×
Interview mit Kai und Thorsten Wingenfelder / Aktuelles Album: „Off The Record“

Es geht eben alles „Besser zu zweit“

Als „Fury In The Slaughterhouse“ am 30. August 2008 ihr letztes Konzert auf der Parkbühne in Hannover gab, ging eine mehr als 20 Jahre andauernde Karriere zu Ende. Songs wie „Won’t Forget These Days“, „Radio Orchid“, „Time To Wonder“ oder „Every Generation Got It’s Own Disease“ werden noch heute in den US-Radio-Stationen gespielt – mit „Every Generation Got It’s Own Disease“ schaffte die Band damals sogar den Einstieg in die US-Charts.

Alle ehemaligen Bandmitglieder haben sich danach mehr oder weniger andere Betätigungsfelder gesucht – wieder so richtig im Musikgeschäft Fuß zu fassen, ist jedoch nur den beiden kreativen Köpfen der ehemaligen hannoverschen Kultband, Kai und Thorsten Wingenfelder, gelungen.

Nach dem endgültigen Band-Aus hatte Thorsten Wingenfelder wieder viel fotografiert, sich vermehrt seiner Leidenschaft, der Portraitfotografie, gewidmet. Sein Bruder Kai besitzt eine Filmproduktionsfirma und hatte bis zur Gründung von Wingenfelder:Wingenfelder eine Reihe von Industrie- und Imagefilmen, Videoclips sowie Dokumentationen gedreht.

Der so oft zitierte „Fall ins große schwarze Loch“ blieb beiden Musikern erspart – dennoch stellt sich die Frage, wie lange die Absack-Phase nach solch einer grandiosen Karriere angedauert hat.

Kai: Genau sieben Stunden nach dem Abschlusskonzert – ich bin dann mit einem kleinen Kater aufgewacht und sofort zu meinem neuen Arbeitsplatz nach Bremen gefahren. Wenn du 20 Jahre lang tourst, Platten ablieferst und dann plötzlich von 0 auf 100 ins Nichts fällst – das haut einfach viele um – und genau das sollte mir nicht widerfahren. Daher habe ich mich sofort ins Arbeitsleben gestürzt.

Im Jahr 2010 kehren beide zur Musik zurück und beginnen die Arbeit an ihrem Debüt „Besser zu zweit“. Das Duo nimmt das Album an unterschiedlichen Orten, wie Schleswig, Köln oder Motril in Spanien auf. Der Longplayer wird am 9. September 2011 veröffentlicht – anders als bei „Fury In The Slaughterhouse“ werden alle Titel in deutscher Sprache eingesungen.

Thorsten: Entstanden ist die Idee, irgendwann vielleicht mal als Wingenfelder & Wingenfelder weiterzumachen, bereits 2007. Wir waren damals als „The Wingenfelders“ mit deutschen und englischem Songmaterial unterwegs. Diese außergewöhnliche Mischung erzeugte bei einigen Leuten ein freudiges Zucken – meine deutschen Lieder, die Solo-Songs von Kai und ein Teil des Fury-Materials – da kam das erste Mal der Gedanke auf: Was wäre wenn? Von der Realisierung dieser Idee waren wir aber seinerzeit noch sehr entfernt.

Wir haben dann unter anderem für den Top-Hochseesegler Boris Herrmann einen Song geschrieben und für die Insel Spiekeroog eine Touristik-DVD produziert. 2010 sind wir dann mit unseren Gitarren in ein Ferienhaus nach Dänemark gefahren und haben angefangen Songs zu schreiben – unter den ersten drei Songs waren auch „Besser zu zweit“ und „A Girl Called Torch“. Am 28. April 2010 kam dann ein Auftritts-Angebot – danach nahm alles seinen Lauf.

Kai: Eigentlich wollten wir ein Doppel-CD veröffentlichen – eine mit englischen und eine mit deutschen Texten – haben uns aber dann doch entschieden, zunächst nur ein deutsches Album auf den Markt zu bringen. Am 13. April ist mit „Off The Record“ nun der Nachzügler von „Besser zu zweit“ erschienen – eine CD, mit teilweise noch nicht veröffentlichten Songs. Dazu gehören unter anderem die Titel „Alaska“ und „Marlene“.

Thorsten: „Alaska“ war für „Besser zu zweit“ einfach zu gradlinig und auch nicht poetisch genug. Mit dem englischen Text ist der Song jetzt schwelgerisch und sehr schön geworden. Auf einen Major-Deal hat das Duo bei ihrem Album-Debüt bewusst verzichtet und ist nach eigenen Angaben bis dato gut damit gefahren.

