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Die Feierlichkeiten zu Dingelstedts 100. Geburtstag am Vorabend des Ersten Weltkriegs

„Er war unser“

Ein günstiger Stern waltet über Rintelns Festen“, rief Rektor Welst seinen Zuhörern am 28. Juni 1914 zu. Der dankbare Hinweis des Festredners galt dem Wetter. Es war ein herrlicher Sonntagmorgen. Die Sonne schien. Die Einwohner drängten ins Freie. Die Straßen und Plätze füllten sich. Eine erwartungsvolle Vorfreude lag über der Stadt. Man wollte den 100. Geburtstag von Franz von Dingelstedt feiern.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Über Monate hinweg hatte ein hochkarätig besetztes Vorbereitungskomitee über das Festprogramm nachgedacht. Als Erstes musste die Terminfrage geklärt werden. Dingelstedt war am 30. Juni 1814 geboren worden. Das war 100 Jahre später ein Dienstag. Man war sich einig, dass die Feier um zwei Tage auf Sonntag, den 28.6.1914, vorverlegt werden müsse. An einem Werktag konnte damals kein Volksfest steigen.

Die Terminverschiebung erwies sich als Glücksfall. Die Veranstaltung ging weitgehend unbeschwert und in fröhlicher Stimmung über die Bühne. Nur einen Tag später wäre die Atmosphäre nicht so gut gewesen. Während die Rintelner den „größten Sohn“ ihrer Stadt hochleben ließen, war auf dem Balkan ein verhängnisvolles Attentat verübt worden. Die Rintelner erfuhren davon kurz danach aus der Schaumburger Zeitung. „Der Thronfolger von Österreich ermordet“, titelte das Blatt wenige Stunden später in seiner Montagsausgabe. Auf den Erzherzog Franz Ferdinand seien in Sarajewo tödliche Schüsse abgefeuert worden.

Die Sensationsmeldung veränderte spürbar das Denken und Fühlen der Leute. Selbst das Interesse an Dingelstedt und das ihm zu Ehren gefeierte Fest rückten in den Hintergrund. Höhepunkt sei die Grundsteinlegung für den geplanten Dingelstedt-Brunnen auf dem Marktplatz mit Reden von Bürgermeister Wachsmuth und Landrat von Ditfurth gewesen, war in dem vergleichsweise nüchtern aufgemachten Nachbericht zu lesen.

5 Bilder
Dingelstedt-Denkmal in Todenmann auf einer historischen Postkarte.

Das hatte in den Vorankündigungen noch anders geklungen. Über Wochen und Monate hinweg war in zahlreichen heimatkundlichen Beiträgen in allen Einzelheiten an Leben und Wirken des populären Weserlied-Dichters erinnert worden. Mit besonderem Stolz wurde dessen lebenslange Zuneigung zu seiner Heimatstadt herausgestellt.

In der Tat hatte sich Dingelstedt oft und in zuweilen verzehrender Weise an Rinteln erinnert. „Ich weiß nicht, welche alte kindliche Sehnsucht mich immer noch nach diesem Fleckchen Erde zieht, wo meine Erinnerungen begraben liegen“, schrieb er einem Freund. Und ein andermal bekannte er, er würde am liebsten „in der alten, lieben Heimat wohnen und in den alten Wäldern dichten, sehnen, träumen“.

Auch die Weser hatte der später überwiegend in München, Weimar und Wien lebende Poet schon früh ins Herz geschlossen:

„Ich kenne einen deutschen Strom, Der ist mir wert und lieb vor allen,

Umwölbt von ernster Eichen Dom,

Umgrünt von kühlen Buchenhallen.

Ihn hat nicht, wie den großen Rhein Der Alpen dunkler Geist beschworen,

Ihn hat der friedliche Verein

Verwandter Ströme still geboren.

So taucht die Weser kindlich auf, Von Bergen traulich eingeschlossen

Und kommt in träumerischem Lauf Durch grüne Au herabgeflossen.“

So viel und so liebevoll in Versform dargebrachte Heimattreue kam nicht nur hierzulande gut an. Die Ankündigung des 100. Geburtstags von Dingelstedt löste überall im Kaiserreich eine Art „Weserlied-Fieber“ aus. Am stärksten empfand man naturgemäß in Rinteln. „Und wenn jetzt überall im deutschen Vaterlande seiner gedacht und von Tausenden sein unsterbliches Weserlied begeistert gesungen wird“, schrieb am Vorabend der Jubiläumsfeier die Schaumburger Zeitung, „dann dürfen die Rintelner denken: Hier hatte er seine Heimat. Er war unser“.

Seit Bekanntwerden des Attentats war plötzlich alles anders. Keiner wusste, was passieren würde. Aber viele ahnten, dass Unheil bevorstand. Seit Jahren war die Lage auf dem Balkan hoch explosiv. Jeder wusste: Die Unabhängigkeitsbestrebungen der serbischen Separatisten stellten ein extrem hohes Risiko im ohnehin instabilen europäischen Machtgefüge dar. Die Militärs in der K.-u.-k.-Monarchie und ihre Kollegen im verbündeten Deutschland forderten ungeniert ein radikales Ausmerzen der Unruhestifter. Die hierzulande beheimateten Leute waren hin und hergerissen. Trotz aller patriotischen Gefühle und Bekundungen überwog ein ungutes Gefühl. Von überschäumender Kriegslust war – soweit aus der damaligen Zeitungsberichterstattung erkennbar – nichts zu spüren.

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt. Wenige Wochen nach dem Sarajevo-Mord brach der Erste Weltkrieg aus. Der Dingelstedt-Brunnen auf dem Rintelner Marktplatz wurde nie gebaut. Der Wunsch von Bürgermeister Wachsmuth, das Rauschen des Brunnens möge, „solange die Wellen der Weser zum Meere eilen, den Enkeln und Urenkeln von Dingelstedt und seinem Heimatlied erzählen“, erfüllte sich nicht. Da war es auch kein Trost, dass auch ein als ärgerlich und ungehörig empfundenes Konkurrenz-Projekt platzte. Die Leute in Hannoversch Münden, die seit jeher den Weserlied-Dichter für sich beanspruchten, hatten vorgehabt, zu dessen 100. Geburtstag ein großes Denkmal einzuweihen.

Doch auch daraus wurde nichts. Erst in den 1930er Jahren kamen die Rintelner, genauso wie die Einwohner von Hannoversch Münden, dazu, ihrem berühmten Idol ein „richtiges“ Denkmal zu errichten.




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