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Potenzial, wichtigster Lernort zu werden

Fachlehrer fordern didaktische Erschließung des Bückebergs

HAMELN-PYRMONT. Das Projekt für eine Doku-Stätte zu den Reicherntedankfesten der Nazis am Bückeberg bekommt Rückendeckung: Fachgruppen des Unterrichtsfachs „Geschichte“ von Schulen in den Landkreisen Hameln-Pyrmont und Schaumburg fordern eine didaktische Erschließung des ehemaligen Festplatzes als Lernort.

Reichserntedankfest auf dem Bückeberg. Foto: Archiv
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Der Bückeberg habe „das Potenzial, der wichtigste Lernort zum Thema Nationalsozialismus in der Region“ zu werden, heißt es in der Erklärung, welche die Lehrer an Mitglieder des Kreistages, die Gemeinde Emmerthal und die Dewezet verschickt haben. Am Bückeberg ließen sich mehrere Elemente der NS-Ideologie und ihrer Wirkungsweise veranschaulichen:

  • „Die rassistische ,Volksgemeinschaft‘, die vor Ort inszeniert wurde, damit das Volk an sie glauben konnte und die von Anfang an Menschen ausschloss.
  • Das faschistische ,Führerprinzip‘ mit seiner charismatischen Herrschaft – Adolf Hitlers Bad in der Menge war Höhepunkt des Festes.
  • Die expansionistische ,Blut und Boden‘-Theorie – der Bauernstand als tragende Säule der NS-Herrschaft und der ,Kampf um Lebensraum‘ als außenpolitische Agenda.
  • Der Antiindividualismus und Antiliberalismus – der Einzelne verschwindet in der Masse: ,Du bist nichts, dein Volk ist alles‘.
  • Die manipulative Propaganda im autoritären Staat, vor Ort und in den Medien
  • Der Militarismus in Form von paramilitärischen Aufmärschen und kriegsinszenierenden Vorführungen der Reichswehr/Wehrmacht.“

Die meisten dieser Aspekte ließen sich in Niedersachsen ausschließlich am Bückeberg erschließen, schreiben die Geschichtslehrer. Gedenkstätten, wie etwa an einstigen Konzentrationslagern, seien dafür nicht geeignet. Die KZs zeigten zwar eindrucksvoll, zu welchen Verbrechen der Nationalsozialismus imstande war, „liefern jedoch kein Verständnis dafür, warum so viele Menschen vom NS begeistert waren und ihm bis in den Untergang hinein folgten“.

Die Lehrer weisen darauf hin, dass die Menschen auch heute „anfällig für Lügen, Hetze und Menschenfeindschaft“ seien. „Die Geschichte der Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg kann für die zeitlose Verführbarkeit sensibilisieren, die aus dem Zusammenspiel von Gemeinschaftsbeschwörung, Überlegenheitsgefühl und Aggressivität“, heißt es in der Erklärung.

„Da erschreckend wenige Schülerinnen und Schüler von der Bedeutung des Bückeberges in der Zeit des NS wissen und der Ort im heutigen Zustand auch keinerlei Informationen hierzu liefert, fordern wir die didaktische Erschließung des ehemaligen Festplatzes als Lernort“, erklären die Lehrer. „Wir sind davon überzeugt, dass er einen wertvollen Beitrag für den Erhalt unserer Demokratie liefert, und erinnern an die Worte des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985: ,Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen den Jüngeren helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wach zu halten. (…) Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit – für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. (…) Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass.“

Hinter der Erklärung stehen die Fachgruppen Geschichte der Handelslehranstalt, der Eugen-Reintjes-Schule, des Viktoria-Luise-, Schiller- und Albert-Einstein-Gymnasiums, der Elisabeth-Selbert-Schule und der Integrierten Gesamtschule in Hameln, des Humboldt-Gymnasiums in Bad Pyrmont, des Gymnasiums Ernestinum in Rinteln, des Studienseminars Hameln für das Lehramt an Gymnasien sowie die Leitung und das Kollegium des Studienseminars Hameln für das Lehramt an Gymnasien.

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