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Spektakel mit tausenden Besuchern / "Stelzentheater Feuervogel" alsÜberraschungsgast

Faszination Mittelalter: Mythen wieder lebendig

und Johannes Pietsch

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Autor:

Herbert Busch

Bückeburg. In der Rückschau betrachtet gehören Ritter ja einer eher verhaltensauffälligen Zunft an - sie kamen selbst im hohen Sommer in unpraktischen Metallmonturen daher, jagten feuerspeienden Ungetümen nach und konnten nicht stillsitzen, wenn es galt, Königstöchter zu befreien. Trotzdem geht von den bizarrenBurschen eine bis in unsere Zeit anhaltende Bezauberung aus. Dass dem auch aktuell so ist, hat am Wochenende das zwölfte Gastspiel des "Mittelalterlich Spectaculum" am Mausoleum unter Beweis gestellt. Die derzeit parallel als "Mittelalter Festival", "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum", "Mittelalter Fantasy Festival" und "Mittelalterlich Spectaculum" beworbene Veranstaltung kam in der ehemaligen Residenzstadt bestens vom Start. Gisbert Hiller, der Herr der Ritter, dessen Truppen in der Vergangenheit nicht selten vor allen Dingen im Kampf gegen mächtig schlechtes Wetter gefordert waren, hatte halb süffisant und halb beschwörend angekündigt: "In Bückeburg geht der Sommer in diesem Jahr traditionsgemäß wieder so richtig los und wird uns unvergessliche, trockene und herrlich warme Tage und laue Nächte bescheren." Die Halb-Beschwörung zeigte zumindest für das erste Wochenende - die schaumburgische Abteilung des Spektakels, Hiller zufolge "ein absoluter Höhepunkt der Saison", geht nächsten Sonnabend und Sonntag in die zweite Runde - Wirkung. "Weder zu kalt, noch zu heiß und obendrein relativ regensicher", freuten sich die Besucher. Deren Erscheinung hat im Vergleich zu den Anfängen immer diffusere Züge angenommen. Während der Auftakttage reichte die mit T-Shirt-Aufdrucken signalisierte Sympathie-Bandbreite von Che Guevara über Bayern München und Heavy-Metal-Kapellen bis zur Marke "Lonsdale", die in rechten Kreisen gern zur Kenntlichmachung des (politischen) Standortes (her)angezogen wird. Nicht zu vergessen: unendlich phantasievolle Kostümierungen. "Wir wollen nicht mit reinen, oft langweiligen, mittelalterlichen Verkaufsmärkten oder schlimmer noch, mit so genannten authentischen Langweiler-Mittelalter-Lager-Veranstaltungen verglichen oder in Verbindung gebracht werden", gibt Hiller zu verstehen. "Wir haben nicht den Anspruch, einhundert Prozent korrekt zu sein, denn Authentizität ist unserer Meinung nach nur ein Schlagwort der Besserwisser in der Mittelalterszene." Zudem würde eine "authentische" Darbietung wegen Faktoren wie Armut, Schmutz, Gestank und Krankheit nicht dem Anspruch bester Unterhaltung entsprechen. Hiller: "Wir beschränken uns deshalb auf die Dinge, die uns vom Mittelalter geblieben sind, auf die Erinnerung an eine interessante Zeit voller Leben, Mythen und Abenteuer." Was am Wochenende zum Gaudium vieler tausend Gäste eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde. Selbst die ewig Miesepetrigen hatten keinen Grund zu meckern - die häufig monierten Sonder-Entgelte für das Ritterturnierwurden nicht erhoben. Das fand allerdings auch in seiner bisherigen Form nicht statt. Dafür gab es alsÜberraschungsgästen die "Hingucker" schlechthin: Das Stelzentheater Feuervogel, unbestreitbarer Publikumsliebling vieler bisheriger Spectaculumsveranstaltungen, zog auch diesmal alle Augen auf der Mausoleumswiese auf sich. Dabei hatte niemand das mystische Stelzen-Gespann auf der Rechnung: "Ganz spontan und ungeplant" sei es gelungen, das berühmte Ensemble aus dem pfälzischen Schuld zu verpflichten, freute sich Hiller. Sowohl am Nachmittag auf dem Wiesengelände als auch auf der Traumspektakelbühne, als sich alle Künstler des Spectaculums zum großen, abendlichen Mittelalter-Varieté versammelten, entfalteten Echse, Feuervogel und Spinne ihre Magie. Leider wird das Trio am kommenden Wochenende in Bückeburg nicht dabei sein. Musikalisch konnte das Spectaculum am Auftaktwochenende vor allem mit den Bands "Faun" und "Cradem Aventure" auftrumpfen. Die Faune um Sängerin und Drehleierspielerin Elisabeth Pawelke sorgten mit dem von ihnen geprägten Musikstil des Paganfolks, einer Mischung aus mittelalterlichen Instrumenten mit moderner elektronischen Soundelementen, bei weit über tausend Fans für uneingeschränkte Begeisterung. Düster und melancholisch waren vor allem die Songs vom jüngsten Album "Totem" des Quintetts, welches sich inhaltlich mit dem Leben nach dem Tod beschäftigt. Nicht weniger Fans strömten zu den ekstatischen Auftritten von Cradem Aventure, die in diesem Jahr zum zweiten Mal das Mitternachtskonzert bestritten. Bei den raubeinigen Dudelsack-Mannen sorgte Bass-Spielerin Zarina de Marco nicht nur für die treibenden, rollenden Bass-Läufe im wilden musikalischen Geschehen, sondern löste zusätzlich mit ihren Feuerzaubereinlagen frenetische Begeisterung aus. Am Sonntag lieferte die Band Wolfenmond ihr Debüt. Im Bereich Gaukelei und Kleinkunst hatten als Spectaculums-Veteranen Narren-Kai und Gaukler Alf die Lacher auf ihrer Seite. Neu im Line-Up war Kelvin Kalvus: Niemand dürfte vor dem Dresdener mit seiner hinreißenden Glaskugel-Jonglage auf derart faszinierende Weise die Wirkung von Massenträgheit, Impulserhaltung und Zentrifugalkräften für eine Bühnenshow verwendet haben. Den glanzvollen optischen Höhepunkt auf die Traumspektakel-Show setzten die Feuertänzer von Spiral Fire: Das Duo aus Iris Knipper und Michael Bosold ließ zu nächtlicher Stunde gemeinsam mit den Feuervögeln und dem Fakir-Duo Rafftan auf der Traumspektakelbühne einen atemberaubenden Feuerzauber abbrennen. Anschließend entführte der große Pestumzug die Besucher in die finsterste Episode des Spätmittelalters, als ein Großteil der europäischen Bevölkerung durch die aus Asien eingeschleppte Seuche dahingerafft wurde.

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