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Jetzt ist auch Dieter Oesterlens Raumkunst in Hameln bedroht: Wird ein Juwel aus den 50ern zerstört?

Er baute den Landtag – und Afferdes Schule

Hameln (kar). Er ist einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, hat dem Nachkriegs-Hannover seinen Stempel aufgedrückt und auch in Hameln seine Spuren hinterlassen: Dieter Oesterlen (1911-1994). Der Mann, der das Kunstkreis-Studio baute. Und die Schule in Afferde. Dort hat er sich auf einer Tafel im Fußboden der Pausenhalle verewigt. Und dort läuft er Gefahr, mit Füßen getreten zu werden. Und das ist durchaus nicht nur wörtlich zu nehmen.

Autor:

Karin Rohr

Hameln (kar). Er ist einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, hat dem Nachkriegs-Hannover seinen Stempel aufgedrückt und auch in Hameln seine Spuren hinterlassen: Dieter Oesterlen (1911-1994). Der Mann, der das Kunstkreis-Studio baute. Und die Schule in Afferde. Dort hat er sich auf einer Tafel im Fußboden der Pausenhalle verewigt. Und dort läuft er Gefahr, mit Füßen getreten zu werden. Und das ist durchaus nicht nur wörtlich zu nehmen. Seit feststeht, dass der an die Schule angrenzende Kindergarten um eine Krippe erweitert werden soll, liebäugelt die Stadt Hameln mit einem Anbau, bei der es der Oesterlen-Pausenhalle an den Kragen gehen könnte; sprich: ein Viertel der Fläche für die Schüler künftig wegfallen könnte, wie Schulleiter Uwe Wilhelms-Feuerhake feststellt: „Und das ist nicht akzeptabel.“ Ortsrat, Elternrat und Vertreter des Kindergartens sehen das genauso.

Für den Archäologen Joachim Schween, der sich mit der Baukunst Oesterlens intensiv beschäftigt hat, wäre der Eingriff in die Pausenhalle schlicht Frevel an einem der schönsten Schulbauten des Architekten. „Ausgerechnet das Herzstück der Schule soll für die Einrichtung einer Kinderkrippe umgebaut und damit völlig entstellt werden“, rügt Schween. Fakt ist: Die Pausenhalle, die nicht nur bei schlechtem Wetter von den Schülern genutzt wird, sondern auch in Ermangelung einer nie gebauten Aula als Veranstaltungsraum für Eltern und Schüler herhält, ist ein Juwel aus den 50er Jahren. Ins Auge fallen nicht nur ein kunstvoll gefertigter Mosaik-Brunnen, dessen Korpus ein märchenhaftes Fabelwesen bildet, sondern auch die schlanken Mosaik-Säulen und vor allem der als Landkarte gestaltete Fußboden, auf dem die Weser, Hameln und die umliegenden Ortschaften abgebildet sind. „Er gehört zum Besten, was an Raumkunst der 50er Jahre in unserer Region heute noch existiert“, sagt Schween und warnt: „Die Zerteilung der Pausenhalle käme einer Zerstörung gleich.“

Ignoranz wirft der engagierte Archäologe und Baukunstsachverständige der Stadt Hameln vor, wenn sie einer alternativen Lösung, nämlich dem Erweiterungsbau nach hinten, keine Chance gäbe. Zwar hatte Andreas Breitkopf, städtischer Fachbereichsleiter Bildung, Jugend und Kultur bereits signalisiert, dass bei der derzeitigen Haushaltslage die kostengünstigere Variante und damit wohl der Pausenhallen-Umbau den Vorzug bekäme. Ob dies aber am Ende fürs marode Stadtsäckel günstiger ausfällt, bezweifelt Schulleiter Wilhelms-Feuerhake: „Nach hinten hinaus ist genügend Platz für einen Anbau, nach vorn raus muss in den Bestand gebaut werden.“ Im Klartext bedeutet das: Die integrierten Altbauteile müssen modernen Ansprüchen angepasst werden. Das kann von der aufwendigen Verlegung von Leitungen bis hin zur Dämmung reichen und sich als nicht zu unterschätzender Kostenfaktor entpuppen: „Da gibt es viele Unwägbarkeiten“, sagt der Schulleiter. Außerdem: „Wer sagt denn, das nicht in ein paar Jahren noch einmal erweitert werden muss?“, meint Wilhelms-Feuerhake. Der Bedarf an Krippenplätzen steige. Und so fragt er sich, „ob es sinnvoll ist, so wie jetzt zu planen“.

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Mit dieser Grundrisstafel hat sich Oesterlen in Afferde verewigt.

Der weitsichtige Oesterlen hatte schon damals die Afferder Schule erweiterbar konzipiert und entsprechende Anbauten bei seinen Planungen berücksichtigt. Der 1954 vollendete Kernbau mit seinem kreuzförmigen Grundriss bildete den 1. Bauabschnitt. „Weil ein Kreuz besser erweiterbar ist“, vermutet Schween. Vorgesehen waren von Oesterlen noch drei weitere Bauabschnitte. Nur zwei wurden umgesetzt: eine Turnhalle mit Nebenräumen parallel zum südlichen Klassentrakt hinter dem Westtrakt (2. Abschnitt), zwei übereinanderliegende Räume im südliche Klassentrakt (3. Abschnitt). Zu dem Bau einer Aula hinter dem Südtrakt (4. Abschnitt) kam es nicht mehr. Weswegen die ursprüngliche Pausenhalle immer auch als Aula genutzt wurde und wird.

Gewalt angetan, wie Schween kritisiert, hatte man dieser Halle bereits in den 80er Jahren, als der Kindergarten angebaut und den ehemals lichtdurchfluteten Saal verdüsterte. „Als Infrastruktur- und Versorgungsbau gehört die Schule leider zu einer Gattung, die gefährdet ist“, bedauert der Archäologe. Trotzdem habe der Raum auch heute noch Atmosphäre und strahle etwas aus. Er habe „sehr viel Eleganz“ mit seinen Mosaiksteinchen und den mit Messingband umzogenen Gestaltungselementen des Fußbodens.

Und: Oesterlen hatte ein Händchen für die richtigen Leute im Team. So sind auch die Wandgestaltungen in der Afferder Schule bemerkenswert. „Und falls er die Außenanlagen nicht selbst konzipiert hat, hat er einen guten Gartenbauarchitekten gehabt“, lobt Schween. Tatsächlich gilt die gewellte Außenanlage heute als exemplarisch: „Früher gab es dort mal alle heimischen Gehölze“, sagt Wilhelms-Feuerhake. Zwar ist inzwischen einiges abgesägt und wurde von der Stadt nicht mehr nachgepflanzt, aber immer noch besticht die Außenanlage mit außergewöhnlich schönem Baumbestand, viel Grün und einem Teich.

Licht sei für Oesterlen ein wichtiger Faktor bei der Planung der Schule gewesen, betonen Schween und Wilhelms-Feuerhake: „Kinder brauchen Licht, natürliches Licht. Nach dem Krieg hat man gesagt: Licht gehört zum Gesundheitsprinzip und die Schule ist ein Gesundheitsraum.“ Oesterlen hat das beherzigt.

Der Architekt, der zu den Mitbegründern der berühmten „Braunschweiger Schule“ gehört, legte bei seinen Bauwerken Wert auf die Einheit von Funktion, Konstruktion und Form. Wobei Oesterlen unter dem Begriff des Funktionalismus nicht nur rationale Kriterien verstand, sondern auch geistige Werte wie Atmosphäre, Ausdruck und Charakter eines Gebäudes. Der lebendigen Spannung von alter und neuer Bausubstanz gab er in Form „gebundener Kontraste“ Ausdruck – wie beim Historischen Museum in Hannover oder beim Umbau des Leineschlosses zum Sitz des Niedersächsischen Landtages. Letzteres erregt derzeit die Gemüter: Falls heute in der Landeshauptstadt entschieden wird, den Plenarsaal plattzumachen, würde wieder einmal ein Werk des großen Oesterlen mit Füßen getreten.

An der Afferder Schule hofft man noch, dass es keinen Eingriff in die Pausenhalle geben wird. „Die Grundschulkinder in Afferde sind es wahrhaftig wert, wenigstens in ihrer Schule weiterhin in gelungener Architektur aufzuwachsen“, sagt Schween.




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