Kai: Die großen Plattenfirmen sind teilweise nicht in der Lage, die Dinge so zu realisieren, wie wir uns das vorstellen. Am Anfang hatte eine große Plattenfirma Interesse an uns gezeigt – die haben sich dann aber diskret zurückgezogen, als sie sich mit unseren Vorstellungen konfrontiert sahen. Wir sind Herr über unsere Produktionsmittel – haben eigene Studios, Thorsten ist ein gebrauchsfähiger Grafiker, ich drehe die Videos. Wir gelten jetzt als Indie, sind aber glücklich darüber, dass wir alles in Eigenregie schaffen. Für zehn Videos haben wir gerade einmal 1000 Euro gezahlt – das ist so gut wie einmalig in diesem Geschäft.

Viele Fans aus den erfolgreichen Fury-Tagen sind Thorsten und Kai Wingenfelder treu geblieben, pilgern auch zu ihren Wingenfelder: Wingenfelder-Konzerten – Ausnahmen bestätigen aber die Regel.

Thorsten: Uns ist natürlich klar, dass ein Hauptteil der Wingenfelder-Fanbase Leute sind, die uns vorher schon kannten. Es gibt einige Quereinsteiger – aber auch schwere Fälle, die einen Song von uns gehört haben, sich dann das Album kaufen und feststellen, dass wir eine weitaus größere Vergangenheit haben.

Viele Songs der Brüder tragen sehr autobiografische Züge – jeder verarbeitet auf seine Weise Erlebtes und Situationen, die ihr Leben bestimmten. Während Thorsten in dem Lied „Irgendwann zurück“ das Vater-Sohn-Verhältnis thematisiert, beschäftigt sich Kai in dem Song „Angst vor der Angst“ mit einer körperlichen und psychischen Alarmreaktion, die in der Regel nur wenige Minuten auftritt – den Panikattacken – für viele immer noch ein Tabuthema.

Kai: Die Leute haben Angst darüber zu sprechen, weil sie denken, dass sie durch ihr Outing Freunde und vielleicht auch ihren Job verlieren könnten. Ich rede darüber, weil ich es mir erlauben kann. Ich habe gute Freunde, nicht viele – aber die brauche ich auch nicht. Dass ich auf einem guten Weg bin, erkenne ich daran, dass nach einem Konzert fast immer Konzertbesucher zu mir kommen und erklären, dass es ihnen genau so gehe und etwas von meinen Aussagen mit nach Hause nehmen. Es gibt sogar inzwischen Psychologen, die den Song auch während ihrer Therapien laufen lassen. Zudem schließe ich damit auch ein Kapitel meines Lebens ab, das nicht besonders schön für mich war. Ich muss aber hinzufügen, dass der Song nicht von mir geschrieben wurde. Ich habe lediglich einige Textzeilen verändert und sie für mich ersetzt. Alles in allem war ich froh, dass ich in dieser Zeit immer jemanden hatte, mit dem ich sprechen konnte.

Seit dem letzten Jahr sind Kai und Thorsten Wingenfelder die prominenten Köpfe des „OLB Musik-Camp NordWest“, ein Projekt, das ein Kulturformat aus dem Boden gestampft hat, welches in Jugendherbergen Workshopangebote, Informationen rund um die Musikszene, interessante Ausstellungen und Livekonzerte beinhaltet.

Kai: Die waren auf der Suche nach etwas, womit sie das Image der Jugendherbergen auf den jetzigen Status quo bringen konnten. Wir haben zusammen mit unserem Manager, Stephan Vogelskamp, ein Konzept entworfen und es denen unter Beteiligung einiger Sponsoren in einer Bremer Jugendherberge als Pilot-Vorstellung präsentiert. Es wurde dann auch so abgesegnet. Als Gäste konnten wir in den letzten Monaten Künstler wie Tobias Regner, Die Happy und Johannes Strate von Revolverheld begrüßen.

Der Terminplan von Thorsten und Kai Wingenfelder ist voll – es geht eben doch alles „Besser zu zweit“ – wie wahr.

ð Kai Wingenfelder bei „Das Lied vom Meer“

ï Thorsten liebt die Portraitfotografie und freut sich am 16. Juni die Paderborner Fototage zu eröffnen.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt