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Diese Reise lässt niemanden kalt: Eine Expedition zum Anfang vom Ende der „Titanic“

Es knackt, kracht und knirscht im Eislabyrinth

Es war nur eine flüchtige Begegnung auf hoher See. Kaum jemand hatte sie bemerkt. Und dennoch schrieb sie Geschichte. Jene zufällige und doch folgenschwere Berührung der „Titanic“ mit dem Eisberg unweit der Küste von Nova Scotia, die noch heute die Herzen der Menschen in aller Welt berührt.

„Was ist das für ein Ungetüm?“, scheint sich diese Sattelrobbe auf einer Eisscholle im Eisfeld vor der Labrador-Küst

Autor:

Dr. Bernd Kregel

Der Eisberg ist natürlich längst geschmolzen. Und doch beflügelt er stets neu die Phantasie. Neugier und Ungeduld kennzeichnen daher die Stimmungslage vor der abenteuerlichen Expeditionsreise auf den Spuren des weißen Giganten. Eine Reise vom Ort des Zusammenpralls unweit von Halifax bis hinauf in den hohen Norden jenseits des Polarkreises.

Zunächst zieht Neufundland die Aufmerksamkeit auf sich. Es ist jene unwirtliche von Fjorden zerfurchte und von Winden zerzauste Gesteinsinsel, die wie ein Fels in der Brandung den Attacken des eiskalten Labradorstroms aus dem Norden standhält. Umso mehr muss es erstaunen, dass ausgerechnet hier die ersten Europäer vor nunmehr eintausend Jahren Fuß fassten. Es waren die Wikinger mit ihren schnellen Drachenbooten, denen offenbar kein Seeabenteuer zu gefährlich erschien.

Sie konnten damals natürlich noch nicht wissen, dass es nach einem halben Jahrtausend ganz andere Europäer in diese raue Gegend verschlagen sollte. Diesmal waren es Walfänger aus dem spanischen Baskenland, die sich mit ihren bauchigen Segelschiffen als Erste im Red Bay niederließen wie später Walfänger aus anderen Ländern. Hier hielten sie während der Sommermonate Ausschau nach Buckelwalen, deren zu Tran verarbeiteter Speck auf den europäischen Märkten als Brennmaterial reißenden Absatz fand.

Eisberg-Koloss in der Disko-Bucht an Grönlands Westküste.
  • Eisberg-Koloss in der Disko-Bucht an Grönlands Westküste.
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Doch der Walfang war es nicht allein. Darüber gibt weiter nördlich der kleine Labrador-Küstenort Battle Harbour Auskunft mit seinen geräumigen Lagerhallen und hölzernen Trockengestellen. Hier drehte sich alles um den Kabeljau, den man in überquellenden Fangnetzen an Bord brachte. Ein überreiches Angebot, das – gesalzen oder als Stockfisch verarbeitet – dazu diente, im fernen Europa leere Mägen zu füllen.

Herausforderungen hält eine Expeditionsreise ins Nördliche Eismeer heute noch bereit. Sie reichen von einem furchterregenden nächtlichen Orkan der Windstärke zwölf vor der Küste Neufundlands bis hin zu den dichten Eisfeldern im Küstenbereich von Labrador. Da bedarf es eines Schiffes mit Eisbrecherqualität wie der „Hanseatic“, um sich ohne Risiko durch die Eisdecke hindurchzuzwängen, vorbei an genüsslich auf ihren Eisschollen dösenden Robben, die sich zu wundern scheinen über das wuchtige Ungetüm, das sich knirschend an ihnen vorbeischiebt.

Plötzlich, bei der Überfahrt nach Grönland, wird mitten in der Labradorsee Erregung an Bord spürbar, die sich wie ein Lauffeuer über das ganze Schiff verbreitet. Manche stürzen aufs Oberdeck, andere wiederum drücken sich die Nasen platt an den Fenstern der Steuerbordseite. Denn da ist er, der erste schneeweiße Eisberg dieser Reise, der sich nun aus nächster Nähe stolz und majestätisch die Ehre gibt. Nur geschmückt mit einem rosaroten Streifen an der Oberkante als letzter Gruß von der soeben untergehenden Sonne.

Auch mit Paamiut, der ersten grönländischen Inuit-Siedlung an der Südwestspitze der Insel, ist der Polarkreis noch nicht erreicht. Erst Sisimiut, fast punktgenau gelegen auf dieser imaginären Linie, wartet auf mit der lang ersehnten „Mitternachtssonne“, die sich noch vor dem Erreichen des Horizonts wieder erhebt, um mit fahlem Licht den neuen Tag zu begrüßen.

Und natürlich auch die immer zahlreicher werdenden Eisberge, deren Kinderstube nach Angaben des Kapitäns schon bald erreicht wird. Denn das nächste Ziel ist die legendäre Disko-Bucht, die wohl bekannteste Küstenregion in ganz Grönland. Und die präsentiert sich nach kurzer Nachtruhe beim ersten Blick aus dem Kabinenfenster als eine bizarre Eislandschaft im Fantasy-Stil.

Schnell liegen die Schlauchboote bereit, in denen je zehn Passagiere Platz finden. Ihr Kurs führt hinein in das Reich der weißen Riesen, die sich als hoch aufragende Türme, gewellte Wände oder gar als runde Brückenbögen präsentieren und dabei doch stets den siebenfachen Teil ihrer Masse unterhalb der Wasseroberfläche verbergen. Ein beständiges Plätschern, Knacken und Krachen begleitet die Fahrt durch dieses Eislabyrinth. Ist hier nun der Anfang vom Ende der „Titanic“ erreicht?

Nicht ganz, denn die Spur führt weiter zurück in den angrenzenden Eisfjord von Ilulissat, auf den eine Erhebung an der Küste den Blick freigibt. Vollgepackt mit mächtigen Eisgiganten, die sich vom Festlandgletscher losgerissen haben, liegen sie ineinander verhakt und warten als Enkel oder Urenkel des Titanic-Eisbergs auf ihre große Stunde.

Und die ist gekommen, wenn der Druck der nachrückenden Eismassen so mächtig geworden ist, dass dadurch die tief unten auf dem Meeresgrund liegende Felsbarriere am Ende des Fjords überwunden wird und ein neuer Koloss sich mit Getöse seinen Weg hinaus in die Freiheit des Meeres bahnt. Zweifellos ein Welt-Naturwunder gemacht aus „ewigem Eis“, das keinen mehr kalt lässt, der es miterlebt hat.

Weitere Informationen über die Kreuzfahrt gibt es im Internet unter www.hlkf.de oder telefonisch unter 0 18 03/41 21 41.

Expeditionsschiff „Hanseatic“ beim Ausschiffen vor Neufundland (links). Und die Nachfahren der Wikinger in L’Anse aux Meadows in Neufundland.



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