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Schon früher sahen die Leute im Schaumburger Land beim Thema „Weserrenaissance“ rot

Farbiger Putz nicht mehr gefragt

Das Wort „Weserrenaissance“ hat derzeit in der heimischen Region keinen guten Klang. Seit der Millionen-Pleite des vor zehn Jahren aus der Taufe gehobenen und lange Zeit blind und unverdrossen bejubelten Förderprojekts möchten viele von der Geschichte am liebsten gar nichts mehr wissen. Die seit Langem still, beharrlich und bodenständig am Thema arbeitenden Geschichtsforscher und Museumspädagogen sorgen sich, dass das Scheitern der pseudokulturellen Kampagne die Renaissance-Epoche insgesamt und das Interesse an den charakteristischen, an vielen Orten des Weserberglands zwischen 1520 und 1620 entstandenen Bau- und Kunstdenkmälern in Misskredit bringen könnte.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Dabei gäbe und gibt es – auch im Interesse eines nachhaltig angelegten Touristikkonzepts – noch viel zu entdecken: Was trieb die herrschaftlichen Auftraggeber zur Errichtung der Repräsentativbauwerke? Woher kam das Geld? Wer waren die Architekten und wie schafften sie es, vor 500 Jahren – ohne Computer, Bagger und Handy – derartige Großprojekte zu planen, den richtigen Standort zu finden, statische Berechnungen anzustellen und die Vorhaben zeitlich und kostenmäßig zu organisieren? Woher kamen die Bauhandwerker, wie wurden sie bezahlt und wo waren sie während der oft über Jahre andauernden Arbeiten untergebracht?

Zu den bislang kaum erforschten Bereichen gehört auch das ursprüngliche Aussehen der zuvor hierzulande unbekannten, auf Machtdemonstration angelegten Architektur. So war schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten, dass das Gros der Gebäude einst „bunt“ und mit Putz überzogen war. Da mit „nackten“ Bruchsandsteinwänden „kein Staat zu machen“ gewesen sei, habe man die Außenfassaden mit einer farbigen Mörtelschicht überzogen, hat vor gut 50 Jahren der Baustofffachmann Ernst Pfänder herausgefunden. Der promovierte Diplom-Ingenieur hatte 33 Fassaden untersucht, darunter die der Renaissancebauwerke in Stadthagen, Bückeburg, Rinteln, Detmold, Petershagen, Hann. Münden, Varenholz, Brake und Remeringhausen. Das Ergebnis: Überall fanden sich Überreste eines farbigen Putzbelags.

Eine chemische Analyse in den Fachlabors der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart förderte nicht nur dessen Materialbeschaffenheit zutage, sondern ließ auch Rückschlüsse auf die damalige Verarbeitungstechnik zu. Danach handelte es sich um ein feines Kalkmörtelgemisch, das nur etwa zwei bis drei Millimeter dick – wie eine zweite Haut – auf die Außenflächen aufgetragen worden war. Auf den Ausgleich von Vertiefungen und Wölbungen hatte man bewusst verzichtet. Das machte die Fassaden abwechslungsreich und „fließend“. Zur besseren Haftfähigkeit und Haltbarkeit waren dem Belag Magermilch oder Leinöl beigemischt worden.

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  • Auch in Rinteln sah man einst rot. Sowohl am alten Rathaus als auch an den Fassaden des Münchhausen-Komplexes (hier eine historische Postkartendarstellung) wurden Putz- und Farbspuren entdeckt.

Darüber hinaus wurden an nahezu allen Gebäuden Eisenoxidrot-Spuren festgestellt – ein Beleg dafür, dass der Putz eine rötliche (Ockerton-) Färbung hatte. An Fensterlaibungen und anderen herausgehobenen Fassadenelementen fanden sich zudem Spuren von Bleimennige und andere Farbstoffreste. Offensichtlich sollten Erker, Utluchten (Fassadenvorbauten), Zwerchhäuser (Dachaufbauten) und Treppentürme besonders herausgehoben werden. Markante Einzelteile wie Wappen, Ziersteine oder Bildhauerarbeiten waren vergoldet.

An den meisten Gemäuern ist vom einstigen Putz- und Farbzierrat – als Folge von Wind, Wetter und Geldmangel – seit Jahrhunderten nichts mehr zu sehen. Das führte dazu, dass die Untersuchungsergebnisse Pfänders, obwohl durch Archivakten-Hinweise gestützt, auf Zweifel und Ablehnung stießen. Auch die Frage, ob das ursprüngliche Äußere wieder hergestellt werden solle, spaltete und spaltet bis heute die Gemüter.

„Durch das Fehlen von Putz und Farbe ist die von den künstlerischen Baumeistern der Weserrenaissance beabsichtigte Wirkung der charakteristischen Kunstformen verloren gegangen“, machte Gutachter Pfänder aus seiner Meinung keinen Hehl. „Man kann sagen, dass durch das Abziehen der Haut von der einst so farbenfreudigen Fassade lediglich das graue Bruchsteinmauerwerk übrig geblieben ist“.

So sah das offensichtlich auch der vormalige Bückeburger Schlossherr Philipp Ernst. Der Chef des Hauses Schaumburg-Lippe ließ 1977 das als herausragendes Renaissancekunstwerk geltende Schlossportal gegen den Rat einiger Experten und zum Schrecken vieler Einwohner mit roter Farbe anstreichen. Seitdem prangt das eineinhalb Meter dicke, aus Bruchsteinen gemauerte und mit Sandsteinplatten verkleidete Tor wieder im ursprünglichen Ockerton.

Was der traditionsbewusste und mit der Baugeschichte seines Hauses vertraute Schlossherr selbst entscheiden und in Auftrag geben konnte, wäre andernorts heutzutage vermutlich nicht vermittel- und durchsetzbar. Das wurde vor gut zwölf Jahren im Vorfeld der geplanten Restaurierung des Stadthäger Schlosses deutlich. Die niedersächsischen Denkmalpfleger hatten sich, um den Urzustand des vor mehr als 450 Jahren errichteten Prachtbaus wieder herzustellen, für einen farbigen Putzanwurf entschieden. Doch dazu kam es nicht. Das „barbarische Vorhaben“ (Lokalpresse) hatte die Einwohnerschaft so in Wallung gebracht, dass sich die Landesregierung in letzter Minute genötigt sah, die bereits in Angriff genommene „Verschönerungsaktion“ abzublasen.

Wenn es nach dem Willen der Denkmalschützer gegangen wäre, wäre das Schloss Stadthagen, eines der ältesten und aus Sicht der Fachleute bedeutendsten Bauwerke der Weserrenaissance, heute „bunt“.

Fotos: gp



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