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Erdwärme – eine Energiequelle mit Zukunft

Die Bohrungen für die Erdsonden waren nicht ganz einfach“, berichtet der Diplom-Ingenieur und HWG-Prokurist Oliver Busch. „Aber die Experten von Geowell aus Marl haben alle Probleme in den Griff bekommen, und inzwischen läuft unsere geothermische Anlage im Hamelner Fontane-Quartier gut.“ Geothermie in Hameln? Das ist etwas Neues, das zählt für viele Immobilienbesitzer noch zum misstrauisch beäugten Exotischen.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Die Bohrungen für die Erdsonden waren nicht ganz einfach“, berichtet der Diplom-Ingenieur und HWG-Prokurist Oliver Busch. „Aber die Experten von Geowell aus Marl haben alle Probleme in den Griff bekommen, und inzwischen läuft unsere geothermische Anlage im Hamelner Fontane-Quartier gut.“

Geothermie in Hameln? Das ist etwas Neues, das zählt für viele Immobilienbesitzer noch zum misstrauisch beäugten Exotischen. Für die Hamelner Wohnungsgenossenschaft HWG war dies freilich kein Grund, das Experiment für einen Neubau mit rund 2080 Quadratmetern Wohnfläche nicht doch zu wagen und sich der in der Erde gespeicherten Wärme zum Heizen und der Aufbereitung von Warmwasser zu bedienen. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ist allerdings nicht ganz einfach, wie Busch bestätigt. „Man muss den Wärmebedarf eines solchen Gebäudes schon genau kennen. In unserem Fall waren das rund 12,5 Megawatt oder 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr, ein Grenzwert, der nicht überschritten werden darf, um förderfähig zu bleiben.“ Denn auch für geothermische Anlagen gibt es Zuschüsse vom Staat, wenn sie bestimmten Kriterien genügen. So schießt beispielsweise das dafür zuständige Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (BAFA) pro Wohneinheit bis zu 2400 Euro zu, bei fünf Wohneinheiten insgesamt bis zu 6000 Euro.

13 Erdsonden wurden für das Fontane-Quartier bis in 130 Meter Tiefe niedergebracht, insgesamt eine Länge von 1,69 Kilometern, die über zwölf Wärmepumpen das Haus der Wohnungsgenossenschaft mit Energie aus der Tiefe versorgen. „Als Primärenergie setzen wir bei den Wärmepumpen Strom ein“, erklärt Busch, „und produzieren mit einer Kilowattstunde Strom vier bis viereinhalb Kilowattstunden Heizenergie.“ Um sicher zu sein, dass der wesernahe Boden auch genügend Wärme liefern kann, ließ das Unternehmen einen sogenannten geothermischen Response-Test durchführen. „Das ist unbedingt nötig“, betont Busch, „denn nur mit einem derartigen Test, kann sichergestellt werden, dass die Anlage am Ende auch die erforderliche Leistung bringt.“

Und was kostet eine derartige Anlage? „Einschließlich der Anbindung an die Wärmepumpen wurden für die 13 Sonden 135 000 Euro investiert, rund 80 Euro pro Sondenmeter“, bilanziert Busch. „Gerechnet hatten wir mit 50 bis 60 Euro, aber beim Bohren gab es Probleme mit einer Wasserader. Das hat die Sache teurer gemacht.“

Das Land Niedersachsen steht dem Thema Geothermie im Übrigen sehr positiv gegenüber, wie der Diplom-Geologe Joachim Fritz, Referatsleiter im Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), betont. „Insbesondere im Bereich der oberflächennahen Geothermie werden sehr große Marktpotenziale erwartet, da sie sowohl für den Ein- wie den Mehrfamilienhausbesitzer, aber auch für größere Anlagen viele Anwendungsmöglichkeiten bietet“, erklärt Fritz. Wobei unter „oberflächennaher Geothermie“ Tiefen bis zu 400 Metern verstanden werden. „Bei Tiefen darüber hinaus wird von der mitteltiefen oder tiefen Geothermie gesprochen.“

Als klassische Anwendungsfälle in der oberflächennahen Geothermie bezeichnet Fritz Erdwärmeflächenkollektoren, Erdwärmesonden und Brunnendubletten. Inzwischen gebe es aber auch Graben- und Spiralkollektoren, die im Garten eingesetzt werden könnten. Üblicherweise gehe es dabei um Einbautiefen zwischen einem und vier Metern. „Die erforderliche Fläche zur Versorgung eines Einfamilienhauses liegt zwischen 150 und 300 Quadratmetern, die nicht beschattet sein sollte.“ Eine Größenordnung, die fast in jedem Reihenhaus zur Verfügung steht. Sind Flächenkollektoren beispielsweise wegen Baumbestandes oder anderer Verschattungsfaktoren nicht einsetzbar, empfiehlt Fritz den Einsatz von Erdwärmesonden, die je nach Wärmebedarf und Größe des Objekts bei Einfamilienhäusern in eine Tiefe zwischen 40 und 150 Metern niedergebracht würden. Im gewerblichen Bereich seien aber auch schon Anlagen bis zu Tiefen von 200 Metern installiert worden.

