×
Umstrittenes Andenken an Admiral Scheer, „Deutschlands tüchtigsten Flottenführer“

Einstiger Stolz verblasst

Er spielt nur noch eine untergeordnete Rolle“, stuft Bürgermeister Oliver Schäfer die Wertschätzung für Reinhard Scheer im heutigen Obernkirchen eher niedrig ein. Das war einmal anders. Bis 1945 galt der vor 150 Jahren im heutigen Bergmuseumsgebäude zur Welt gekommene Scheer als bedeutsamster Sohn der Stadt. Dass der Stolz mittlerweile verblasst ist, hat nach Einschätzung von Schäfer vor allem mit der kurzen „Verweildauer“ des einst hoch verehrten Abkömmlings zu tun. Hintergrund: Scheer hatte nur seine ersten Kindheitsjahre in Obernkirchen verbracht. Als er vier war, war sein Vater, Rektor der örtlichen Bürgerschule, nach Hanau versetzt worden.

Autor:

von wilhelm gerntrup

Ein weiterer Grund für das heute eher „unterkühlte“ Verhältnis der Obernkirchener zum einstigen Vorzeige-Spross dürfte dessen Job als kaiserlicher Kriegsheld sein. Auslöser und Ursache von Scheers Ruhm war die so genannte „Skagerak-Schlacht“. Am 31. Mai und 1. Juni 1916 war es in den Gewässern vor Jütland zu einem erbitterten Schlagabtausch zwischen der englischen Royal Navy und der deutschen Hochseeflotte gekommen. Es ging um die Kontrolle der Nachschubwege. An dem Gefecht waren etwa 150 britische und an die 100 deutsche Kriegsschiffe beteiligt. Nicht wenige Fachleute werten die Schießerei als eines der größten und denkwürdigsten Seegefechte der Marinegeschichte.

Oberbefehlshaber der „Grand Fleet“ war Lord John Jellicoe. Die kaiserlichen Verbände befehligte der kurz zuvor zum Flottenchef beförderte Admiral Scheer. Die Verluste waren gewaltig. Es gab mehr als 8500 Tote. 14 englische und elf deutsche Kampfschiffe gingen unter oder wurden im Kanonen- und Torpedohagel zu Schrott geschossen.

Über Ablauf und Bedeutung des von den Briten „Battle ofJutland“ (Schlacht von Jütland) getauften Geschehens ist schon viel geschrieben worden. Anfangs schien der Vorteil aufseiten der Deutschen zu liegen. Später wendete sich das Blatt. Die heil gebliebenen deutschen Schiffe hatten Mühe, sich vor dem übermächtigen Gegner in Sicherheit zu bringen. Beide Seiten sahen sich als Sieger. Am militärischen Kräfteverhältnis änderte sich nichts. Die englische Vormachtstellung auf See war kaum beeinträchtigt worden. Einig sind sich die Experten, dass Scheer eine taktische Meisterleistung vollbracht und sich gut aus der Affäre gezogen hat. Die seemännische Begabung des Lehrersohns hatte sich schon früh angedeutet. Mit 15 war er, angelockt von Fernweh und Abenteuerlust, in die Marine eingetreten. Vier Jahre später hatte er es zum Leutnant, mit 29 zum Kapitän-Leutnant und mit 46 zum Konteradmiral gebracht.

2 Bilder
Admiral Reinhard Scheer. gp

Der Ruhm als Seeheld wirkte auch nach dem aus deutscher Sicht schmachvollen Kriegsende nach. Scheer wurde von der gebeutelten Nation – neben Hindenburg – als einer der ganz wenigen Militärführer verehrt, zu denen man mit Stolz und Hochachtung aufsehen konnte. Aus den politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Parteien hielt sich der hoch dekorierte Pensionär offenbar heraus. Ein entscheidender Knackpunkt in seinem Leben soll der jähe und gewaltsame Tod seiner Frau gewesen sein. Sie war 1920 unter mysteriösen Umständen im Haus der Familie von Einbrechern umgebracht worden. Reinhard Scheer starb acht Jahre später an Herzversagen. Er wurde 65 Jahre alt.“ Deutschland beklagt den Verlust seines tüchtigsten und berühmtesten Flottenführers“ titelt am 27. November 1928 die Schaumburger Zeitung. Auch die englischen Blätter widmeten dem Ex-Gegner dicke Schlagzeilen. Er sei der „bisher einzige ebenbürtige Gegner der Royal Navy“ gewesen, war zu lesen.

Die Wahrnehmung als entschlossener Kriegsheld führte dazu, dass über den Privatmann Scheer nur ganz wenig bekannt wurde und überliefert ist. Einige erhalten gebliebene Briefe lassen erkennen, dass er ein liebevoller Ehemann und Vater und ein vielseitig interessierter Zeitgenosse war.

Noch mehr als zu dessen Lebzeiten wurde Scheers Mythos von den fünf Jahre nach seinem Tod ans Ruder gekommenen Nationalsozialisten strapaziert. Der „Sieger vom Skagerak“ diente mehr als die meisten anderen vaterländischen Helden als Propagandafigur. In Obernkirchen, wo eine Wertung und Würdigung des Ex-Einwohners von der roten Ratsmehrheit bislang versäumt und auch verhindert worden war, ging im Juni 1933, wenige Monate nach Hitlers „Machtergreifung“, eine groß angelegte Ehrenfeier über die Bühne. Rund die Hälfte der 2000 Teilnehmer waren Kriegervereinsmitglieder. Daneben waren mehrere hundert SA- und SS-Leute sowie Abordnungen diverser Wehrmachtseinheiten aufmarschiert. Tags zuvor hatte es bereits einen Empfang der Stadt für die aus allen Teilen des Reichs angereisten Ehrengäste, darunter die Tochter des Geehrten, gegeben.

„Scheer ist der größte Seesieger aller Zeiten“, rief Marinepfarrer Sontag aus Kiel der auf dem Kirchplatz versammelten Menschenmenge zu. „Das neue Deutschland weiß den Führergedanken Scheers zu würdigen, weil es selber den Führergedanken über alles stellt“. Dann wurde am damals noch als Schule genutzten Geburtshaus des Skagerak-Kommandanten (heute Berg- und Stadtmuseum) eine vom örtlichen Kriegerverein „Kameradschaft“ gestiftete Gedenktafel enthüllt. Der von den neuen Machthabern reaktivierte Ex-Bürgermeister Herzog gab sich zuversichtlich, dass „immer neue Generationen zu der Tafel als zu einem Wahrzeichen deutschen Mannesmutes und deutscher Disziplin aufsehen möchten“. Kriegervereinsvorsitzender Deichmann regte an, das Gebäude von nun an „Admiral-Scheer-Schule“ zu nennen. Dazu kam es nicht. Stattdessen wurde der ehemalige Friedhofsweg in „Admiral-Scheer-Straße“ umbenannt.

Vielleicht würde das Andenken an Scheer – damals wie heute – anders aussehen, wenn es zu der zwischen den Ex-Flottenchefs verabredeten Versöhnungsgeste gekommen wäre. Der englische Skagerak-Kommandant und Churchill-Vertraute Admiral John Jellicoe hatte Scheer 1928 nach London eingeladen. Das symbolträchtige Treffen der einstigen Todfeinde kam wegen des plötzlichen Ablebens des Deutschen nicht zustande.

Explosion und Untergang der schwer getroffenen Schlachtkreuzers „Queen Mary“ am ersten Tag der Skagerak-Schlacht.gp




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt