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Zum 150. Geburtstag Wilhelm Wiegmanns, des Verfassers der Schaumburg-Lippischen Heimatkunde

„Fast enzyklopädisches Werk“

Manchen gilt er als Vertreter einer längst überkommenen Epoche. Andere sehen in ihm einen frühen Mitbegründer des schaumburgischen Geschichtsbewusstseins. Bei der Beurteilung von Heimatforscher Wilhelm Wiegmann (1864-1929) scheiden sich die Geister. Nichts zu deuteln gibt es hingegen an dessen historischer, politischer und beruflicher Leistung. Kein anderer Historienschreiber des 20. Jahrhunderts hat so viele Daten und Fakten über die hiesige Region zusammengetragen wie der vor 150 Jahren zur Welt gekommene Schulmeister – und das alles im Alleingang, nach Feierabend und ohne archivalisch erschlossene Quellen. Von Computer und Wikipedia ganz zu schweigen.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wiegmanns bekanntestes und bis heute populärstes Werk ist die „Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe“. Darin stellt er in acht ausführlichen Teilabschnitten Landschaft, Einwohner, Siedlungsgeschichte, Flur- und Ortsnamen sowie „Sagen und Erzählungen aus der Heimat und Umgebung“ vor. Zum Schluss folgt eine Abhandlung über Staatsbürgerkunde sowie eine selbst angefertigte Landkarte des Schaumburger Landes mit allen damaligen Ortschafts-, Berg- und Gewässernamen sowie Straßen- und Eisenbahnverbindungen. Nach den Vorstellungen des Verfassers war das mit etlichen Statistiken, Tabellen und Abbildungen angereicherte Werk als Lesestoff für „Haus und Schule“ gedacht. Dieses Ziel hat Wiegmann erreicht. Die zu Kaiser- und Fürstenzeiten entstandene „Heimatkunde“ gehörte auch nach dem Ersten Weltkrieg und bis in die 1930er Jahre hinein zum Standardunterrichtswerk der schaumburg-lippischen Lehranstalten. Die 200 Seiten starke Erstausgabe kam 1905 auf den Markt. Sieben Jahre später erschien eine überarbeitete und annähernd doppelt so umfangreiche Neuauflage. Sie wurde wegen des nach wie vor großen Interesses vor knapp 20 Jahren nochmals als Nachdruck aufgelegt (siehe Quellenhinweis).

Neben seinem Hauptwerk brachte Wiegmann noch eine ganze Reihe anderer populärwissenschaftlicher Bücher und Schriften heraus, darunter zwei größere Abhandlungen über die Entwicklung des heimischen Volksschulwesens und über die napoleonische Besatzungszeit. Daneben schrieb er eine Fülle heimatkundlicher Aufsätze für die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung und verfasste Beiträge für die ab 1924 vom Schaumburg-Lippischen Heimatverein – nicht zuletzt auf sein Betreiben hin – herausgegebene Monatsschrift „Heimat-Blätter“. Außerdem war er ein viel beschäftigter und wegen seiner direkten, humorvollen Art beliebter Vortragsredner.

Wiegmann stammte aus einfachen Verhältnissen. Er kam 1864 als Sohn eines Drellwebers in Evesen Nr. 18 zur Welt. Als junger Knabe besuchte er die dortige Volksschule. Danach schickten die Eltern den aufgeweckten Zögling ins Realgymnasium Bückeburg. Als er 15 war, starb der Vater. Um die weitere Ausbildung finanzieren zu können, nahm die Mutter eine Stellung in der Residenzstadt an. Schon früh war klar, dass der Sohn Lehrer werden sollte. Das war der einzige „höhere“ Beruf, der einem Jungen vom Dorfe damals hierzulande offenstand – und das auch nur deshalb, weil die Ausbildung „vor Ort“ absolviert werden konnte. Dem Adolfinum war seit 1783 ein so genanntes „Lehrerseminar“ angeschlossen.

Gut ein Jahr nach dem Start der pädagogischen Ausbildung hatte der mittlerweile 21-Jährige sein Ziel erreicht. Für die nächsten knapp 45 Jahre war er „mit Leib und Seele“ Pädagoge. Seine erste Stelle hierzulande trat er in Scheie an. Es folgten Berufungen nach Großenheidorn und Steinhude. Seine letzte und mit 34 Jahren zugleich längste Station war die Volksschule Nienstädt.

