×
Die Koi-Zucht – warum das Wasser so klar sein sollte wie der japanische Reisschnaps Sake

Eine denkbar schlechte Geldanlage

Die geliebten Haustiere von Sebastian Schön leben in einem Teich. Es sind Karpfen, die gelassen ihre Runden schwimmen: Normalerweise wäre es schwer, eine persönliche Beziehung zu einem Karpfen zu entwickeln. Sie bevorzugen trübes Wasser, in dem sie mit ihrer braun-grünlichen Körperfarbe fast unsichtbar werden. Schön züchtet Koi.

ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
Anzeige

Sebastian Schöns Karpfen besitzen einen Teich, bei dem man bis auf den Grund blicken kann, und seine Karpfen sind so bunt gemustert, dass keiner aussieht wie der andere. Es handelt sich um Koi, diese berühmten japanischen Zuchtkarpfen, von denen es heißt, sie würden weit über 60 Jahre alt und könnten manchmal viele Hunderttausende Euro kosten.

„Es fasziniert mich, dass man als kleiner Junge einen Koi geschenkt bekommen kann, und dann begleitet er einen das Leben lang“, meint Sebastian Schön. Ja, theoretisch wäre das möglich, genau so, wie es möglich wäre, mit einem Koi einen ungeheuer hohen Preis zu erzielen. Praktisch aber gelingt es nur sehr erfahrenen Züchtern, einen wirklich wertvollen Koi zu züchten, und die hochgezüchteten, empfindlichen Tiere erreichen bei ihren hiesigen Käufern nur selten ein sehr hohes Alter.

Letzteres hat unter anderem damit zu tun, dass die Koi so schön sind. So würden sie zum Beispiel in einem eher trüben Teich viel besser gegen Hautschäden durch Sonnenlicht geschützt sein als im glasklaren Teichwasser. „Aber“, so Sebastian Schön, „was nützt der schönste Koi, wenn man ihn nicht sehen kann?“

Er ist Garten- und Landschaftsbauer und kennt sich aus mit dem Anlegen verschiedenster Teich-Typen. Mitten im Geschäftsraum seines Rintelner Gartencenters präsentiert sich sein Koi-Teich, an dem deutlich wird, auf wie viele Dinge man achten muss, damit es den Tieren gut geht. Er braucht einen Bodenablauf und Biofilter, damit Kot und Nahrungsreste nicht zur Verschlammung führen; UV-Lampen halten Algen und Parasiten in Schach; sparsam eingesetzte Wasserpflanzen verschaffen den Koi schattige Rückzugsplätze in einem ansonsten nüchternen Teich, der nichts Sperriges enthalten darf, an dem sich die Fische verletzen könnten. Alles in allem soll das Wasser durchsichtig wie der Reisschnaps „Sake“ sein, mit einer Sommerwassertemperatur um die 23 Grad.

„Koi sind die denkbar schlechteste Geldanlage“, meint Deutschlands einziger staatlich geprüfter Koi-Sachverständige Robert Jungnischke, der bundesweit, unter anderem auch in Hameln, die Planung von Koi-Teichen anbietet, und außerdem dann zuständig ist, wenn Besitzer kleinere oder große Katastrophen mit ihren Karpfen erleben. „Die besonders wertvollen Koi aus Japan sind durch Hochzüchtung und Inzucht so verletzlich, dass sie bei deutschen Besitzern und in deutschen Teichen oftmals krank werden und früher sterben“, sagt er.

Die europäische, viel robustere und preisgünstigere Koi-„Promenadenmischung“ mit weit besseren Überlebenschancen wiederum sei eben nicht so hübsch anzusehen wie die japanischen Kois.

„Jeder Fehler im Umgang mit den Koi macht sich sofort bemerkbar“, so Robert Jungnischke. „Ich weiß das, denn ich habe sie zu Beginn fast alle selbst gemacht.“ Als er von dem Koi-Unglück bei Nienburg hört, wo vor mehreren Wochen 22 wertvolle Tiere verendeten, weil sie sich – so hieß es – unter der Aufsicht einer Urlaubsvertretung überfressen hätten, muss er lachen.

„An dieser Begründung sieht man, dass nur wenige wirklich Ahnung haben von der sogenannten ‚guten fachlichen Praxis‘ in der Koi-Haltung und dem Koi-Teichbau“, sagt er. „Koi überfressen sich nicht, sie hören auf, wenn sie satt sind.“ Der Tod der Tiere müsse andere Gründe gehabt haben, und jedenfalls sei das so ein Fall, zu dem man ihn als Sachverständigen ruft, der beurteilen soll, wer für Koi-Schäden haftbar zu machen sei.

Als er seine Prüfung zum Koi-Sachverständigen vor der Industrie- und Handelskammer Köln ablegte, musste extra ein Team aus Chemikern, Tierärzten und Koi-Händlern zusammengestellt werden. Bisher gibt es keine spezielle Ausbildung für Koi-Händler oder Koi-Teichbauer, und nur wenige Veterinäre kennen sich mit den Problemen der Kois besonders aus. Es existieren auch keine allgemein verfügbaren Normen und Regelwerke zu ihrer Haltung. Das war der Grund, warum der deutsche Koi-Verband bei ihm anfragte, ob er mit seiner 20-jährigen Koi-Erfahrung nicht den Weg zum Sachverständigen beschreiten wolle. Manchmal wird Robert Jungnischke beauftragt, den Wert von verendeten Fischen zu bestimmen. Da könne sich dann durchaus herausstellen, dass die Besitzer viel Geld für ein Tier bezahlt haben, das den Preis nicht annähernd wert war. „In gewissen Kreisen bin ich wahrscheinlich nicht sehr beliebt, weil ich die Leute auf den Boden der Tatsachen stellen muss“, meint er.

Wer sich aber, trotz all dieser Kompliziertheiten, in die Schönheit, ja Majestät der Koi verliebt, dem gibt Robert Jungnischke einige grundsätzliche Ratschläge. Dazu gehört, die Karpfen immer nur bei einem Händler zu kaufen, der sie wiederum von immer demselben japanischen Züchter bezieht. Die Tiere tragen Krankheitskeime in sich, die im Prinzip beherrschbar sind, wenn es nicht zu „Kreuzverkeimungen“ kommt. Setzt man mal hier, mal da eingekaufte Kois in einen gemeinsamen Teich, dann übertragen sie sich die unterschiedlichen Bakterien und Viren durch Hautkontakt. „Die Händler können nicht mit Sicherheit wissen, ob Jungtiere etwa den Koi-Herpesvirus in sich tragen“, erklärt Jungnischke. „Aber ein Händler des Vertrauens wird ein krankes Tier anstandslos zurücknehmen, während es genug gewissenlose Verkäufer gibt, die sich vor so einer Verantwortung drücken.“

Ein zweiter wichtiger Rat betrifft die Teichanlage. Koi-Teiche können so ausbalanciert werden, dass die Fische keinen Nachwuchs produzieren. Und das ist auch gut so. Koi beanspruchen relativ viel Platz, weil sie schnell wachsen und schließlich über 20 Kilo wiegen können. Sie laichen 400 000 bis 500 000 Eier ab, und selbst wenn nur ein Bruchteil überlebt, wäre ein Teich schnell überfüllt. Man könnte die Koi natürlich fangen und essen, schließlich sind es alles in allem doch normale Karpfen, die ursprünglich auch in Japan für den Verzehr gehalten wurden, bevor man begann, die besonders bunten Tiere für die Zierfischzucht zurückzuhalten. Aber: „Würden Sie Ihr Haustier essen?“, fragt Robert Jungnischke. Und Sebastian Schön sagt, er würde sich lieber einen Finger abschneiden lasen, als einen Koi zu verspeisen.

Die meisten seiner Koi haben Namen, Elli und Kuno zum Beispiel, oder gar Terminator. Die Tiere erkennen ihn an seinem Gang, wenn er sich dem Teich nähert. „Ich weiß, dass sie in mir nur den Futtergeber sehen“, so Sebastian Schön. „Koi sind nicht besonders intelligent, sie sind kein ‚Flipper‘.“ Er liebt sie aber wegen ihrer Zutraulichkeit, wenn sie die Futterpellets sogar aus seiner Hand fressen, und er liebt sie dafür, dass sie etwas so Meditatives ausstrahlen, wenn sie im klaren Wasser ruhig ihre Bahnen ziehen und dabei ihre knallroten, gelben oder orangenen Farbflecken aufleuchten. Einen besitzt er, auf dessen weißen Kopf sitzt ein mandarinengroßer roter Punkt, ganz wie auf einer japanischen Flagge.

Die Züchter in Japan seien den ganzen Tag mit dem Selektieren der Fische beschäftigt, sagt Robert Jungnischke. Nur ein Kenner kann ahnen, ob sich ein junger Koi zu einer vielleicht sogar sehr begehrten Schönheit entwickeln wird. Diejenigen der Fische, die kein Potenzial besitzen, können nur als Fischfutter dienen. Falls Koi-Nachwuchs im Teich eines deutschen Besitzers entsteht, so muss er, falls er nicht sowieso im Filter landet, abgefischt und fachgerecht entsorgt werden. Auf gar keinen Fall darf man überzählige Tiere einfach in die Weser oder Kiesteiche werfen. Sie könnten andere Fische mit dem gefährlichen Koi-Herpesvirus anstecken oder einheimische Fischpopulationen verdrängen.

Was den ungeheuren Wert besonderer Koi betrifft, so sei vieles davon schlicht Legende, sagt Robert Jungnischke. „Das ist wie bei den Autos – einige wenige fahren einen Lamborghini, die meisten aber einen Golf“, meint er. Koi, die auch „nur“ zehntausend Euro kosten, gäbe es in Deutschland kaum.

Sebastian Schön bezeichnet seine „Konishi“-Koi als anständigen Standard“. Die geprüften und auf den Koi-Virus getesteten Jungtiere kosten 30 bis 40 Euro. Sein Lieblings-Koi „Terminator“ ist sowieso gar nicht der schönste. Er macht ihm einfach besonders Spaß, weil er so gerne frisst, dass er sofort zur Stelle ist, wenn er die Schritte seines Besitzers wahrnimmt.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Das könnte Sie auch interessieren...
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt