×
Den Parteien läuft der Nachwuchs weg

Familie, Beruf und Politik sind schwer vereinbar

Hessisch Oldendorf (boh).

Es ist kein Geheimnis: Die Volksparteien leiden zunehmend unter der fortschreitenden Vergreisung, junge Menschen sind immer schwerer zu motivieren, sich in einer Partei zu engagieren. Einen umfassenden Nachweis führt jetzt erstmals eine Untersuchung der Freien Universität Berlin. Danach verstärkt sich der Trend in fast schon beängstigender Rasanz: Die Minderheit der eingeschriebenen Jung-Mitglieder wird inzwischen immer deutlicher von den Langzeit-Parteibuchinhabern aus der obersten Senioren-Kategorie überflügelt.

Übereinstimmend beklagen auch Horst Jeske (CDU), Marco Guss (SPD) und Torsten Schulte (Grünen) die Nachwuchsprobleme innerhalb der einzelnen Parteien: im Hessisch Oldendorfer Raum. „Durch mehr Transparenz der Parteiarbeit können Jugendliche motiviert werden, sich politisch zu engagieren“, erklärt Horst Jeske und lobt den richtigen Ansatz. Jetzt sei die Verwaltung aufgefordert, dieses Bestreben ebenfalls eins zu eins umzusetzen.

Schwerer noch als die fehlende Transparenz und ausufernde Bürokratie, wiegt für Politiker, die im Berufsleben stehen, die immer kompliziertere Aufgabe, eine ausgeglichene Balance zwischen den einzelnen Lebensbereichen zu finden. Politisches Engagement mit Beruf und Familienleben in Einklang zu bringen erfordert oft ein so hohes Maß an Koordination und Organisation, dass viele – vor allem junge Leute – lieber gleich verzichten.

Auch für Hessisch Oldendorfer Politiker ist die Balance zwischen Beruf, Familie und Politik oft ein Spagat. „Lehrer haben es da wahrscheinlich etwas leichter“, mutmaßt Horst Jeske, Oberstudienrat am Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln, der es durch seine Arbeitszeiten in der Tat etwas leichter als die meisten hat, termingerecht zu den Rats- und Ausschusssitzungen zu erscheinen. „Was viele aber nicht wissen, ist die Tatsache, dass ein Großteil meiner beruflichen Arbeit häufig in die Nachtstunden fällt.“

2 Bilder
Torsten Schulte von den Grünen.

Unterstützung für sein politisches Engagement erhält der Christdemokrat und dreifache Vater stets von seiner Familie. „Trotzdem bleibt manches zu Hause liegen“, erklärt er. Durch seine politische Arbeit habe er allerdings gelernt, Prioritäten zu setzen. „Beruf und Familie gehen immer vor“, sagt er.

Das sieht auch Torsten Schulte so. Der Leiter des BHW-Kundenbetreuungscenters in Hameln zählt parteipolitisch zu den Youngstern bei den Grünen. „Zum Glück sind die Nachmittagssitzungen inzwischen in die Abendstunden verlegt worden“, betont der 39-Jährige. „Familie, Beruf und Politik unter einen Hut zu bekommen, ist nicht ganz einfach.“ Das setze häufig eiserne Planung voraus.

Flexible Arbeitszeiten sind Grundvoraussetzung

Flexible Arbeitszeiten und Akzeptanz des Arbeitgebers für politisches Engagement zählt er zu den Grundvoraussetzungen für parteipolitische Arbeit. „Wenn es im Beruf brennt, geht das natürlich immer vor“, sagt Schulte einschränkend und fügt augenzwinkernd hinzu: „Manchmal sind vier bis fünf Termine pro Woche angesetzt, da kann die Ehefrau schon mal böse reagieren.“ Grundsätzlich lobt er allerdings die Unterstützung durch Ehefrau Sabine. Klare Prioritäten setzt auch der Grünen-Politiker. „Erst kommt die Familie, dann der Beruf und schließlich die Politik.“

Diese Reihenfolge beherrscht auch das Leben von SPD-Ratsherr Marco Guss, besonders seit der zweijährige Fynn-Leon die Familie komplettiert. Guss kam mit Politik bereits früh in Berührung. Intensiv habe er stets die Nachrichten verfolgt und sei von den Ansichten Willy Brandts und Hans-Jochen Vogels begeistert gewesen. Mit 17 Jahren erhielt Guss das Parteibuch und engagierte sich im Unterbezirks- und Stadtverbandsvorstand der SPD. Als Kassierer hatte er als einer der jüngsten Kommunalpolitiker ein Amt.

Gefördert wurde Guss unter anderem durch den früheren niedersächsischen Umweltminister und jetzigen Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Wolfgang Jüttner. Dem Stadtrat gehört der 34-Jährige seit 1998 an. Sein politisches Engagement sei häufig schwer mit dem Beruf vereinbar. „Da ich eine Managementposition bekleide, habe ich keine festen Arbeitszeiten. Bei den Sitzungen im Rathaus muss ich häufig einen Spagat leisten, um teilnehmen zu können.“ Über zwei Jahre pendelte er zudem beruflich zwischen Bonn und dem Weserbergland, wodurch er Sitzungen ausfallen lassen musste. „In der jetzigen Legislaturperiode habe ich mich bewusst entschieden, nur noch im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur tätig zu sein. Die Themen, die dort beackert werden, halte ich für immens wichtig.“ Geblieben ist er darüber hinaus auf dem Posten des stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt