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Die Muckermanns gehören zu den bemerkenswertesten Schaumburgern des 20. Jahrhunderts

Eine Familie rückt in den Blickpunkt

Vor 50 Jahren wurde in Berlin Hermann Muckermann zu Grabe getragen. Zur Beerdigung des angesehenen Wissenschaftlers hatten sich zahlreiche Persönlichkeiten eingefunden. Auch Bundespräsident Lübke, Bundeskanzler Adenauer und Papst Johannes XXIII. würdigten das Lebenswerk eines Mannes, dessen Schicksal in besonderer Weise durch die Verwerfungen des zurückliegenden Jahrhunderts geprägt worden war. In Muckermanns Heimatstadt Bückeburg nahm vom Tode des am 27. Oktober 1962 Verstorbenen kaum jemand Notiz.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Dank der Nachforschungen interessierter Einwohner und der örtlichen katholischen Kirchengemeinde ist das Interesse am Leben und Wirken des Bundesverdienstkreuzträgers deutlich gestiegen. Mehr noch. Neben Hermann Muckermann ist auch der „Rest“ seiner Familie in den Blickpunkt geraten. Das Ergebnis: Die Muckermanns gehörten und gehören zu den bemerkenswertesten Schaumburgern des 20. Jahrhunderts.

Der erste Namensträger tauchte vor gut 130 Jahren in der heimischen Region auf. Vater Hermann Johann war als Regiments-Schumacher des Jägerbataillons in die schaumburg-lippische Residenzmetropole gekommen und betrieb dort später zusammen mit Ehefrau Anna ein Schuhwarengeschäft. Das zutiefst katholisch-gläubige Paar hatte zwölf Kinder, von denen neun groß wurden. Alle, fünf Töchter und vier Söhne, waren außergewöhnlich begabt. Die Mädchen machten nach dem Abitur als Pädagoginnen Karriere. Über ihr weiteres Leben ist wenig bekannt. Vier sollen als Gymnasialschullehrerinnen geworden sein.

Deutlich tiefere Eindrücke haben die Söhne hinterlassen. Das trifft insbesondere auf die drei Älteren zu. Hermann, Friedrich und Richard Muckermann dürfen als Vorbilder und Leitfiguren bürgerschaftlicher Zivilcourage während der NS-Zeit gelten. In einer Zeit des Angepasstseins und Wegduckens blieben sie – jeder auf seine Weise – standhaft und unbeugsam. Ihr Rückhalt war ein tiefer, unerschütterlicher Glaube. Die beiden Ältesten traten schon früh dem Jesuitenorden bei und wurden Priester.

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Ludwig Muckermann

Ob und wie es um das politische Engagement des jüngsten Sohnes Ludwig (1899-1876) bestellt war, liegt noch im Dunkeln. Bekannt ist nur, dass er Diplomat war und während der 1940er Jahre als Kulturattaché in Italien arbeitete. Das Land wurde ihm später zur zweiten Heimat. Er blieb und lebte nach Kriegsende in Rom. Nach Aussage von Zeitzeugen soll er während seiner Botschaftstätigkeit bei der Beschaffung von Reisepässen für Verfolgte des Hitler-Regimes behilflich gewesen sein.

Richard Muckermann

Der zweitjüngste Bruder Richard (1891-1981) studierte Philosophie und Volkswirtschaft, wurde Journalist und war während der Weimarer Republik als Regionalchef der „Reichszentrale für Heimatdienst“ (RfA) für die Umsetzung der politischen Bildungsarbeit im heutigen Nordrhein-Westfalen zuständig. Die RfA wurde unmittelbar nach der „Machergreifung“ 1933 aufgelöst. Auch für Richard Muckermann war Schluss. Er durfte nicht mehr öffentlich auftreten und als Journalist arbeiten. 1941 wurde er vorübergehend eingesperrt. Nach dem Zusammenbruch vertrauten ihm die Besatzer die Neugestaltung der NRW-Presselandschaft an. Darüber hinaus kümmerte er sich um den (Wieder-) Aufbau der „Bundeszentrale für politische Bildung“. Von 1946 bis 1950 war er Chefredakteur der „Rhein-Ruhr-Zeitung“. Anschließend saß er für die CDU zwölf Jahre lang im Deutschen Bundestag. Sein unbeirrter Kampf für Demokratie und Bürgerrechte wurde mit der Verleihung des Großen Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland gewürdigt.

Friedrich Muckermann

Auch Friedrich Muckermann (1883-1946) geriet schon früh in Konflikt mit dem NS-Regime, wurde 10 Jahre lang quer durch Europa gehetzt und starb als kranker, schwer gezeichneter Mann im Schweizer Exil. Der gelernte Theologe war einer der profiliertesten deutschsprachigen Journalisten und Literaturkritiker. 1931 wurde er mit dem renommierten Goethe-Preis ausgezeichnet. Drei Jahre später musste er – von Goebbels zum „Staatsfeind Nr. 1“ erklärt – fliehen. Von Holland, Frankreich und Italien aus setzte er seinen Widerstandskampf unbeirrt fort. 1938 wurde er offiziell ausgebürgert. Sein größter Wunsch, noch einmal nach Hause zurückkommen zu können, wurde ihm nicht erfüllt. Die Abschiedsworte an seinem Grabe sprach Ex-Reichskanzler Joseph Wirth. Die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft durch die NS-Regierung wurde posthum widerrufen und aufgehoben.

Hermann Muckermann

Nicht ganz so würdevoll und anerkennend ging man nach 1945 eine Zeit lang mit dem vor 50 Jahren verstorbenen Hermann Muckermann um, obwohl auch der vom NS-Regime gnadenlos ausgegrenzt und gedemütigt worden war. Die Vorbehalte einiger jüngerer Geschichtsforscher hatten mit Muckermanns beruflichem Wirken als „Rassenforscher“ zu tun. Hintergrund: Der gelernte Biologe war als Leiter des Fachgebiets „Rassenhygiene“ (Eugenik) am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie (KWI) an der Vorbereitung des berühmt-berüchtigten „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beteiligt – jener Regelung, die den Anfang 1933 an die Macht gekommenen Hitler-Anhängern als Rechtfertigung für Sterilisation, Kastration und andere Zwangsmaßnahmen zwecks „Aussortierung“ kranken Erbguts diente. Heute weiß man: Als das Gesetz am 14. Juli 1933 in Kraft trat, hatte das Regime Muckermann längst mundtot gemacht. Unmittelbar nach der Machtergreifung wurde er vom Dienst freigestellt und wenig später entlassen. Der Mann stehe in einem „grundsätzlichen Gegensatz zu der Weltanschauung des Nationalsozialismus“, hatte NS-Reichsinnenminister Frick den Rauswurf gefordert. Es sei „unmöglich, ihn als Lehrer unserer Amtsärzte (im KWI weiter-) zu verwenden, welche die Leiter unserer späteren Rassenämter werden sollen“.

Gleichzeitig mit der Entlassung bekam Muckermann ein generelles Berufsverbot. Mundtot machen ließ sich der 1877 geborene Bückeburger, der alle seine drei Studiengänge (Biologie, Theologie und Philologie) mit dem Doktorexamen abgeschlossen hatte, jedoch nicht. Statt im Hörsaal tat er seine Meinung von der Kanzel herab kund. Daraufhin belegte ihn das Regime 1936 zusätzlich mit einem Redeverbot. Obwohl selber in Bedrängnis, verhalf Muckermann mehreren Freunden zur Flucht. So chauffierte er mit seinem Pkw den deutschen Ex-Reichskanzler Heinrich Brüning und anschließend den früheren Verkehrsminister Gottfried Treviranus über die holländische Grenze.

Nach Kriegsende begann für den mittlerweile 68-Jährigen ein zweiter Arbeits- und Lebensabschnitt. 1947 wurden ihm Aufbau und Leitung des in Berlin neu aus der Taufe gehobenen Instituts für Anthropologie übertragen. Daneben wirkte er als Ordinarius für Anthropologie und Sozialethik an der Technischen Universität und war wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. 1952 erhielt er das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland, und 1957 wurde er Ehrensenator der TU Berlin. Seine wissenschaftliche Arbeit lebt in zahllosen Veröffentlichungen fort.




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