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Experte: Nur weiche Hardware im Kopf / Vortrag am Ratsgymnasiumüber Gewalt in Medien

FDDH - "faul, dick, dumm und hyperaktiv"

Stadthagen (han). Mit den Auswirkungen von Mediengewalt auf Kinder und Jugendliche hat sich der Psychiater Lutz-Ulrich Besser in einem Vortrag am Ratsgymnasium Stadthagen (RGS) auseinandergesetzt. Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie mutete den Zuhörern in der Schulaula gewalttätiges Anschauungsmaterial in Form von Filmausschnitten zu - und stieß damit nicht nur auf positive Resonanz.

Den Einfluss moderner Medien auf die Gehirne Heranwachsender beschrieb Besser anschaulich und allgemeinverständlich. "Wir haben keine stabile, sondern eine weiche Hardware im Kopf", erklärte der Fachmann. Mehrwöchiger Konsum von (gewalttätigen) Computerspielen verändere die Computer-Festplatte nicht. Anders verhalte es sich hingegen mit der "Hardware" im Kopf. Die pausenlose Reizüberflutung durch Bilder, Töne, Inhalte und Emotionen forme und schädige das Gehirn von Kindern und Jugendlichen. Kognitive, sprachliche und emotionale Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen würden beeinträchtigt. Während die elektronische Hardware nach wie vor zuverlässig funktioniere, habe sich bei den Heranwachsenden inzwischen das FDDH-Syndrom eingestellt. Die Abkürzung steht für faul, dick, dumm und hyperaktiv. Als Beleg für seine These von der "weichen Hardware" verwies Besser auf Milliardenausgaben, die in die Werbung fließen. Werbeunterbrechungen bei Filmen und Serien erfolgten stets nach einem dramaturgischen Höhepunkt, da das Gehirn im Augenblick starker Gefühle empfänglicher für neue Lerninhalte sei. Studien hätten dies bewiesen. Bessers Anschauungsmaterial nahm nicht wenig Zeit in Anspruch. Der Mediziner projizierte Ausschnitte aus gewalttätigen Computerspielen, Fernsehshows, Trickfilmen und Hollywoodfilmen wie "Passion of Christ" und "Der Soldat James Ryan" auf die Leinwand. "Das ist der Faschismus des 21. Jahrhun derts", entfuhr es ihm beim Betrachten der Bilder. Später relativierte er: Die Darstellungen seien der "Abklatsch des Faschismus". Den Begriff "unmoralischer Turbo-Kapi talismus" baute er drei Mal in seinen Vortrag ein. Die Zuhörer warfen Besser vor, sie über Gebühr und ohne zusätzlichen Erkenntnisgewinn mit dem gewalttätigen Material strapaziert zu haben. "Ich ärgere Sie in gut gemeinter Weise", rechtfertigte sich der Psychologe. "Es geht mir nicht um pädagogische Patentrezepte, sondern um eine gemeinsame Stellungnahme", resümierte Besser. Pädagogische Ratschläge kamen aus der Zuhörerschaft. "Wir müssen Kindern Erfolgserlebnisse vermitteln, zum Beispiel durch Fußball", ergänzte ein Gast Bessers Ausführungen, denen zufolge Gewaltkonsum auf "pädagogisches Versagen" und "Lieblosigkeit" zurückzuführen sei. "Es ist hauptsächlichein Jungenproblem", präzisierte RGS-Schulleiter Heinrich Frommeyer, "wir Lehrer beobachten, dass weitaus mehr Jungen als Mädchen auf der Strecke bleiben."




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