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Von Nöten und Leiden des Bauernstandes im Mittelalter/ Fast tausend Jahre Abgaben und Frondienste

Erst 1810 endete die Leibeigenschaft

Höfesterben, Umweltauflagen und Konkurrenzdruck durch agrarindustrielle Massenproduktion – kein Zweifel, die heimische Landwirtschaft steht mit dem Rücken zur Wand. Als Hauptursache gelten die Veränderungen in puncto Ackerbau und Viehzucht im Zeitalter der Globalisierung. Art, Umfang und Ziel des Säens und Erntens sind nicht mehr allein aufs Kerngeschäft Lebensmittelerzeugung, sondern auch und vor allem auf die milliardenschweren EU-Subventionen ausgerichtet.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine solche Entwicklung hätten sich die Hofbesitzer hierzulande bis vor fünfzig Jahren nicht einmal im Traum vorstellen können. Zwar hatten auch sie – wie alle ihre Vorgänger – des Öfteren harte Krisenzeiten zu meistern, aber am Tropf der Allgemeinheit hing man noch nie. An der unverzichtbaren Bedeutung des Bauernstandes gab es über die Jahrhunderte hinweg keinerlei Zweifel. Schließlich hing von dessen Fleiß und Erfahrung das Wohlergehen der übrigen Bevölkerungsteile ab.

Damit die Lebensmittelversorgung reibungslos klappte, wurden die „Meier“, „Halbmeier“, „Kötter“ und „Brinksitzer“ von der Obrigkeit als Unfreie oder sogar als Leibeigene gehalten. Als rechtliche Grundlage diente das im Zuge der Christianisierung vor mehr als tausend Jahren eingeführte „Eigenbehörigen-System“. Die Verfügungsgewalt über das Land hatten Adel und Kirche. In der hiesigen Region waren das vor allem die Schaumburger Grafen und das Bistum zu Minden. Im Laufe des Mittelalters kamen eine Reihe von Rittersleuten, Gutsherren und Klöstern hinzu.

Die Bauern wurden zwar auf ihren Höfen belassen, mussten jedoch Abgaben und Frondienste leisten. Art und Umfang waren vielfältig und verschieden. Der Fantasie der Obrigkeit in puncto Steuern waren schon damals keine Grenzen gesetzt. Für zusätzliches Durcheinander sorgte die Tatsache, dass die herrschaftlichen Ansprüche des Öfteren verpfändet oder verkauft wurden. So kam es, dass die Bauern eines Dorfes oftmals mehrere Herrschaften am Halse hatten. Darüber hinaus mussten alle zusammen für Lebensunterhalt und Brennholzversorgung von Pfarrer und Küster aufkommen.

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Die gebräuchlichsten Grundherrenabgaben in der hiesigen Region waren Bargeld und Naturalien. Außerdem wurden Hand- und Spanndienste verlangt. Die bekannteste und von den Untertanen meistgehasste Naturalabgabe war der „Zehnte“. Besonders schmerzlich schlugen „Junker“ und Kirchenobere zur Erntezeit zu. Dann ließen ihre „Tegener“ (Steuereintreiber) das Getreide entweder als „Feldzehnt“ (jede zehnte Korngarbe) direkt vom Felde, oder als „Kornzehnt“ (jeden 10. Sack des gedroschenen Korns) von der Hofdiele mitgehen. Die Feldzehnten wurden in die „Zehntscheune“ geschafft und dort während der Wintermonate gedroschen. Die Kornzehnt-Säcke kamen auf den herrschaftlichen Kornboden. Neben Getreide war meist noch ein jährlicher „Fleischzehnt“ (der zehnte Teil des Fleischs der zur Winterbevorratung geschlachteten Kälber, Lämmer und Ferkel) in Form von Wurst, Schinken und Speck fällig.

Auf Wunsch der Obrigkeiten mussten auch an bestimmten Tagen und/oder zu besonderen Anlässen Brot, Hühner und Eier geliefert werden. Geläufigste Abgabetermine waren Ostern, Pfingsten, Johannis (24. Juni), Margareten (13. Juli), Jacobi (25. Juli), Bartholomäus (24. August), Michaelis (29. September) und Martini (11. November). Eine Form der Naturalabgabe war das „Besthaupt“. Es wurde mancherorts nach dem Tod eines Hofbesitzers erhoben. Der Grundherr holte sich das beste Pferd oder die beste Kuh des Verblichenen aus dem Stall.

Zu den wichtigsten Geldabgaben gehörten „Grundzins“ (Pachtgeld), „Schatzgefälle“ (eine Art Grund- und Gebäudesteuer) und „Kontribution“ (Kriegssteuer). Darüber hinaus war Bares fällig, wenn sich ein Leibeigener freikaufen und/oder ein Ausländer ein einheimisches Mädchen heiraten wollte. Ausländer war jeder, der jenseits der Schaumburger und (nach der Teilung der Grafschaft) jenseits der schaumburg-lippischen oder hessischen Grenze wohnte. Voraussetzung für die behördliche Zustimmung war der „Ehetaler“, im Volksmund meist „Einkömmensgeld“ genannt.

Eigenbehörige Untertanen, die ihren Wohnsitz ins „Ausland“ verlagern und deshalb ihre hiesigen Hofstätten verkauften wollten, mussten zuvor ein „Abzugsgeld“ entrichten. Besonders auf der Hut sein mussten lange Zeit die Leute im „Dreiländerdorf“ Schermbeck. Mitten im Ort trafen die Grenzen von Schaumburg-Lippe, des preußischen Bistums Minden und der hessischen Grafschaft Schaumburg zusammen.

Mit Natural- und Geldgaben allein gaben sich die meisten Grundherrschaften aber nicht zufrieden. Sie forderten auch „Hand- und Spanndienste“ (mittels Handarbeit oder mit Hilfe von Pferdegespannen). Dazu gehörten Holz-, Mergel- und Mühlenfuhren, Wege-, Brücken- und Festungsarbeiten sowie Einsätze als Wachpersonal und bei der Jagd. Der am meisten gefürchtete Frondienst war die Kriegsfolge. Die oft monate- oder jahrelange Abwesenheit der Männer trieb zahllose Höfe in den Ruin.

Das bäuerliche „Eigenbehörigkeits-Dasein“ dauerte annähernd 1000 Jahre. Erste Lockerungen setzten erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der europaweiten Freiheitsbestrebungen ein. Ein Meilenstein der „Bauernbefreiung“ war die Abschaffung der Leibeigenschaft. Im Schaumburger Land (in Schaumburg-Lippe und der Grafschaft Schaumburg) war es 1810, also vor exakt 200 Jahren, soweit.

Die Pflicht zur Leistung von Abgaben und Frondiensten ist schon im Sachsenspiegel, dem ältesten heimischen Rechtsbuch, festgeschrieben. Auf der hier abgebildeten Seite sind - in Wort und Bild - eine Reihe Zehntvorschriften abgedruckt. „Wer den czenden noch rechter gewonheit gibt, der hat en wol gegeben“ („Wer den Zehnten nach rechter Gewohnheit gibt, der hat ihn gut gegeben“), ist unter anderem zu lesen. Repros: gp

„Zehntabgabe an geistlichen Grundherrn.“ Die Übergabe und/oder Lieferung von Zehnt-Steuern ist in zahlreichen, zeitgenössischen (Holzschnitt-) Darstellungen festgehalten.



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