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Streit um Mahnmal vor der Schule / Lehrer aus Frankfurt protestieren / Meyer: Inschrift entfernen

"Erinnerungskultur schneidet nicht gut ab"

Rinteln (cok). Rintelner Schulkinder vor einem riesigen Findling mit der Aufschrift "Klagt nicht! Kämpft!", das war schon in den fünfziger Jahren der Zeitschrift "Quick" einen Artikel wert, mit der kritischen Frage, ob so die Erinnerung an die beiden Weltkriege aussehen müsse. Auch Lehrer, die jüngst aus Frankfurt in Rinteln zu Besuch waren, staunten über dieses Nazi-Denkmal an der Hildburg-Realschule und haben jetzt prompt einen Brief an die Stadtverwaltung geschrieben, ob ein Schulhof der richtige Ort für einen solchen Stein wäre.

Schon immer gab es auch in Rinteln Kritik an dem Stein, der 1933 als größter Findling weit und breit aus Meierberg angeschleppt worden ist, 50 Tonnen schwer, um als Denkmal für die 107 Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu gelten - damals noch ohne Aufschrift. Die kam erst 1936 in der typischen martialischen Schrift und einem Spruch, der damals der geistigen Mobilisierung für einen neuen Krieg diente und der auch heute noch in der Neonazi- und Militaristenszene kursiert, gerne als Aufschrift auf Feuerzeugen oder T-Shirts. "Wer meint, das?Klagt nicht! Kämpft!' könne sich auch auf den Lerneifer von Schulklassen beziehen, der gibt sich einer Illusion hin", warnt Dr. Stefan Meyer, Leiter des Museums Eulenburg. "Diese drei Vokabeln beziehen sich eindeutig auf den Krieg. Man maßte sich hier an, die gefallenen Soldaten für eine diktatorische Ideologie zu instrumentalisieren." Die Nazis hatten schon damals Platz gelassen für die Namen von Gefallenen aus dem Zweiten Weltkrieg, sagt Meyer: "Es ist ganz klar, worüber man nicht klagen soll", darüber nämlich, dass man sein Leben als Soldat zu opfern hatte." Dass der monumentale Stein auf dem Schulhof immer noch genau so dasteht, wie ihn die Nazis dort platziert hatten, als scheinbar unverrückbares und unveränderliches Dokument eines 1000-jährigen Reiches, hat nicht nur mit der Größe des Denkmals zu tun, sondern auch mit der durch viele Jahrzehnte herrschenden Auffassung, man dürfe Denkmäler nicht durch eine Veränderung ihres zeitdokumentarischen Charakters berauben. Der Museumsleiter sieht das anders. "Das ist eine politische Entscheidung! Jede Zeit hat das Recht, Denkmäler aufzustellen und vorhandene Denkmäler zu verändern." Insgesamt drei Monumente haben die Nazis innerhalb von sechs Jahren der Stadt hinterlassen, die alle noch stehen. Im Blumenwall den "Stürmenden Jäger" in Angriffshaltung, und - was viele gar nicht wissen - den Ehrenmalturm in der Mühlenstraße, der seit 1939 dort steht, als sei er schon immer Teil der alten Stadtmauer gewesen: "Unseren Helden, die für Deutschland starben", steht dort auf einer Tafel, geziert mit erhobenen Schwertern, wobei das Untergeschoss des Turmes als Fahnenhalle, der obere Teil als Erinnerungshalle diente. "Wenn man sich in Rinteln umsieht, muss man schon sagen, dass unsere politische Erinnerungskultur nicht sehr gut abschneidet", gibt Stefan Meyer zu bedenken. "So gibt es kein einziges Denkmal, das den Einsatz für die Demokratie würdigen würde." Dabei habe es auch in Rinteln an den entscheidenden Daten 1813, 1849, 1918 und 1949 engagierte Menschen gegeben, die für ein demokratisches Deutschland gekämpft haben. Meyer erinnert zum Beispiel an den herausragenden Demokraten Karl-Wilhelm Wippermann, der 1831 Bürgermeister der Stadt war, ein bundesweit bekannter Oppositionspolitiker, an dessen Grab noch 1957 ehrende Kränze niedergelegt worden sind. Wenn nun erwogen werde, neben dem Findling auf dem Hildburg-Schulhof eine erklärende Tafel aufzustellen, so wirke das in seinen Augen wie eine offen eingestandene Resignation. "Der Stein wurde hier mutwillig hingeknallt: ?Den kriegt hier in 1000 Jahren keiner mehr weg!' Soll sich das wirklich einlösen?", fragt der Museumsleiter, der übrigens betont, dass er im Prinzip nichts gegen eine Erinnerungskultur für die Soldaten der beiden Weltkriege habe. Er schlägt vor, die Inschrift einfach zu entfernen, sodass der Stein einfach ein Mahnmal gegen den Krieg würde.



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