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„Es ist toll, so einen Freund zu haben“

Das Gelände der Lebenshilfe in Rinteln ist 120 000 Quadratmeter groß und wirkt mit seinen vielen Gebäuden, den Wegen, Bäumen und Plätzen fast wie ein eigener kleiner Stadtteil. Für etwa 140 Menschen ist dieses Gelände des ehemaligen britischen Militärhospitals das Zuhause. Von hier aus brechen sie morgens zur Arbeit in die betreuten Werkstätten auf, hierher kehren sie zurück in ihre verschiedenen Wohngruppen, wo die meisten ein eigenes Zimmer haben. Einige aber bewohnen zu zweit ein Appartement, so wie Nicole Schaarschmidt (27) und Sven Struckmeier (36).

Von Cornelia Kurth

Das Gelände der Lebenshilfe in Rinteln ist 120 000 Quadratmeter groß und wirkt mit seinen vielen Gebäuden, den Wegen, Bäumen und Plätzen fast wie ein eigener kleiner Stadtteil. Für etwa 140 Menschen ist dieses Gelände des ehemaligen britischen Militärhospitals das Zuhause. Von hier aus brechen sie morgens zur Arbeit in die betreuten Werkstätten auf, hierher kehren sie zurück in ihre verschiedenen Wohngruppen, wo die meisten ein eigenes Zimmer haben. Einige aber bewohnen zu zweit ein Appartement, so wie Nicole Schaarschmidt (27) und Sven Struckmeier (36). Die beiden führen einen gemeinsamen Haushalt und sind schon seit viereinhalb Jahren zusammen.

„Ja, ich und mein Schatz, wir sind hier das einzige Paar“, sagt Nicole und blickt dabei mit einem zufriedenen Lächeln auf ihren Sven, der ebenso wie sie erstaunlich jung aussieht, ein kräftiger, blonder Mann mit Ring im Ohr, der nicht viel redet, aber einverständlich nickt, wenn seine Freundin erzählt. Gerade sitzen sie am Küchentisch in ihrer netten, wohlaufgeräumten Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad und vor der Tür eine Bank in der Sonne. Vor drei Jahren, als insgesamt vier Appartements für die besonders selbstständigen Lebenshilfebewohner gebaut wurden, konnten sie hier einziehen, und es ist keine Frage, dass sie ihre Privatsphäre genießen. „Es ist gut, wenn man auch mal seine Ruhe hat“, sagt Nicole. „Man will ja nicht immer mit den anderen zusammen sein.“

Liebesbeziehungen unter den Menschen mit geistiger Behinderung in der Lebenshilfe sind etwas Besonderes. Flirts, kleinere oder größere Affären, sie bleiben nicht aus, wenn man so nah zusammenlebt und arbeitet. „Das ist nicht anders als bei allen anderen Menschen auch“, erklärt Hausleiter Marco Reinking. Die meisten Beziehungen gingen aber bald wieder auseinander. „Das liegt sicher auch daran, dass man in den Wohngruppen, fast wie in einem Internat, ständig von den anderen umgeben ist. Natürlich kann man sich jederzeit mit der Freundin oder dem Freund auf sein Zimmer zurückziehen. Aber das Gruppenleben spielt eben eine große Rolle.“

Ändern lässt sich daran wenig. Außer Nicole und Sven gibt es nur fünf, sechs andere Lebenshilfebewohner, die sich von den anderen abkoppeln und ein weitgehend selbstständiges Leben führen können. Wer als junger Volljähriger neu in die Rintelner Lebenshilfe kommt, muss erst einmal lernen, die Dinge des Alltags zu organisieren. Und für viele ist es bereits eine große Herausforderung, morgens ohne Hilfe rechtzeitig aufzustehen, die passende Kleidung auszuwählen oder das Zimmer einigermaßen aufzuräumen.

Die Betreuer helfen ihnen dabei, sich nach und nach immer besser mit diesen kleinen Dingen des Lebens auszukennen. Das Ziel ist es, sich in die Gruppe einzufügen, kleine Verantwortlichkeiten zu übernehmen und sich ein Stück Selbstständigkeit zu erobern. Wem das besonders gut gelingt – und das hängt nicht nur vom guten Willen, sondern auch vom Grad der jeweiligen geistigen Behinderung ab – der kann in den Bereich des sogenannten „Wohntrainings“ umziehen, wo man seine Wäsche selber wäscht, gemeinsam kocht, einkauft und überhaupt einen guten Teil seiner Angelegenheit selbst in die Hand nimmt. Außerhalb der Gruppe und ohne die ständige Begleitung der Betreuer klarzukommen, das ist immer ein langer Lernprozess, den nur wenige abschließen können.

Vor fast fünf Jahren, als Nicole sich in Sven verliebte, wagte sie erst gar nicht, ihn anzusprechen. Während sie noch mit umfassenden Betreuungshilfen in einem der Wohnheime lebte, gehörte er, der zehn Jahre Ältere, bereits zum „Wohntraining“. Er arbeitete nicht, wie seine Mitbewohner, direkt in der Werkstatt für behinderte Menschen im Industriegebiet Süd, sondern als Mitarbeiter im dortigen Garten- und Landschaftsbauteam, was bedeutete, dass er oft bei privaten Kunden unterwegs war, um dort zu helfen, den Garten zu pflegen, Rasen zu mähen, Beete umzugraben. Das war schon eindrucksvoll.

Nicole hatte kurz zuvor mit ihrem alten Freund Schluss gemacht. „Er war fremdgegangen – und das kann ich nun gar nicht ab!“, sagt sie. Sven strahlte Ruhe und Zuverlässigkeit aus, und so bat sie eine Freundin, ihn mal anzusprechen und auszuforschen, ob er sich wohl für sie interessiere. „Ja, ich hatte Nicole auch schon längst bemerkt“, sagt Sven. „Sie gefiel mir gut!“ Die beiden taten sich zusammen, und bald sprach sich herum, dass das wohl etwas Ernstes sei. Neidlos gönnte man ihnen den Einzug in das Appartement, und die Heimleitung unterstützte gerne das Experiment des weitgehend selbstständigen Lebens.

„Es läuft ja auch ganz wunderbar“, bestätigt der Wohnheimleiter. Wenn Nicole nach ihrer Arbeit als Küchen- und Hauswirtschaftshilfe in der Kantine der betreuten Werkstatt in die gemeinsame Wohnung zurückkommt, hat auch Sven Feierabend. Sie trinken einen Kaffee zusammen, bringen ihren Haushalt in Ordnung, kaufen gemeinsam für das Wochenende ein und meistens ist es dann Nicole, die leckere Mahlzeiten kocht, Putenschnitzel, Frikadellen, Nudelauflauf oder Leberkäse. Abends gucken sie einen Film, und Sven spielt auch ziemlich gerne am PC. „Ich hoffe, dass wir bald wirklich mal heiraten“, meint Nicole. „So langsam wird es ja Zeit.“

Einer Heirat stünde aus rechtlicher Sicht nichts entgegen. Auch Menschen mit einer geistigen Behinderung dürfen sich das Ja-Wort geben und eine eheliche Bindung eingehen, sofern beide erfassen können, was das an gegenseitiger Verpflichtung bedeutet. Das entsprechende Betreuungsrecht, festgeschrieben im Bürgerlichen Gesetzbuch, ist zugleich ein Selbstbestimmungsrecht, das den Willen und die Lebenswünsche der Betroffenen auch dann in den Vordergrund stellt, wenn ein Mensch einen gesetzlichen Vertreter an seiner Seite hat.

Nicht anders sieht es aus, wenn ein Paar wie Nicole und Sven Kinder bekommen möchte. „Klar ist das möglich“, so Wohnheimleiter Reinking. „In unserem Grundsatzprogramm heißt es: Wenn Menschen mit Behinderung Eltern werden, sieht die Lebenshilfe ihre Verantwortung darin, alle erdenklichen Hilfen anzubieten.“ Die beiden müssten dann allerdings in eine Einrichtung für betreutes Wohnen umziehen. „Unsere Wohnstruktur eignet sich nicht für kleine Kinder, nicht nur, weil uns keine Finanzierungsmöglichkeit dafür zustünde – die Kinder würden ja höchstwahrscheinlich geistig völlig gesund sein. Es wäre hier einfach nicht das richtige Umfeld für sie.“

Verhütung ist in der Lebenshilfe eine Selbstverständlichkeit. „Wir machen regelmäßige Aufklärungsarbeit unter unseren Bewohnern, und unsere Mitarbeiter nehmen an sexualtherapeutischen Fortbildungen teil“, so Reinking. Die Pille wird bei der Medikamentenausgabe gleich mit verteilt an diejenigen, die die Einnahme sonst vielleicht vergessen würden, und in jeder Wohngruppe stehen selbstverständlich Kondome zur Verfügung. „Eltern zu werden, das ist immer mal wieder ein Thema bei uns“, sagt er. „Vor allem, wenn eine der Mitarbeiterinnen Mutter geworden ist. Aber wenn wir dann darüber reden, was für ein Maß an Fürsorge ein Kind braucht, dann merken die meisten schnell, dass ein Leben mit Kind sie wohl überfordern würde.“

In der über 40-jährigen Geschichte der Lebenshilfe in Rinteln ist es bisher noch nicht vorgekommen, dass eine Frau schwanger geworden wäre. Auch für Nicole und Sven spielt der Gedanke, ein Kind zu bekommen, keine Rolle. „Das wäre mir viel zu anstrengend“, meint Nicole. „Ich habe auch so schon genug zu tun.“ Sven, der mischt sich erst gar nicht ein in das Gespräch rund um eine mögliche Elternschaft. Es steht einfach nicht an.

Viel wichtiger für beide ist ihre unverbrüchliche Beziehung. „Ich habe so viel durchgemacht in meinem Leben“, meint Nicole, deren Familie zerstritten ist und daher wenig bieten kann, worauf Verlass ist. „Es ist einfach toll, einen so guten Freund wie Sven zu haben.“ Und auch sie kann ihm einen Halt geben. Sie ist es, die das Alltagsleben prägt, durch ihren Spaß am Kochen und überhaupt ihre ganze kommunikative Art. Im Moment freuen sich die beiden sehr auf den kommenden Urlaub auf Ibiza. Selbstverständlich nehmen sie beide an der Gruppenfahrt teil. „Ohne meinen Freund fahren?“, sagt Nicole. „Nein, das würde ich niemals tun!“

Morgens gemeinsam aufstehen, die Wohnung und das Leben teilen, Zärtlichkeiten austauschen: Das ist auch für Menschen mit geistiger Behinderung Normalität. Nicole Schaarschmidt (27) und Sven Struckmeier (36) leben bei der Lebenshilfe in einem kleinen Appartement als Paar zusammen. Mit allem, was dazugehört: Auch das Thema Verhütung ist bei der Lebenshilfe Selbstverständlichkeit.

Lebenshilfe – das bedeutet Hilfe zu einem selbstbestimmten Leben. Wenn geistig behinderte Menschen als Paar zusammenleben möchten – und auch wenn sie Eltern werden.




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