Sein mit pädagogischer Kompetenz gepaartes historisches Fachwissen machte Wiegmann schon bald zu einem angesehenen Mann. 14 Jahre lang leitete und prägte er den Schaumburg-Lippischen Lehrerverein. Besonders enge Kontakte hatte er zu gleichgesinnten Freunden und Kollegen in Hannover. Von 1906 bis 1922 war er Schriftleiter des in der Leinestadt ansässigen „Schütting-Bundes“, einer Vereinigung niedersächsischer Schriftsteller und Künstler. Aus dieser Zeit stammt auch seine enge Verbindung mit Hermann Löns, der 1907 dank Wiegmanns Empfehlung zum Schriftleiter der hiesigen Landes-Zeitung berufen wurde.

Vieles von Wiegmanns Art der Geschichtsschreibung und -auffassung wirkt aus heutiger Sicht überholt und unzeitgemäß. Dazu gehört vor allem sein patriotisch verbrämter Germanen-, Fürsten- und Kaiserkult. Trotzdem gilt sein Hauptwerk auch heute noch als sorgfältig und präzise zusammengetragenes Nachschlagewerk. Wo sonst könnte man in so kompakter und übersichtlicher Form so viel Konkretes über Brauchtum, Handwerk und Industriegeschichte der hiesigen Region erfahren? Und nach wie vor aktuell ist auch die Darstellung der von Wiegmann erstmals erforschten Trachtengeschichte. Die Heimatkunde stelle „ein fast enzyklopädisches Werk dar“, schrieb der Ex-Chef des Bückeburger Staatsarchivs, Gerd Steinwascher, bei der Neuausgabe des Reprints. Die Lektüre sei auch heute noch „äußerst lehrreich und interessant“ – eine Wertschätzung, wie sie einem großen Teil der heute auf den Markt kommenden historischen Veröffentlichungen in hundert Jahren nicht zuteil werden dürfte.

Bei seinen heimischen Zeitgenossen standen – über Wiegmanns schriftstellerischen Fleiß hinaus – auch und vor allem dessen integrer Charakter, sein menschenfreundliches Wesen und sein Engagement als Lehrer, Freund und einfühlsam-einflussreicher Ratgeber hoch im Kurs. Als sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg – neben Wut, Trauer und Schmerz über die gefallenen Ehepartner, Väter und Söhne – Verzweiflung und Zukunftsängste breit machten, stellte er sich auf Wunsch seiner Freunde als Wegbereiter bei der Gestaltung des politischen Neuanfangs zur Verfügung. Als parteiloser Spitzenkandidat einer eigens für ihn aufgestellten und nach ihm benannten Wahlliste kam er in den schaumburg-lippischen Landtag und arbeitete dort als Vorsitzender der verfassunggebenden Versammlung am Aufbau des neuen demokratischen Freistaats Schaumburg-Lippe mit.

Als das geschafft war, gab er sich wieder mit Lust und Leidenschaft dem Lehrer- und Forscherdasein hin. Im Herbst 1929 trat er in den Ruhestand. Um schneller und näher an den staatlichen und landesherrlichen Archiv-Schätzen zu sein, zog er nach Bückeburg um. Nur wenige Wochen später, im November 1929, machte ein Krebsleiden seinem Leben ein Ende. Wiegmann wurde 65 Jahre alt. Er sei „ein Glücksfall für unsere Heimat“ gewesen, war in den Nachrufen zu lesen.

In ähnlicher Form, aber auf die ihm eigene Weise, hatte bereits etliche Jahre zuvor Hermann Löns seinen Freund gewürdigt. Nach dem Rauswurf bei der Landes-Zeitung und dem schmachvollen Abschied aus der Residenz schrieb er Wiegmann einen kurzen Brief: „Jedenfalls haben Sie den kleinen Trost, daß Sie mir dort das einzige Menschenkind waren, daß meinem Herzen nahe stand und bleiben wird“.

Quellenhinweis: Dank des Nachdrucks der „Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe“ (Ausgabe 1912) im Jahre 1990 durch den Niemeyer-Verlag Hameln (ISBN 3-87585-145-S) ist das Werk wieder erhältlich. Bezugsadressen: www.niemeyer-buch.de – Online-Shop und/oder örtlicher Buchhandel.

Bückeburger, Lindhorster und Friller Trachten (v.l.) auf einer Darstellung in Wilhelm Wiegmanns „Heimatkunde des Fürstentums Schaumburg-Lippe“.



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