? Kann im Wiederholungsfall bei ähnlichen Witterungsverhältnissen im Vorfeld sichergestellt werden, dass das Festival nicht wieder abgebrochen werden müsste? "Ich schließe das trotz des schlimmen Endes nicht aus", sagte Voss. Denn der Ort eigne sich bestens für ein Festival: Vor allem die Autobahnbrücke verleihe ihm ein unverwechselbares Flair. Nur Gutes könne sie zudem über die Zusammenarbeit mit der Gemeinde, der Polizei und der Familie Haake, von der das Gelände gemietet wurde, sagen: "Die Zusammenarbeit und die Hilfsbereitschaft waren großartig. Das spricht für diesen Platz." Überhaupt kein Verständnis hat sie für die Brandstifter, die ihren Frust an Zelten, Kassenhäuschen und Toilettenanlage ausließen: "Sauer zu sein, das ist eine Sache, aber uns alles abfackeln zu wollen, eine ganz andere. Und das geht nicht." Dass in den einschlägigen Internetforen seit dem Wochenende auch bedauert wird, dass nicht noch mehr abgefackelt wurde, trifft die Hamelnerin: "Das ist nicht schön." Bei der Rückerstattung der rund 1800 verkauften Karten bemüht sich die Veranstalterin um eine Lösung: "Jeder, der eine Karte gekauft hat, kann uns eine E-Mail mit den Angaben schicken - wir arbeiten das so schnell wie möglich ab", versprach Voss. Ob und wie viel die Kartenkäufer zurück erhalten werden, steht noch nicht fest. Auf der Internet-Seite des Joch'n'Roll-Festivals befand sich gestern Nachmittag noch kein Hinweis. Es habe auch Fehler des Veranstalters gegeben, gab Voss zu: Das Pfandgeld für den Müll habe für viel Ärger gesorgt, weil es nicht zurückgezahlt wurde. Auch dass in diesem Zusammenhang Personalausweise eingesammelt und nicht zurückgegeben wurden, habe die latent aggressive Stimmung kräftig aufgeheizt. Dass sich Mitglieder des Festival-Teams geprügelt haben, sei völlig indiskutabel und werde sicherlich ein Nachspiel haben. Gerüchte, der Sicherheitsdienst sei wegen fehlender Bezahlung frühzeitig abgerückt, wies Voss zurück: "Es gab eine Vorkasse." Der Sicherheitsdienst sei abgerückt, weil er sein Arbeitspensum als abgearbeitet betrachtet habe. Der Dienst habe während der Nacht noch Aufgaben übernommen, die eigentlich vom Team, von der eigenen Festival-Crew hätten abgeleistet werden sollen. Über einen Festival-Ersatz haben Voss und ihr Team bereits nachgedacht, eine der Headliner-Bands soll in einigen Wochen ein Konzert geben. Dafür gilt diese Spielregel: Jeder, der sein Bändchen vom Joch'n'Roll-Festival aufhebt, hat freien Eintritt. Ob das Konzert im Auetal stattfinden soll? "Das steht noch nicht fest", sagte Voss, "aber es werden auf jeden Fall geschlossene Räume sein."




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