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Vor 249 Jahren: Dr. Stefan Brüdermann beim Mindener Bürgerbataillon über die Schaumburg-Lipper in der Schlacht bei Minden

Erschröckliches Feuer auf die vorgerückete Cavallerie

Minden/Bückeburg (bus). In Minden ist am 1. August die Zeit ins Gedächtnis gerufen worden, in der die Stadt für kurze Zeit Schauplatz der Weltgeschichte gewesen ist. Die Mindener gedachten unter Federführung des örtlichen Bürgerbataillons der vor 249 Jahren geschlagenen "Schlacht bei Minden", die als eines der zentralen Ereignisse des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) gilt.

Zur Gedenkfeier gehörten sowohl Kranzniederlegungen am Ehrenmal in der Ortschaft Todtenhausen als auch das sogenannte Herzog-von-Braunschweig-Mahl, in dessen Verlauf die Mindener am Vorabend der Feier unterschiedliche Facetten der Schlacht beleuchten. In diesem Jahr hatten die Veranstalter Dr. Stefan Brüdermann vomStaatsarchiv Bückeburg eingeladen, um die Thematik "Graf Wilhelm und die Schaumburg-Lipper in der Schlacht bei Minden" zu erhellen. Im Siebenjährigen Krieg kämpften die Großmächte England und Frankreich um die Vorherrschaft in Europa, Nordamerika und Asien. Bei Minden traf die Armee von England, das sich mit Preußen, Hannover, Braunschweig, Sachsen-Gotha und Schaumburg-Lippe verbündet hatte, auf das französisch-sächsische Heer. Der Ausgang der Schlacht befreite Preußen von der Bedrohung durch Frankreich und sicherte dem aufstrebenden Staat einen Platz unter den europäischen Großmächten. Für die Briten zählte vor allen Dingen, die französischen Truppen aus dem Hannoveraner Raum vertrieben und damit in Europa ein Kräftegleichgewicht erreicht zu haben. Weil England im gleichen Jahr die Franzosen auch in Kanada besiegte, ging das Jahr 1759 als "Glorious Year" in die britische Militärgeschichte ein. Die Truppen hätten "unsterblichen Ruhm" (undying fame) erlangt, heißt es in einer Inschrift am Denkmal. Das Gemetzel kostete wohl 10 000 Soldaten das Leben, manche Quellen melden 15 000 Tote. "Das Blutbad war das schlimmste, das ich je gesehen habe. Noch zwei Tage nach der Schlacht warteten in der glühenden Sommerhitze unversorgte Verwundete auf Hilfe", hielt ein Zeitzeuge fest. Über die Zahlen der beteiligten Kämpfer existieren Angaben, die aberwitzig weit auseinanderklaffen. Nach Kenntnisstand von Volker Krusche (Chef der zweiten Kompanie des Mindener Bürgerbataillons) standen 41 000 britisch-preußischen Soldaten 51 000 Franzosen gegenüber. Das Internet-Lexikon Wikipedia weist den Alliierten 45 000 und der französischen Seite 37 000 Mann zu. Brüdermann nannte ein Verhältnis von 40 000 zu 55 000. Gleichwie messen Experten der Auseinandersetzung erheblich mehr Bedeutung bei als es die Bezeichnung "Pipi-Schlacht" vermuten lässt, mit der im November 2007 der Hobbyhistoriker Guido Westerwelle die Geschehnisse auf das Niveau regionaler Kinkerlitzchen herabstufen wollte. Kein Mensch habe je etwas von dieser Schlacht gehört, behauptete der FDP-Politiker im Deutschen Bundestag als dieser einen Zuschuss in Höhe von 350 000 Euro "Gedenkfördermittel" diskutierte, der der Stadt Minden bei der Finanzierung der für das kommende Jahr geplanten Feier des 250. Schlachtenjubiläums helfen soll. Geld, das in der Domstadt augenscheinlich dringend benötigt wird. Das Todtenhauser Denkmal ist schwer marode und fristet sein Dasein 364 Tage im Jahr hinter einer stabilen Schutzeinzäunung. Im Vergleich zur beschaulichen Gegenwart der 1859 im gotischen Stil errichteten Vierkantsäule herrschte am 1. August 1759 im Mindener Norden wesentlich mehr Trubel. Die Entscheidungsschlacht nahm 1759 ihren Anfang in aller Herrgottsfrühe. Oberbefehlshaber Herzog Ferdinand von Braunschweig hatte der gesamten Armee für 1 Uhr nachts Marschbefehl erteilt. Um 5 Uhr schickte die Gegenseite heftiges Artillerie-Feuer auf die Schanzen bei Todtenhausen. Mittenmang: 1243 Männer schaumburg-lippischer Truppen, die Graf Wilhelm aufgrund eines am 18. März 1759 bestätigten Leihvertrages Herzog Ferdinand zur Verfügung stellte. Die von Wilhelm angeleitete und zum Teil im Kampf kommandierte Artillerie hatte wesentlichen Anteil am Erfolg der Alliierten. Sie kämpfte die französische Artillerie nieder und das Feuer ihrer Batterien dezimierte die französischen Infanterie-Bataillone, sodass der Gegner nicht gegen die alliierten Flügel vorrücken konnten. In seinem Dank an die Truppen hebt Ferdinand die Schaumburger besonders hervor. "Se. Excellenz dem Regierenden Herrn Grafen von Bückeburg sind Se. Durchlaucht unendlich verbunden vor alle Mühe und Sorgfalt, so dieselbe angewandt, dass die Artillerie am gestrigen Tage mit so ausnehmendem effect servirt geworden", heißt es in dem Dankschreiben. Dass Ferdinand den Bückeburger und dessen Männer besonders belobigte, beruhte indes wesenhaft auf einem Zufall. Eigentlich war Wilhelms Platz als "Inspekteur" und Befehlshaber der Artillerie nicht an der Front, sondern an der Seite des Oberkommandierenden. Es hatte aber zwischen dem Grafen und dem hannoverschen General von Wangenheim Differenzen über den Einsatz der Artillerie gegeben und Ferdinand hatte ihn "ins Lager bey Dodenhausen" gebeten, um die Streitfragen dort zu klären. Es ging um die Verlegung von zwei Zwölfpfünder-Kanonen auf die Todtenhauser Wälle, was den Vorstellungen des Grafen offenbar zuwider lief. In Todtenhausen befanden sich zunächst nur leichte bückeburgische Geschütze und lediglich vier Bataillone Infanterie. Statt sofort mit Infanterie anzugreifen, ließ der französische Kommandeur seine Artillerie um 5 Uhr ein heftiges Feuer auf die gegnerischen Schanzen eröffnen. In zeitgenössischen Berichten heißt es, Wilhelmhabe selbst an den Geschützen gestanden. Zumindest wird seine Anwesenheit die Kanoniere motiviert haben. Ein Proviantschreiber berichtete, "die schwere Artillerie dieses Corps machte aber die feindliche mehrentheils schweigend und zwang hierauf ihre Infanterie und Cavallerie, die noch mehr vorgerücket war, durch ein erschröckliches Feuer, daß sie sich wieder ein gutes Theil zurück ziehen muste." Die eigentliche Entscheidung fällt im Zentrum des Schlachtfeldes.




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