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Fachsimpeln zur Eröffnung

EIMBECKHAUSEN. Heinz Werhahn hat den Bogen raus. Ohne sich die Finger zu quetschen, verwandelt er den Klappsitz mit wenigen Handgriffen in eine Leiter. Die Klappstuhlleiter ist eines von 40 Objekten, die in der Sonderausstellung „Flachgelegt. Ein Sitz für alle Fälle“ im Stuhlmuseum Eimbeckhausen zu sehen sind.

Ausprobieren, bewegen, staunen – die Klappstuhl-Ausstellung bietet viel Raum für Erinnerungen. Foto: Huppert

Autor

Christoph Huppert Reporter

„Schon die wohlhabenden alten Griechen und Römer nutzten steck- und klappbare Stühle und Sitze auf ihren Reisen“, wusste Museumschef Jürgen Othmer anlässlich der Ausstellungseröffnung zu berichten. Neben den Klassikern, einem tuchbespannten Holzklappstuhl unter einem Sonnenschirm und dem millionenfach hergestellten Standard-Holzklappstuhl, sind in der Ausstellung auch viele Besonderheiten zu sehen. Das älteste Objekt stammt aus dem Jahr 1873, ein Gründerzeit-Klappstuhl. „Ein Geschenk des Vaters des ehemaligen Stadtdirektors Weber zur Hochzeit“, so Othmer.

Gleich am Eingang ein rostiger, zusammengeklappter „Deckchair“ mit abgeblätterter gelber Farbe, der aussieht, als sei er dem Untergang der Titanic nur knapp entkommen, gleich gegenüber zwei plüschige, abgewetzte Kino-Klappsitze. „Die stammen aus dem alten münderschen Kinosaal, den Kur-Lichtspielen“, erinnerte sich Museumskurator Herbert Kowalzik.

Gemeinsam mit Kurt Fichtner, Dieter Meier, Manfred Rothkugel, Hubert Dolle, Herbert Kappel, Martin Luckat und vielen anderen Mitgliedern hat er die Ausstellung zusammengestellt. Mit dabei war auch Gisela Hahne, sie zeigt zur Eröffnung einen aus grauem Holz gefertigten kleinen tragbaren Hocker, den man sich unter den Arm klemmen kann. „Der ist von Kindern und Heimarbeitern zur Zeit des Nationalsozialismus angefertigt worden und kam bei den Auftritten Hitlers am Bückeberg als mobile Sitzgelegenheit für die Zuschauermassen zum Einsatz“, erklärt sie.

Der Sperrsitz aus den Kur-Lichtspielen gehört ebenso zur Ausstellung wie der luxuriöse „Deckchair“, den Gisela Hahne gemeinsam mit einem zur Zeit des Nationalsozialismus gefertigten Hocker vorstellt.
  • Der Sperrsitz aus den Kur-Lichtspielen gehört ebenso zur Ausstellung wie der luxuriöse „Deckchair“, den Gisela Hahne gemeinsam mit einem zur Zeit des Nationalsozialismus gefertigten Hocker vorstellt.

Ungeklärt dagegen ist die Herkunft des Liegesessels „Mo-Bi“. Der ist auf die Zeit um 1930 datiert und eine Leihgabe von Norbert Röske aus Kelkheim. „Der ist mir nach der Ankündigung in der Zeitung zur Verfügung gestellt worden, aber über die Herkunft des Stuhl ist nichts bekannt“, berichtet Hahne. „Vielleicht wissen die Leser mehr.“

Ein Armlehnen-Faltstuhl aus gewachster Eiche mit einem kitschigen Brokatbezug aus den 1970-ern ist in der Ausstellung ebenso zu sehen wie der faltbare Mahagoni-Gartenliegestuhl aus dem Kloster Barsinghausen aus der Zeit um 1890, den Regina Lahmann aus Eimbeckhausen dem Museum als Leihgabe überlassen hat.

Es ist erstaunlich, wie schnell Klappstühle Erinnerungen wachrufen können. Und so stehen die rund 50 Besucher der Ausstellungseröffnung erinnerungsschwanger vor den Sitzobjekten und geraten ins Fachsimpeln.

Unter ihnen auch der Schöpfer des 1978 entworfenen, legendären Wilkhahn-FS-Drehstuhls, der heute 67-jährige Designer Prof. Werner Sauer aus Eldagsen. „Klappstühle“ sagt er bewundernd, „da habe ich wirklich großen Respekt vor, die sind schwierig zu machen. Und die Finger klemmt man sich sowieso immer.“

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