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Vor 70 Jahren kam mit Gustav vom Felde einer der ranghöchsten heimischen SS-Führer ums Leben

„Eine Führernatur“

Es werden in kürzester Frist Aktionen gegen Juden und insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden“, versetzte Gestapo-Chef Müller am Abend des 9. November 1938, also vor 75 Jahren, seine Leute per Eilfernschreiben in Alarmbereitschaft. Kurz zuvor waren bereits die wichtigsten SA-Funktionäre und andere Spitzenleute des Apparats von der Entscheidung der NS-Führung unterrichtet worden, einen „spontanen Vergeltungsschlag“ zu starten.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Bürgermeister und Landräte bekamen Order, wie sich das Ganze vor Ort abzuspielen habe. Die Palette reichte von Demonstrationen, Beschlagnahme von „Archivgut“ bis zur Festnahme vermögender Juden. Geschäfte und Wohnungen von Juden dürften allenfalls zerstört, aber nicht geplündert werden, war zu lesen. Wichtig sei auch, dass nichts unternommen werde, was deutsches Leben oder Eigentum gefährden könne: „Synagogenbrände nur dann, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung besteht“.

Von Propagandaminister Goebbels wurde die Aktion als „spontane“ Reaktion der zutiefst empörten deutschen Volksgenossen auf den feigen Mordanschlag des Juden Herschel Grynspan verkauft. Der 17-jährige Flüchtling hatte wenige Tage zuvor in Paris den Botschaftsdiplomaten vom Rath durch Schüsse tödlich verletzt. Doch das diente der NS-Führung nur als willkommener Vorwand zum Losschlagen. In Wirklichkeit wollte man auf unmissverständliche Art und Weise seine Entschlossenheit zur „Endlösung der Judenfrage“ deutlich machen.

Wie und wo sich die als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingegangene Aktion hierzulande abspielte und welch unfassbares Leid den wehrlosen Opfern zugefügt wurde, ist in mehreren Aufsätzen und (Zeitzeugen-) Berichten festgehalten. Auch die Namen der Peiniger sind größtenteils bekannt. Eine gewisse Ausnahme stellt Gustav vom Felde dar. Der aus Bad Eilsen stammende SS-Führer ist in den Forschungsberichten der ersten Jahre weitgehend unbeachtet geblieben. Das ist nicht zuletzt deshalb verwunderlich, weil vom Felde nicht nur im Schaumburger Land aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, sondern als Chef der Gestapo-Außenstelle Bielefeld auch aktiv an der Umsetzung des Pogroms beteiligt war.

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Vom Felde stammte aus einfachen Verhältnissen. Er hatte (wie man bei Nennung des Namens vielleicht vermuten könnte) kein blaues Blut in den Adern, sondern kam aus einer alteingesessenen Schaumburger Bauern-und Handwerkerfamilie. Sein Vater betrieb eine Gastwirtschaft.

Trotz der nicht gerade üppigen Haushaltskasse konnte und durfte der junge Gustav das Bückeburger Gymnasium besuchen und nach dem Abitur (1929) Jura studieren. Als Student bekam er Kontakt zur Hitler-Bewegung. 1930 trat er in NSDAP und SA ein. Ein halbes Jahr später wurde er in die SS aufgenommen. Noch während der Universitätszeit nahm er an Kaderschulungen für künftige NS-Führungskräfte teil. Nach dem Examen startete er eine rasante Berufs- und Funktionärs-Karriere.

Die Gelegenheit für ehrgeizige und rechtsnationale Jungakademiker war günstig. Die 1933 ins Leben gerufene, noch im Aufbau befindliche Staatspolizei (Stapo) suchte händeringend geeignetes Führungspersonal. Die damals eingestellten „Neuen“ gehörten nach neueren biografischen Untersuchungsergebnissen einem speziellen Mitarbeiter-Typus an. Fast alle seien junge, intelligente, und mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz und Skrupellosigkeit ausgestattete Verwaltungsfachleute gewesen, ist zu lesen. Und die meisten hätten es in der sich immer mehr zu einer verbrecherischen Vollzugsbehörde entwickelnden Gestapo-Organisation weit gebracht. Genau das traf auch auf vom Felde zu. Er brachte es innerhalb von nur sieben Dienstjahren über fünf Beförderungsstufen hinweg zum Regierungsdirektor und SS-Standartenführer. Die erste berufliche Station war die Stapo Bielefeld, deren Leitung und Aufbau ihm 1936 übertragen wurden. Zum Zuständigkeitsbereich der anfangs nur mit 14 Mitarbeitern operierenden Dienststelle gehörten – dem Zuschnitt der NSDAP-Gauleitung Westfalen-Nord entsprechend – der westfälische Regierungsbezirk Minden und die beiden formal selbstständigen Länder Lippe (Lippe-Detmold) und Schaumburg-Lippe. Später wurde die Bielefelder Zentrale durch in Bückeburg, Detmold und Paderborn eingerichtete Außenstellen unterstützt. Hauptaufgabe war die Beobachtung und Bekämpfung „staatsfeindlicher Bestrebungen“. Vom Felde sei „eine ausgesprochene Führernatur“, heißt es in einer zu Beginn seiner Karriere ausgestellten Beurteilung. „Zusammenfassend kann gesagt werden, daß er ein vorzüglicher Mann ist, der für den Staatsdienst besonders geeignet ist.“

Nach drei Jahren Bielefeld wurde vom Felde zwecks Fortsetzung seiner Aufbauarbeit die Leitung der Stapo-Stellen Erfurt (1939) und Weimar (1940) übertragen, und am 1. April 1943 holte ihn Himmler-Nachfolger Kaltenbrunner als neuen Leiter der Amtsgruppe IA (Personalangelegenheiten) ins Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Berlin.

Unklar und von etlichen Spekulationen begleitet ist ein Job, den vom Felde 1938 einige Monate lang als Leiter des während der Besetzung des Sudetenlandes im heutigen Tschechien operierenden Einsatzkommandos 9 absolvierte. Historischer Hintergrund: Unmittelbar nach der Eingliederung Österreichs im März 1938 ging Hitler auch die „Befreiung“ der Sudetendeutschen an. Die Engländer und Franzosen hielten still. Mit den regulären Wehrmachtstruppen rückten auch SS-Leute ein. Anders als die berühmt-berüchtigten, später in den Polen- und Russlandkriegen operierenden Säuberungseinheiten soll das Vom-Felde-Kommando vergleichsweise zivilisiert und unblutig vorgegangen sein. Jedenfalls ist von Massenhaftungen und/oder willkürlichen Erschießungen wie später in Osteuropa nichts bekannt.

Dass dieses Kapitel und viele andere Einzelheiten aus dem Leben und Wirken vom Feldes nie ernsthaft untersucht und offengelegt worden sind, hat auch und vor allem mit dessen jähem und frühem Tod zu tun. Der NS-Aktivist aus Bad Eilsen wurde nur 35 Jahre alt und bereits vor dem Zusammenbruch des NS-Systems zu Grabe getragen.

Am 22. November 1943, also vor ziemlich genau 70 Jahren, schlug eine alliierte Bombe in vom Feldes Arbeitszimmer im Berliner RSHA-Hauptquartier ein. Dadurch blieb er, anders als seine Kollegen, von Entnazifizierung und Fragen nach seiner persönlichen Verantwortung verschont.

Quellenhinweis: Wer sich näher mit Leben und Wirken Gustav vom Feldes und/oder mit dem Novemberpogrom sowie dem Thema Judenverfolgung insgesamt beschäftigen möchte, dem sei unter anderem das 2009 erschienene, von Dewezet-Chefredakteur Frank Werner herausgegebene Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“ (Band 17 der Reihe „Kulturlandschaft Schaumburg“), ISBN 9783-89534-737-5, empfohlen.

Gustav vom Felde (1908-1943). Der NS-Aktivist aus Bad Eilsen wurde nur 35 Jahre alt und bereits vor dem Zusammenbruch des NS-Systems zu Grabe getragen.

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