Genehmigungspflichtig seien solche Anlagen nur dann, wenn beim Bohren besondere Anforderungen an den Grundwasserschutz bestehen. Zuständig dafür seien die Unteren Wasserbehörden. Im Einzelfall kann ein potenzieller Investor dies auf Karten überprüfen, die das LBEG auf seinem Kartenserver im Internet zur Verfügung stellt. Für das südliche Niedersachsen lässt sich daraus ablesen, dass praktisch überall die Genehmigungsbehörde eingeschaltet werden muss. Gleichzeitig bieten sich das LBEG und die Unteren Wasserbehörden an, bei geothermischen Fragen ihre Kompetenz beratend zur Verfügung zu stellen. Busch: „Das hat bei unserem Vorhaben hervorragend funktioniert. Ich kann beide Institutionen nur empfehlen.“

Deutschland scheint in Sachen Geothermie im Übrigen noch Entwicklungsland zu sein. In der Schweiz, Österreich und Schweden werden nach Darstellung des LBEG-Experten bereits in 50 bis 90 Prozent aller Neubauten Wärmepumpen eingesetzt. Doch sei auch in Deutschland in den vergangenen drei Jahren eine deutliche Steigerung der Verkaufszahlen festzustellen, berichtet Fritz: „Pro Jahr von 18 000 auf 40 000 verkaufte Wärmepumpen. Das ist also eine Technologie, die sich durchzusetzen beginnt und auch wirtschaftlich ist.“

Tatsächlich handelt es sich ja auch nicht um eine neue Technologie. Bereits seit 1938 werde das Rathaus in Zürich mit einer Wärmepumpe beheizt. Wegen der früher günstigen Preise für Öl und Gas habe sich die Technologie aber zunächst nicht durchsetzen können. „Mittlerweile hat sich die Situation aber geändert. Die Preise für Öl und Gas sind stark gestiegen, was dazu geführt hat, dass jetzt auch andere Energieversorgungssysteme wie Wärmepumpen zur Wärmebereitstellung wirtschaftlich konkurrenzfähig geworden sind.“

Fritz verweist aber auch darauf, dass Altbauten, die noch nicht bestens gedämmt sind oder alte Heizkörper haben, „nicht die optimalen Anwendungsfälle sind“. Bevor eine Wärmepumpe in einem Altbau eingesetzt werde, sei unbedingt eine energetische Sanierung erforderlich. Als „besonders zukunftsträchtig“ schätzt Fritz den Einsatz von Erdwärme und Wärmepumpen für große Bürogebäude ein und führt dazu Beispiele aus Hannover an, „wo wir in den vergangenen Jahren mehrere Lösungen kennengelernt haben, in denen Wärmepumpen sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen eingesetzt werden“. Das sei bei der VHV-Versicherung der Fall, aber auch bei der NordLB, „die sich über Wärmepfähle mit Energie versorgt“. Derzeit errichte die Versicherung HDI-Gerling ein neues Verwaltungsgebäude mit Erdwärmesondenfeldern, und auch die Firma Rossmann setze bei einem neuen Verwaltungszentrum in Großburgwedel auf den Einsatz von Geothermie und die Bereitstellung von Heizungswärme durch Erdsonden.

Bevor sich ein Investor für den Einsatz einer geothermischen Anlage entscheidet, empfiehlt Fritz, die Kompetenz des LBEG in Anspruch zu nehmen. Sei der Wärmebedarf für ein Haus bekannt, „können wir eine Erstberatung darüber machen, ob das Projekt überhaupt zu verwirklichen ist. Die Bodenverhältnisse vor Ort geben dann Auskunft darüber, welcher Aufwand für die Fläche eines Kollektors betrieben werden muss, wie groß er sein muss oder wie viele Erdsonden mit welcher Tiefe benötigt werden.“ Um den Wärmebedarf zu ermitteln oder den Wärmestandard eines Alt- oder Neubaus festzustellen, sei immer die Inanspruchnahme eines kompetenten Energieberaters anzuraten, erklärt Fritz. Bei älteren Gebäuden, sogenannten Bestandsbauten, sei es vor dem Einsatz einer Wärmepumpe zwingend erforderlich, die Wärmedämmung zu verbessern, um dann eine Wärmepumpe entsprechender Größe für einen abgesenkten Wärmebedarf einzusetzen.

Fachleute des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie werden in dieser Woche auch auf der Soltec in Hameln vertreten sein und dort Informationen über die Beschaffenheit der Böden und die zu erwartenden Wärmeleistungen rund um Hameln und die anderen niedersächsischen Gebiete zur Verfügung stellen.




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