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Tafeln feiern 20. Geburtstag – doch nicht alle jubeln

„Es gibt keinen Grund zu feiern“

VON FRANK WESTERMANN

In Deutschland werden täglich viele Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Gleichzeitig gibt es auch hierzulande Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben. Die Tafeln schaffen eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel: Sie sammeln qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden, und verteilen diese an sozial und wirtschaftlich Benachteiligte – kostenlos oder zu einem symbolischen Betrag.

Bedürftig sind für die Tafeln alle Menschen, die nur über wenig Geld im Monat verfügen können; weil sie eine kleine Rente haben, Arbeitslosengeld I oder II, Sozialhilfe oder Grundsicherung beziehen. Grundsätzlich gilt: Die Tafeln helfen allen, die der Hilfe bedürfen.

Die Tafeln, schrieb der stets kluge Heribert Prantl vor Wochen in der Süddeutschen Zeitung, „bewirken, dass die Not in Deutschland nicht so laut schreit, wie sie das sonst täte. Die Tafeln breiten ein deutschlandgroßes Tischtuch über die Armut.“

Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel, sieht es so: „Mit ihrer Arbeit haben die Tafeln in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwei Probleme ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt: Armut und Lebensmittelverschwendung in Deutschland. Beide wurden lange Zeit kaum ernsthaft wahrgenommen. Beide bestehen fort und verlangen dringend nach politischen und gesellschaftlichen Lösungen.“ Es sei beschämend für ein so wohlhabendes Land, dass zwar ein Armutsbericht nach dem anderen erscheine, sich die Verhältnisse für die Betroffenen aber nicht grundlegend verbesserten, so Häuser: „Die Hilfe der Tafeln oder gemeinnütziger Organisationen überhaupt ist aber kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen.“ Bürgerschaftliches Engagement entbinde den Staat nicht von der Fürsorgepflicht für seine Bewohner. „Daseinsvorsorge ist Aufgabe des Staates – und muss es bleiben!“

Gemeinnützige Initiativen könnten Armut nicht beseitigen, sie könnten nur bei einem Teil der Betroffenen ihre Folgen lindern. Häuser will die Ursachen von Armut bekämpfen: „Wenn es um Arbeitsplätze, das Lohnniveau, Kita-Plätze, Bildungschancen von Kindern, die Rentenpolitik und eine sozial gerechte Steuerpolitik geht, müssen Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände ihren jeweiligen Einfluss viel stärker als bisher geltend machen. Wir brauchen endlich eine nationale Strategie zur Vermeidung von Armut und den Willen aller Akteure aus Politik und Gesellschaft, diese auch umzusetzen.“

Der DRK-Kreisverband Schaumburg betreibt im Landkreis Schaumburg als Träger der Tafeln für Bedürftige in den Städten Stadthagen und Rinteln mit zwei weiteren Ausgabestellen in Bad Nenndorf und Obernkirchen. Michaela Hinse, Tafel-Ansprechpartnerin beim DRK, formuliert es mit Blick auf das Jubiläum so: „Es gibt keinen Grund zum Feiern.“

Auf einen anderen Aspekt weist die stellvertretende Vorsitzende der Hamelner Tafel, Ursula Waltemathe, hin: „Der Kuchen, der verteilt werden kann, ist kleiner geworden.“ Denn Artikel der Supermärkte, die den Tafeln gespendet würden, hätten heute längere Haltbarkeitsdaten als noch vor drei, vier Jahren, zudem würden sie häufiger noch zu reduzierten Preisen angeboten, bevor sie die Tafeln dann erhalten.

Bis zu 350 Familien würden in Hameln von der Tafel unterstützt, das seien rund 650 Menschen. Von den öffentlichen Stellen würde die Tafel häufig als eine Art Nothilfe angesehen, selbst das Sozialamt sage dann den Hilfesuchenden: „Gehen Sie doch mal zur Tafel“. Den Vorwurf, die Tafeln würden den Überfluss in dieser Gesellschaft anprangern, dabei aber davon gut leben, weist sie zurück: „Wir leben von Mitgliedsbeiträgen und Spenden.“ Dass die Tafeln sich so stark verbreitet hätten, sei, aber das nur als persönliche Meinung, auch das Ergebnis einer verfehlten Sozialpolitik: Jetzt nehme die Tafel dem Staat einen Teil der Fürsorge ab – und der Staat könne sich hier zurücklehnen.

Der Tafel-Bundesverband sieht das ähnlich und würde Proteste gegen die unzureichende Sozialpolitik begrüßen. Je mehr Menschen und Initiativen sich für einen gerechteren Sozialstaat einsetzen, umso besser, sagt Häuser: „Gemeinsam mit den großen Wohlfahrtsverbänden und als Mitglied der Nationalen Armutskonferenz fordern wir bereits seit Jahren grundlegende Reformen in der Sozial-, Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik.“

Sebastian Edathy, SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Nienburg/Schaumburg, sieht dies durchaus ähnlich: „Daseinsvorsorge ist eine staatliche Aufgabe. Das bedeutet, dass jeder in Deutschland lebende Mensch über ausreichende Mittel verfügen muss, sich ernähren zu können. Insofern enthebt die Arbeit der Tafeln die Politik nicht von der Aufgabe, Armut zu verhindern, ist aber für Menschen mit wenig Geld ein zusätzliches Angebot.“

Aber es gibt auch Gegenwind für die Tafeln. Pünktlich zum zwanzigjährigen Bestehen der Tafeln in Deutschland will das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ am Wochenende in Berlin unter dem Motto „Armgespeist! 20 Jahre Tafeln sind genug“ Alternativen zur fortschreitenden „Vertafelung“ der Gesellschaft diskutieren. Gemeinsames Ziel der verschiedenen im Bündnis versammelten gesellschaftlichen Gruppen ist es, die Tafeln überflüssig zu machen.

Mit der Kernforderung einer „armutsfreien, existenzsichernden und bedarfsgerechten Mindestsicherung, die Tafeln und ähnliche Angebote überflüssig macht“, richtet sich das Bündnis in erster Linie an die Politik, aber auch das Tafelsystem selbst ist Gegenstand der Kritik. Sie wird formuliert vom Bündnis-Initiator Prof. Dr. Stefan Selke und klingt so: „Tafeln haben sich in den letzten 20 Jahren zu einem System entwickelt, das zunehmend marktförmig und nach Eigenlogiken operiert. Tafeln sind keine Bewegung, sondern eine Organisation, die als Monopolist im Markt der Bedürftigkeit auftritt und andere ebenso engagierte Anbieter von Hilfeleistungen zunehmend verdrängt.“ Mittlerweile habe sich ein Markt etabliert, in dem aus Armut Gewinne erwirtschaftet werden.

Selke könnte bei diesen Worten auf die Tafel Singen verweisen: Dort gibt es nach eigenen Angaben die erste Tafelnudelmanufaktur in Deutschland – im letzten Monat lief die Produktion an, jetzt gibt es in der Singener Tafel täglich selbst gemachte Nudeln. Produziert werden sollen täglich 50 Kilogramm: Spirelli, Spaghetti, Bandnudeln, Hörnchen und Suppennudeln – frisch für den Mittagstisch, getrocknet für die Tafelläden im Landkreis.

Zurück zum Bündnisinitiator. Selke ist Soziologe an der Hochschule Furtwangen, ist Mitbegründer des „Kritischen Aktionsbündnisses 20 Jahre Tafeln“, und er hat ein Buch geschrieben: „Schamland – über die Armut in Deutschland.“ Die Tafeln mögen ein logistisches Erfolgsmodell sein, weil sie es schaffen, Lebensmittel von A nach B zu transportieren und auszugeben, sagt Selke. Aber trotz all dieser Bemühungen werde konsequent übersehen, dass Tafeln zu einem Symbol des sozialen Abstiegs geworden seien, das den gesellschaftlichen Misserfolg derjenigen schonungslos offenlege, die bei Tafeln euphemistisch „Kunden“ genannt würden: „Sozial ist das alles nicht. Sozial ist etwas, auf das ein Anspruch besteht.“ Almosen seien gerade nicht sozial. Letztlich seien Tafeln eine wirtschaftliche und politische, aber keine soziale Lösung. Tafeln würden nicht für Gerechtigkeit sorgen, sondern das Bedürfnis nach Verdrängung bedienen.“

Bernhard Jirku von ver.di sieht die Rahmenbedingungen mit Sorge: Das „Tafelwesen“ eröffne einen weiteren, sehr prekären Arbeitsmarkt, dessen Beschäftigungsbedingungen sich weit unterhalb gewerkschaftlicher und tariflicher Vorstellungen befänden: „Selten gibt es existenzsichernde, reguläre Beschäftigungsverhältnisse, noch seltener sind sie tariflich entlohnt.“

Ingo Stamm, Vertreter der Nichtregierungsorganisation Fian Deutschland, die sich für das Menschenrecht auf Nahrung einsetzt, sieht durch die Ausbreitung der Tafeln auch soziale Menschenrechte bedroht: „Die Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums ist eine menschenrechtliche und verfassungsrechtliche Verpflichtung.“ Fian fordert deshalb, dass die Ernährungsarmut als menschenrechtliches Problem anerkannt werden muss und die Bundesregierung sicherstellt, dass Einkommen und Sozialleistungen angemessen sind, damit niemand auf den Gang zur Tafel angewiesen ist.

„Wo sind Strategien

gegen Armut? Wir sehen sie nicht“

Professor Peter Grottian, Gründungsmitglied des Bündnisses, drückt richtig knackig aus: „Tafeln sind die neue Schlange der Demütigung und keine gesellschaftlich akzeptable Lösung.“

Der bundesdeutsche Tafelvorsitzende Häuser ist inhaltlich von diesen Positionen nicht weit entfernt: „Die Hilfe der Tafeln oder gemeinnütziger Organisationen überhaupt ist kein Ersatz für sozialstaatliche Leistungen. Daseinsvorsorge ist Aufgabe des Staates – und muss es bleiben!“, wiederholt er eine der wichtigsten Forderungen des Bundesverbandes. Man brauche ein solidarisches Deutschland, in dem der Wohlstand und die Entwicklungschancen der Generationen gerecht verteilt würden, in dem derjenige, der Arbeit habe, von dieser Arbeit auch leben können solle. Und wer keine Arbeit finde oder als junger oder älterer Mensch nicht erwerbsfähig sei, müsse sich darauf verlassen können, dass die Gesellschaft ihm ein menschenwürdiges Existenzminimum sichere.

Häuser: „Wir sollten dringend im sozialen Bereich investieren, dort, wo es am nötigsten ist: in Maßnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit, in berufliche Aus- und Weiterbildung, in frühkindliche Bildung, in die Integration von Migranten. Wer diese Investitionen scheut und nur in Legislaturperioden anstatt in Generationen denkt, der wird die Folgen zu spüren bekommen: in Form von noch teureren Sozialtransfers, höherer Altersarmut und Demokratiemüdigkeit.“

Die Tafeln, so Häuser, sind Fürsprecher für eine bessere Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik: „Wir sind nicht bereit, uns mit der Politik zu verbünden, sondern fordern sie heraus – öffentlich und regelmäßig. Wo sind die Strategien gegen Armut? Wir sehen keine. Das muss sich ändern!“

Es ist seit 20 Jahren ein Erfolgsmodell, das seinesgleichen sucht: die Tafeln. Sie expandieren, weil Not und Bedürftigkeit in Deutschland zunehmen. Mehr als 900 Tafeln gibt es in Deutschland. Mit ihrer Hilfe versorgen eineinhalb Millionen Kunden sich und ihre Familienangehörigen – knapp ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Tafeln sind eine der größten sozialen Bewegungen unserer Zeit. Und sie sind pünktlich zum Jubiläum in die Kritik geraten: Sind sie der Monopolist im Markt der Bedürftigkeit, der alle anderen verdrängt?

Nur durch ehrenamtliche Arbeit leistbar (v.l.): Ursula Kasting, Renate Hölscher und Heidi Bomhauer von der Hamelner Tafel.Wal




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