×
Lea Nüsgen ist fast 11 000 Kilometer weit gefahren / Ihr Ziel: Von den Konditoren des Kontinents lernen

Europa vernascht

Lea Nüsgen ist fast ein bisschen sauer. So klingt sie jedenfalls fast. Dabei drängt sich die Frage an die Konditormeisterin einfach auf, wie denn eine perfekte Süßspeise ihrer Meinung nach zu schmecken habe. „Um Gottes willen“, antwortet sie, „nicht einfach nur süß!“ Zu einer perfekten Süßspeise gehöre viel mehr, sie müsse knackig und weich sein, cremig, sauer und süß zugleich, alles auf einmal. Facettenreich eben, überraschend, und in Erinnerung bleiben müsse sie natürlich auch. Es klingt fast so, als hat die perfekte Süßspeise ganz viel gemeinsam mit Nüsgens Fahrt durch halb Europa.

Autor:

VON ROBERT MICHALLA
Anzeige

Die Hamelnerin ist auf „süßer Reise“. Sie schaut den Konditoren des Kontinents in die Rührschüsseln. „Den Horizont erweitern“ möchte sie, „fachlich und persönlich.“ Vor sieben Jahren legt sie Abitur an der Hamelner Elisabeth-Selbert-Schule ab. Nach dem Abi beginnt auch biografisch ihre süße Reise. Sie führt zur Ausbildung nach Bielefeld, zu Gastspielen in Frankreich und Schweden, zu einer Anstellung im Luxushaus Grand Hotel Wien. Heute ist sie Konditormeisterin. Kurz nach der Prüfung sagt sich die 27-Jährige: „Jetzt oder nie.“ Sie greift einen seit Jahren gehegten Plan auf: die süße Reise durch Europa. So wie sich die Köche Jamie Oliver oder Sarah Wiener an fremden Herden in fernen Winkeln Europas herumtreiben, könnte sie doch die Confiserie des Kontinents vor Ort unter die Lupe nehmen.

Es ist 10 Uhr morgens in Pamplona. Gestern sei es „ein bisschen frisch hier“ gewesen, sagt Nüsgen. Sie ist auf dem Weg in Richtung Heimat, nach Belgien will sie noch, schließlich sucht sie noch immer nach einer Lieblingssüßspeise. Dabei hat die Konditormeisterin schon so viel Zeit investiert und so viele Länder bereist. Rund zwei Monate lang und 11 000 Kilometer weit ist sie gefahren, um sich durch Bäckereien und Patisserien zu essen. Was sie dabei erlebt hat, ist köstlich, obwohl alles mit einem flauen Gefühl im Magen beginnt. „Ich habe mich in den ersten zwei Wochen übernommen“, erinnert sich Nüsgen. „Da hat mein Magen irgendwann rebelliert.“ Zwar ist sie generell mehr Süßkram als Otto-normal-Verbraucher, schon allein wegen ihres Berufes. Freunde nennen sie nicht ohne Grund ein Süßmaul. Doch die ersten Tage der Reise sind einfach viel zu süß gewesen, selbst für die Konditormeisterin. Später, in Portugal, wird sie sich zwar noch einmal überessen, an den vielen Eiern in den Desserts nämlich, die die Portugiesen so gern verarbeiten. „Die Eier sind unabhängig vom Wetter und der politischen Lage“, erklärt sich Nüsgen diese Vorliebe. Allerdings waren die vielen Eier nicht ihr Ding, „aber ich bin immer so neugierig“, sagt sie und lacht. Essenserfahrungen wie diese bleiben aber die Ausnahme. Von der Eierdiät erholt sie sich genauso schnell wie vom Zuckerschock zu Beginn der Reise.

Das könnte Sie auch interessieren...

München, 8. Mai, Café Maelu: „Der absolute Oberknaller! Geschmack und Optik so stimmig, wie es mir selten begegnet ist. Echt beeindruckend!“, schreibt Nüsgen auf ihrer Facebook-Seite. Wien, 10. Mai, „Blühendes Konfekt“: „Sensationelles Erlebnis!“, schwärmt sie. „Super interessant. Optisch natürlich super schön, geschmacklich noch besser!“ Das blühende Konfekt sei die größte Überraschung der gesamten Reise gewesen, sagt Nüsgen. Konfektmacher Michael Diewald sammelt wilde Blüten und verarbeitet sie, zum Beispiel kandiert als Dekoration für Pralinen. „Das war der absolute Oberknaller“, sagt Nüsgen. „Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gegessen. Wahnsinn.“ Es sind Erinnerungen und Erlebnisse wie diese, die Nüsgen sammelt. Vieles davon schreibt sie in ihr Tagebuch. Darin finden sich Rezepte, Eindrücke verschiedener Cafés und Bäckereien, Tipps von den Menschen, denen sie begegnet. „Ich werde in zehn Jahren noch immer in diese Bücher schauen.“ Von den Begegnungen und Erzählungen lässt sich Nüsgen treiben. Canosa, 17. Mai: „War gerade in der scola del agricoltura, Schule für Landwirtschaft in Canosa und habe mich mit mehreren Lehrern unterhalten. Ich habe einen guten Tipp bekommen, wo ich mir den Mandelanbau und die Weiterverarbeitung ansehen kann: in einem kleinen Örtchen nahe Bari! Also, los gehts!“, schreibt Nüsgen. Im Gespräch erzählt sie: „Die Freiheit des Reisens ist wahnsinnig schön.“ Perfekt dafür ist ihr kleiner, roter Toyota Aygo, aus dem sie den Beifahrersitz ausgebaut hat, um Platz zu schaffen zum Schlafen. „Ich kann machen, was ich will“, sagt Nüsgen. Es sind genau diese Momente, die ihr an der Schlemmerreise so gefallen. Sie kann jederzeit selbst entscheiden, ob sie weiterfahren möchte, und wenn ja, wohin. Manchmal führt sie aber auch der Zufall, wenn sie zum Beispiel von der Autobahn aus ein idyllisches Dörfchen entdeckt und spontan die nächste Abfahrt nimmt. Doch es läuft nicht alles rund. Gerade die Suche nach einem Schlafplatz ist mitunter heikel. Während ihrer Reise klingelt sie oft bei wildfremden und fragt, ob sie ihr Auto auf deren Grundstück abstellen kann. Schließlich ist das sicherer, als auf der Straße zu parken. Dabei nehmen viele sie gern auf, einige bieten ihr sogar ein Bett im Haus an, wieder andere laden sie am nächsten Morgen noch zum Frühstück ein.

3 Bilder

Einmal, noch ziemlich am Anfang der Reise, so erzählt sie, habe sie an einem wunderbar gelegenen Haus am Rande eines Waldes darum bitten wollen, auf dem Grundstück übernachten zu dürfen. Als sie näher kam, sah sie eine alte Katze vor der Tür sitzen und einen noch älteren Mann am Fenster. „Das war schon krass, der wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Ich habe mir dann gedacht: Er ist vielleicht stärker, aber ich bin schneller“, sagt Nüsgen. Im Laufe der Reise entwickelt sie aber ein Gespür dafür, wie sie Begegnungen wie die mit dem alten Katzenbesitzer aus dem Weg gehen kann. „Gut ist es immer dort, wo auch Kinder dabei sind“, sagt sie. „Ich muss aber auch manchmal meinen Mut zusammennehmen.“ Zum Beispiel, wenn sie in Konditoreien fragt, ob sie den Meistern über die Schulter schauen darf. Ihr Vorgehen ist dabei erdenklich einfach: „Ich habe probiert“, sagt Nüsgen. „Wenn es gut schmeckt, stelle ich mich vor. Dann mache ich Fotos und frage, ob ich zugucken darf.“ Mit diesem Rezept fährt sie gut. „Ich habe tolle, nette Leute kennengelernt“, sagt sie. Nicht nur in den Konditoreien, sondern auch abseits der Backstuben. Da ist das Pärchen, das auf dem Jakobsweg pilgert und den weiten Weg aus England auf einem Tandem zurücklegt. Da ist das Paar, dass seit 30 Jahren Urlaub in Sizilien macht. Bei all diesen Begegnungen sei es gut gewesen, dass sie allein unterwegs ist. Zu zweit oder in einer Gruppe hätte sie so viele Menschen wohl kaum kennengelernt. Dafür fehlt ihr manchmal jemand, mit dem sie länger sprechen kann. Vor zwei Jahren hätte sie sich das nicht getraut, sagt Nüsgen über ihre Reise. Zumal sie ganz allein unterwegs ist. Heute, mit den Erfahrungen der Reise, sei sie „krisenfester“. Doch nun, nach fast 11 000 Kilometern, fehle ihr die Heimat, auch wenn sie sich noch daran gewöhnen müsse, wieder nach Hause zu kommen. Doch die Freude überwiegt. „Ich bin froh über die Erfahrungen, besonders landwirtschaftlich.“ Auch historisch sei die Reise aufschlussreich gewesen. Sie denkt dabei zum Beispiel an die Zeit, in der die Araber in Spanien herrschten oder an die enge Verbindung von Sizilien und Toledo. Oft sei die Geschichte der Länder im Essen der Menschen „greifbar, spürbar“, sagt Nüsgen. Historie im Nachtisch, wenn man so will. „Das finde ich alles sehr spannend.“ Mit ihrer Reise ist Nüsgen etwas Besonderes gelungen. Wer kennt schon eine Konditorin oder einen Konditor, der Backstuben in halb Europa besucht hat? Gerade die deutschen Konditoren schauen eher selten auf ihre Kollegen im Ausland.

Vielmehr verlassen sie sich auf ihre Tradition, die Schwarz-Wälder-Kirschtorte ist Trumpf. Doch die Zeiten ändern sich, auch dank des Mutes von Menschen wie Lea Nüsgen. „Ich bin jeden Tag wieder glücklich, dass ich diese Reise gemacht habe“, sagt sie. „Es ist super gelaufen, besser als ich gedacht habe.“ In gut einer Woche ist sie wieder zurück, ihre Reise endet in Berlin, so der Plan. Ob sie ihre süße Fahrt noch einmal wiederholt? „Ich würde es unbedingt noch einmal machen, aber da braucht man ja auch Zeit zu“, sagt sie. Zwei Monate müssten es schon sein.

Es gibt aber auch Gründe, die für eine Neuauflage sprechen. Da sind die vielen Begegnungen, die auch bei der nächsten Reise auf sie warten. Da sind die vielen Freunde, die ihr bei der ersten Reise so sehr geholfen haben. Und da ist die eine Sache, die sie irgendwann vielleicht auch abhaken möchte: Eine Lieblingssüßspeise für sich zu entdecken, die hat sie nämlich immer noch nicht. Aber das kann ja noch kommen, spätestens bei einer der nächsten Reisen, vielleicht.

Um das Ende vorweg zu nehmen: „Ich bin jeden Tag wieder glücklich, dass ich diese Reise gemacht habe“, sagt Lea Nüsgen. Die Konditormeisterin meint damit ihre Fahrt durch halb Europa. Doch zu ihrer eigenen Überraschung beginnt die Reise mit einem flauen Gefühl im Magen.

Das Konfekt (l.) hat Lea Nüsgen am meisten überrascht auf ihrer Reise mit dem roten Auto durch Europa.pr




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt