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François Martin arbeitet als Headbutler im Kult-Nobelhotel Sunset Marquis in West-Hollywood – und hat viel zu erzählen

„Es vergeht kein Tag ohne eine skurrile Erfahrung“

Los Angeles. Filmreif perlen die Tropfen am eiskalten Negroni ab. Ein Aperitif wie gemacht für den kalifornischen Sommer. François F. Martin, Headbutler im Hotel Sunset Marquis in West-Hollywood, bestellt „Braised Rack of Antelope, Seared Sonoma Foie Gras and Wild Mushrooms in Black Truffel Sauce“, während der Blick über einen tropischen Garten mit einem Teich voller fetter Kois schweift, die sich rasant vermehrt haben. Die Pfade in der weitverzweigten Anlage sind so verschlungen, dass die rund 100 Überwachungskameras in den exotischen Pflanzen ebenso wenig auffallen wie die Security-Männer. Wenig aufsehenerregend erscheint auch Matthew Followill, Mitglied der Pop-Gruppe Kings of Leon, der gegenüber mit einer unbekannten Dame speist. Dauergast Steven Tyler von der Rockband Aerosmith ist nicht in Sicht.

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Oh ja, der VIP-Faktor ist groß im Sunset Marquis, der gut versteckten Kult-Nobel-Absteige in West-Hollywood nahe dem Sunset Strip. Alles, was Rang und Namen hat, steigt gern am Alta Loma Drive ab: Brad und Angelina, George Clooney, Kevin Costner und Eminem sind Alltag. Die Star-Dichte hat Tradition, schon in den 60ern ließ es Playboy-Gründer Hugh Hefner im Sunset regelmäßig krachen, Janis Joplin verbrachte hier ihr letztes Lebensjahr, Courtney Love schrieb aufgewühlte Zeilen an Kurt Cobain, und Brad Pitt zog ein, als es mit Jennifer Aniston aus war.

24 Stunden lang gibt es hier Frühstück

Comedian Jackie Gayle formulierte es so: Die besten Schreiber in Hollywood befinden sich rund um den Pool des Sunset Marquis, den Blick auf ihre Häuser in den Hollywood-Hills gerichtet, die sie bei der Scheidung an ihre Frauen verloren haben.“ Vor allem aber sind es Musiker, die immer wieder kommen: Das Hotel war und ist das Zuhause der Rock’n’Roll-Typen, die nachts in den Clubs am Sunset Boulevard aufspielen. „Die Stars lieben das Sunset Marquis, weil sie sich wie zuhause fühlen und wir alles haben, was sie möglicherweise brauchen könnten“, sagt François Martin, „24 Stunden Frühstück, ein Aufnahmestudio, Privatsphäre, Ruhe und viele versteckte Eingänge, um den Paparazzi zu entgehen. Eine Minute vom Sunset entfernt und doch meilenweit entfernt.“ Das ausgezeichnete Aufnahmestudio im Untergeschoss haben übrigens sowohl Alanis Morissette als auch Madonna schon benutzt. Hier produzierte Mary J. Blige ein Album, rockten Aerosmith und Cyndi Lauper, wurden Filme nachvertont, schmachtete Seal ins Mikro, nahm Britney Spears einige Tracks für „Blackout“ auf – vor ihrem Blackout.

Unbeeindruckt von Stars und Sternchen lässt sich François Martin nach dem Essen von Chefkoch Guillaume Burlion über die gourmettechnischen Feinheiten der Antilope aufklären. Burlion, der zuvor in Sterne-Restaurants in Frankreich, Japan und auf Hawaii kochte, Privatkoch von Nicolas Cage war und Bill Clinton verköstigte, erklärt und freut sich, dass es schmeckt. Die Aufgaben von François Martin zu beschreiben, ist schwieriger: „Ich bin das Mädchen für alles – Butler, Organisator, Psychologe und Freund“, sagt er. Bis zu 24 Stunden am Tag erfüllt der Headbutler die ausgefallenen Wünsche seiner Gäste, und die Liste ist endlos: „Nur weiße Blumen, nur pinkfarbene Rosen, nur Louis XIII Cognac, keine Federn, nur Federn, Ankunft um vier Uhr nachts mit Begrüßungskomitee inklusive Generalmanager, alle Fenster mit Aluminiumblechen verblendet, um tagsüber schlafen zu können, 15 Grad Celsius im Zimmer, nur Junkfood von Kentucky Fried Chicken, nur biologische Lebensmittel von Whole Food. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht eine skurrile Erfahrung mache.“ Manchmal dauere es drei bis vier Stunden, um die Gegenstände in ganz Los Angeles zu finden, die VIPs als Zusatz für ihre Suiten ordern, manches muss von der Ostküste eingeflogen werden. „Sogar Essiggurken aus Deutschland mussten wir schon mit FedEx kommen lassen!“ Besonders gefragt ist auch des Headbutlers Fähigkeit, für eine Oscar-Verleihung oder ähnliche Events Krawatten zu binden. Nicht selten ist François Martin der Erste, der ein neues Musikstück zu hören bekommt.

5 Bilder
Das Whisky-A-Go-Go am Sunset Strip in Los Angeles.

Ein Buch könne er schreiben über das, was er im Laufe der Jahre im Sunset erlebt hat, sagt er. Aber François Martin wäre nicht Headbutler, wenn er erzählen würde, mit wem George Clooney letzte Nacht im Zimmer verschwunden ist. Diskretion, Loyalität und sensibles Zuhören sind für den 59-Jährigen oberste Maxime. Diese Eigenschaften brauchte der Sohn gut betuchter Couturiers aus Nizza, der fünf Sprachen fließend spricht, sich nicht mühsam aneignen, sie liegen ihm im Blut.

An seinem Job schätzt er vor allem die Freundlichkeit und Zuvorkommenheit der Gäste, die zurückkommen, und das Vertrauen, das sie in ihn setzen. „Ich bin Teil ihres Privatlebens und nichts von dem, was ich sehe und höre, gelangt nach außen – nie“, betont François Martin und fügt nach einer Pause ein wenig entspannter hinzu: „Und ich mag die tägliche Soap Opera – dank meiner Gäste brauche ich zu Hause keinen Fernseher, das habe ich alles im Sunset Marquis.“

Sogar die Rolling Stones steigen noch hier ab

Kitsch und Glam-Dekadenz sucht man im Sunset Marquis, das von außen eher unscheinbar wirkt, vergebens. Stattdessen Understatement, klare Linien und warme Farben. Vielleicht ist es seit den wilden 60ern etwas gediegener geworden – die Rockstars sind heute eher Geschäftsreisende und weniger exzentrische Künstler. Das hat sich wohl herumgesprochen, und so kommen inzwischen auch Kollegen aus unglamouröseren Branchen.

Doch bei aller Modernität ist es das Rocker-Hotel geblieben, als das es George I. Rosenthal 1963 in der Alta Loma Road nahe des Sunset-Strip baute. Die Quote der Tattoo tragenden Stars ist im Vergleich mit Hotels im gleichen Preissegment immer noch hoch, und selbst die Rolling Stones steigen hier ab, wenn sie in der Stadt sind.

Dass das Sunset Marquis sich zu einer Zuflucht für die Rock-VIPs entwickelt hat, geht auf eine Idee Rosenthals zurück. Der Geschäftsmann erkannte, dass die Entertainer, die auf dem Sunset Strip spielten und feierten, etwas in der Nähe zum Übernachten brauchten. Acht Dollar kostete damals eine Übernachtung. Heute zahlt ein Star für die Präsidentenvilla Butler und Limousine rund um die Uhr 7000 Dollar, Roadies zahlen 200. Dafür verwöhnt das kleine Spa mit Möbeln aus dem Porsche Design Studio und Produkten der italienischen Marke Erbe. Die benutzt auch der Papst. Auf Wunsch kommen Visagisten und Modeberater von Fred Segal vorbei. Und Service Headbutler François F. Martin sorgt dafür, dass es den Rolling Stones, dem Osbourne-Clan und Eminem an nichts fehlt.




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