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Von Sprayern, Style und Respekt: Ein Besuch beim „Hack & Lack“-Festival in Minden

Es fährt ein Zug nach nirgendwo

Klar könnte er viele Geschichten erzählen. Gute Geschichten, und Geschichten, die nicht so gut endeten, schließlich ist er schon lange dabei. Seit 1987, präzisiert Elvis und blickt einen Moment von seiner Arbeit auf. Seit 27 Jahren also sprayt Elvis, wie er sich nennt, seine Bilder auf Wände oder Züge, auf Tore oder unter Brücken auf Pfeiler. Und kennt das alles noch, dieses Sprayen nachts, in der Anonymität, immer mit einem Auge auf dem Kunstwerk und dem anderen auf die Umgebung, schließlich wartet bei einer Festnahme in aller Regel eine Strafe, die sich mehr als gewaschen hat. Sprayer, so lernt man früh, müssen schnell sein – die Sachen packen und ab dafür.

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

„Jau, so war das früher, so fing ja jeder an“, sagt Elvis, aber heute sind Graffiti in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wer Jugendkultur möchte, der muss ihr nur einen Platz geben. Elvis war als Vorreiter mit dabei: 25 Flächen hat er einst in der Stadt Bochum mit dem Jugendamt gefunden; Flächen, auf denen legal gesprayt werden durfte.

Elvis, der aus dem tiefsten Ruhrpott stammt und eigentlich Großhandelskaufmann ist, kann sich an diesem Samstag in Minden auf dem Gelände des Anne-Frank-Hauses als Star fühlen, denn davon zeugt der Ort, an dem er sprayen darf: Er hat einen Platz am Zug erhalten.

Zwar haben alle 60 Künstler, die hier sprayen dürfen, einen Platz zugewiesen bekommen, aber der Platz am Zug, der ist den Großen der Szene vorbehalten; wer hier sprayt, der hat sich schon lange einen Namen verdient; wer hier seine Vorstellungen in Kunst ummünzen darf, der muss nichts mehr beweisen, weder sich noch den anderen.

9 Bilder

27 Jahre in der Szene – noch Fragen? Vielleicht liegt es auch an der Einstellung, dass der Name von Elvis einen guten Klang in der Szene hat: Er hat sich lange Jahre geweigert, Auftragsarbeiten auszuführen, Kunst für Geld, das war nicht sein Bier. Seit einigen Monaten sieht er das lockerer: „Gib mit ein Garagentor, und ich bin glücklich“, sagt er. Und vielleicht noch ein paar Euro für die Farbe, aber mehr muss nicht sein.

„Die wenigsten schaffen es auf die Künstlerschiene“, erzählt er, und davon, das Graffiti-Kunst natürlich ein einziger Egotrip ist: „Man will seinen Namen lesen – und sei es nur im Internet.“

Wohl wahr: Die möglichst häufige Verbreitung des Namens oder des Pseudonyms eines Graffiti-Writers in Kombination mit dessen möglichst einzigartiger, innovativer und vor allem ästhetischer Gestaltung bilden die zentralen Ziele, um ein Höchstmaß an Ruhm zu erlangen. Aber die Ästhetik steht deutlich im Vordergrund. Ein Writer, der keinen guten Style hat, erhält keine Anerkennung von anderen Szenemitgliedern – und wenn er sich die Finger bis zum Sanktnimmerleinstag wund sprayt. Elvis erhält die Anerkennung an diesem Nachmittag, fast niemand spricht ihn und die zwei, drei anderen Künstler am Zug an, der Respekt ist zuweilen mit Händen zu greifen.

Es gibt einen Traum in der Szene, und 100 von 100 Sprayern träumen ihn: Einmal einen Zug bemalen. Einen richtigen Zug, der dann das Werk in die ganze Welt hinausfährt – und alle sehen es. Der Schiefe Bahnexpress, wie der Zug hier in Minden heißt, ist ganz klar die Königsdisziplin, erklärt Mitveranstalter Igor Kats. Und er ist aus Holz, leider, und endet hier. Schon merkwürdig: Es fährt ein Zug nach nirgendwo, sang einst Schlagerbarde Christian Anders. Und dieser Zug steht jetzt buchstäblich in Minden, fährt niemals los – und wird von Elvis bemalt.

50 Prozent der Künstler werden geladen, weil sie international, national oder regional ihren eigenen Stil entwickelt, erarbeitet und durchgesetzt haben, der Rest kann sich über das Internet anmelden und erhält mit etwas Glück einen Platz. „Hack & Lack“ – der vordere Teil des Namens bezieht sich auf die Gerichte, die vom Grill kommen – findet zum sechsten Mal statt und hat aufgerüstet: Viele lange Wände wurden zusätzlich aufgestellt, erzählt Igor Kats, Sponsoren machen es möglich, im nächsten Jahr soll noch mehr Wand angeboten werden. Mit rund 1000 Besuchern rechnen die Veranstalter an diesem Tag.

„Besuch die Frauen“, sagt Igor Kats, denn weibliche Sprayer sind in der Szene so selbstverständlich wie Frösche auf einer Sahnetorte. Aus Hamburg ist ein Quartett angereist, über einen Freund haben die Frauen von „Hack & Lack“ gehört, sie finden die Stimmung toll und natürlich auch, dass sie eine riesige Wand zugewiesen bekamen: Es sind bestimmt 70 Meter, die besprüht werden dürfen.

Alle vier Künstlerinnen gehören zur AFC, der Altona Female Crew, einer Vereinigung von weiblichen Sprayern, die in der Szene einen richtig guten Namen hat. Klar, sagt Sprayerin Wave, also Welle, am Anfang wurde man als Frau nicht akzeptiert, und die ersten fünf Jahre waren nicht so schön. Manchmal waren sie sogar richtig hart, denn Sexismus gehörte und gehört in der männerdominierten Sprayerszene so selbstverständlich dazu wie Doping zur Tour de France, aber die Crew hat sich durchgesetzt und gezeigt, dass sie mehr sind als nur Teil einer Modeerscheinung, wie es Graffiti damals war. Seit 16 Jahren gibt es die AFC, und es wäre schön gewesen, in den Anfangsjahren auch mal ein Lob oder nur ein nettes Wort von den männlichen Kollegen zu hören bekommen, sagt Wave (nebenbei: was für ein wunderschönes Künstlerpseudonym für eine Sprayerin), aber das gab es nicht, weder Lob noch gute Worte. Andererseits wären sie sonst vielleicht nicht die toughen Sprayerinnen geworden, die sie heute sind.

Die Sonne neigt sich, der blaue Himmel hängt tief über Minden, als Elvis am Zug seine Arbeit beendet. Aber das heißt doch nicht Elvis, was er dort gesprayt hat, oder? Nein, sagt der Künstler, das ist das Pseudonym von einem Kollegen, den er aber auch schon viele Jahre nicht mehr gesehen hat; es ist ein Gruß, eine kleine Würdigung, etwas in dieser Art, meint Elvis.

Und das ist so etwas von verdammt smart und cool und lässig in einer Szene, in der es meistens einzig und allein darum geht, den eigenen Namen auf die Wand zu hauen, dass man für einen Moment ebenso sprachlos wie tief gerührt ist: Respekt ist eine harte Währung in der Sprayer-Szene.

Riesige Flächen, die legal besprüht werden dürfen – da lacht das Sprayer-Herz. Und auch der Fotograf freut sich auf dem Hack & Lack-Spektakel: Motive ohne Ende.rnk




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