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Fahrradwerkstatt Bad Münder: Neue Tüftler für Drahtesel

BAD MÜNDER. Theenser Anger, Mittwoch, 14 Uhr. Ein paar Jungs und ein paar Erwachsene stehen schon vor der Tür der Fahrradwerkstatt und warten – trotz Sommerferien hat Dragutin Trajlovic ab der ersten Minute Kundschaft. „Vielleicht auch gerade wegen der Ferien.“ Der neue Chef der Fahrradwerkstatt öffnet die Tür.

Schrauben, ölen, aufpumpen – viele Reparaturen in der Fahrradwerkstatt haben damit zu tun. Dragutin Trajlovic ist der neue Chef der Werkstatt, die alte Fahrräder für bedürftige Anwohner herrichtet. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Dann werkeln mit ihm Mark Möller und Andrew-Pia John mit ihm gemeinsam an den Drahteseln, machen sie fit für Menschen, die nicht genug Geld für ein brandneues Rad haben. Die Fahrräder, die die drei wieder auf die Straße bringen wollen, haben vielleicht ihre besten Jahre schon hinter sich. Doch Trajlovic sagt: „Das ist echtes Kapital, was viele noch zuhause rumstehen hatten.“ Manche Einzelteile muss er neu kaufen, aber gebrauchte Bremsen, Ketten, Schutzbleche und viele weitere Gegenstände stapeln sich auch in den Regalen.

Fahrräder, zumindest für Erwachsene, gibt es derzeit genug – vier Räder sind direkt einsatzbereit. Trajlovic, seit April hauptverantwortlich für die Werkstatt, sagt: „Jedes Fahrrad wird gecheckt, wir geben nichts ungeprüft raus. Die Fahrräder gehen an Bedürftige, die in der Regel auch Kunden bei der Tafel sind, viele sind Flüchtlinge. Mangelware seien allerdings Fahrräder für Kinder oder Jugendliche, sagt Trajlovic.

Gelernt hat der pensionierte Verwaltungsbeamte bei seinem Vorgänger Dieter Stradtmann. Hat gelernt, worauf er achten muss – von der Bremse bis zum Pedal, von der Beleuchtung bis zur Felge. Viele seiner Kunden kommen nicht nur einmal zu ihm, vor allem Bremsen und Reifen repariert er öfter. „Das liegt manchmal auch an falscher Handhabung“, weiß er inzwischen, „aber davon sind wir nicht frustriert.“ Oft müssen er, John und Möller Dinge geradebiegen, die notdürftig repariert wurden. „Das waren nicht wir“, sagt er und zeigt auf verdrehte Speichen, die offenbar von Hand gebogen und wieder um andere Speichen gewickelt wurden. „Da war auch mal ein Dynamo dran“, sagt der ehemalige stellvertretende Kämmerer, „jetzt eben nicht mehr.“ Der Draht hängt noch lose am Rahmen.

Seit einigen Monaten hat die Werkstatt wieder ein Schrauber-Trio – Trajlovic tüftelt zusammen mit „Ein-Euro-Kraft“ Mark Möller und „Bufdi“ Andrew-Pia John an Rädern, Rahmen und Lenkern. Mechaniker sind sie nicht, haben sich alle Kniffe, Tricks und Handgriffe abgeguckt oder selbst gelernt. „Wir verstehen uns blind“, sagt Möller zu John, während die beiden gemeinsam ein orangenes Mountainbike auf einen Ständer wuchten. Der Reifen ist hin, die Felge noch intakt. Mit wenigen Griffen hat Möller die Luft abgelassen, den Reifen abgezogen. „Ich bin ein Tüftler“, sagt Möller, der seit vier Jahren in Bad Münder und über die Arbeitsloseninitiative zur Fahrradwerkstatt kam. Früher hat er in Aerzen gelebt. „Ist `ne lange Geschichte“, sagt er knapp, wenn man ihn fragt, was ihn in die Kurstadt verschlug.

Eine Minute später hat Möller einen neuen Reifen auf der Felge, natürlich Gebrauchtware. An einem zweiten Mountainbike löst John derweil eine Bremse. Das Drahtseil ist verrostet und gerissen, der Bremszug muss ausgetauscht werden, Rost bröselt aus der Hülle. John und Möller sind unter der Woche für die Tafel im Einsatz, schleppen Kisten, helfen bei der Lebensmittelausgabe. John fährt außerdem Obst, Gemüse und Getreideprodukte zu denen, die nicht selber kommen können.

„Das funktioniert mit den beiden, hüben wie drüben“, freut sich Tafel-Vorsitzender Dieter Hainer über die Verstärkung. Beide seien beliebt, zuverlässig und würden gut ins Team passen. Erst als Helfer, nun für einen geringen Lohn helfen sie bei der Tafel. „John ist im mobilen Dienst sehr gefragt“, sagt Hainer, „deswegen macht er das auch weiterhin. Gut integriert ins Team sind beide.“ John, der als Flüchtling aus dem Sudan kam, würde darüber hinaus bei dem Fahrdienst die Sprache gut lernen.

Trajlovic ist ebenfalls voll des Lobes: „Wir können stolz darauf sein, was wir hier hinkriegen“, sagt er über die Arbeit mit seinen Kollegen in der Fahrradwerkstatt. „Alleine kann man nicht viel bewegen.“



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