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LZ-Interview mit Stadtbrandmeister Dirk Hahne / Beim Großfeuer vom 4. März Erster am Einsatzort

"Eine Ausrückzeit von 60 Sekunden ist nicht drin"

Bückeburg. Das jüngste Großfeuer in einem Wohn- und Geschäftshauses in der Innenstadt hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierender Brandschutz ist. LZ-Redakteur Dr. Thomas Wünsche sprach mit Bückeburgs Stadtbrandmeister Dirk Hahne über den Ablauf des Einsatzes, aber auch über die Sorgen der Freiwilligen.

Herr Hahne, am Rande des Brandes, der am 4. März im Haus Nr. 27 an der Langen Straße ausbrach, ist Kritik laut geworden. Die Feuerwehr, heißt es, sei erst spät am Einsatzort erschienen. Stimmt das? Nach dem Protokoll, das mir vorliegt, kann ich das nicht bestätigen. Der Brand wurde um 13.09 Uhr gemeldet, das erste Löschfahrzeug hat bereits um 13.15 Uhr das Gerätehaus verlassen. Das war nur sechs Minuten später. Berücksichtigt man dabei, dass die Kameraden erst ihren Arbeitsplatz verlassen und sich zum Feuerwehrhaus begeben müssen, sich dort ausrüsten und das erste Fahrzeug mit neun Mann besetzen müssen: Dann ist das eine Zeit, die gerade am Tage und in der Mittagszeit nichts zu wünschen übrig lässt. Nachts sind wir meist ein bis zwei Minuten schneller, weil dann weniger Verkehr herrscht. Ich selbst war der erste Feuerwehrmann, der am 4. März am Brandort eintraf. Ich hatte Glück, stand direkt neben meinem Pkw, den Zündschlüssel in der Hand, brauchte nur noch die Schutzkleidung überzustreifen und loszufahren. Drei Minuten später war ich bereits am Brandort. Viel schneller ist das von einer Freiwilligen Feuerwehr nicht zu leisten. Das "zu spät" ist oft auch ein subjektiver Eindruck. Wer als Zuschauer vor einem Haus steht, das brennt und Hilfe erwartet, bemisst die Zeit anders als derjenige, der auf dem Weg zum Einsatz und damit in voller Aktion ist. Wenn Sie den Einsatz vom 4. März selbstkritisch betrachten: Was lief gut - und was klappte nicht ganz wunschgemäß? Bedingt durch den enorm schweren weil verwinkelten Zugang zum Feuer hatten wir in den ersten zehn Minuten ein Wissensdefizit. Das Hauptproblem war zu erkennen, in welchem Umfang es bereits brannte und nach welcher Seite sich das Feuer hauptsächlich ausbreitete. Außerdem hatten wir überdurchschnittlich viele Schlauchplatzer; uns sind zu Beginn drei wasserführende Schläuche weggeplatzt. Die Folge: Bereits begonnene Tätigkeiten mussten abgebrochen, Personal umdirigiert werden, um das fehlerhafte Material auszutauschen. Das hat den Einsatz zwar nicht wesentlich verzögert, aber viel Unruhe in die Mannschaft gebracht und den Führungsaufwand beträchtlich erhöht. Frühjahrs- und Herbstmärkte in der Innenstadt sind mit Blick auf den Brandschutz besonders sensible Ereignisse. Was hätte die Feuerwehr getan, wenn der jüngste Brand ausgebrochen wäre, als die Buden noch standen? Von der Alarmierung und vom Einsatz her wäre nichts anders gelaufen. Wir hätten allenfalls aufgrund des Platzmangels die eine oder andere Einschränkung in Kauf nehmen müssen. Konkret: Hätte vor dem Haus noch die eine oder andere Bude gestanden, wäre es schwieriger gewesen, die Drehleiter aufzustellen. Schwieriger, aber nicht unmöglich. Wir hätten dann darüber nachdenken müssen, besagte Buden abzubauen oder wegzuziehen. Wichtig war und ist nur, dass zwei Zufahrten gewährleistet sind - einmal über die Stadtkirche und zum anderen über die Volksbank respektive das Hotel am Schlosstor. War und ist gewährleistet, dass bei besagten Märkten die Hydranten zugänglich sind? Und wenn ja: Wer kontrolliert das eigentlich? Wir haben im Bereich Lange Straße ein sehr viel dichteres Netz von Hydranten, als es gesetzlich vorgeschrieben ist. Konkret: Wir haben etwa die doppelte Anzahl. Alle 30 bis 40 Meter steht ein Hydrant; rein rechtlich müsste nur alle 80 bis 100 Meter einer vorhanden sein. Das reicht, um die Marktbeschicker zu bedienen. Es reichtaber auch für die Feuerwehr. Vor Beginn eines Marktes gibt es eine Begehung, in der Regel mit dem Ortsbrandmeister, in der wir uns die kritischen Punkte anschauen. Entspricht etwas nicht unseren Vorstellungen, wird nachgebessert. Stellt sich allerdings fünf Minuten nach unserer Begehung ein Fahrzeug dort hin, wo es nicht stehen darf - dann steht es da. Abschließend: Was können die Bückeburger tun, um es der Feuerwehr im Falle eines Brandes so einfach wie möglich zu machen? Ich kann nur appellieren: Kaufen Sie sich Rauchmelder. Die gibt's inzwischen schon ab fünf Euro. Diese Rauchmelder müssen das VDS-Zeichen haben - dann sind es funktionierende Geräte. Tritt tatsächlich ein Schadensereignis ein, geht es darum, so schnell als möglich den Notruf abzusetzen und die Rettungskette zu aktivieren. Rufen Sie die Feuerwehr unter 112 und nicht die Polizei unter 110 an. Die Polizei kann zwar durchstellen. Es entsteht dabei aber immer ein Zeitverlust von bis zu einer Minute. Zeit, in der bereits die Alarmierung laufen könnte. Wenn Sie anrufen: Geben Sie uns so viele Details wie möglich. Gibt es Verletzte oder Eingeklemmte? Vermissen Sie jemand? Das hilft uns enorm, weil wir dann möglicherweise eine Alarmstufe höher kommen - und ganz andere Maßnahmen ablaufen. Brennt es bei Ihnen selbst, dann alarmieren Sie Ihre Mitbewohner. Ist die Feuerwehr vor Ort, muss sie zählen. Und zwar solange, bis sie zu dem Schluss kommt: Das Haus ist leer. Es ist niemand mehr in Gefahr. Solange wir diese Aussage nicht treffen können, ist der Einsatz immer hoch stressbelastet. Da wird den freiwilligen Kameraden vor Ort aber viel zugemutet ... Es ist wie Sie sagen: Der Brandschutz im Landkreis wird allein von Freiwilligen gewährleistet. Wir haben keine Berufsfeuerwehr. Sie können von einer Freiwilligen Feuerwehr nicht erwarten, dass sie wie eine Berufswehr eine Ausrückzeit von 60 Sekunden hat. Das aber ist von der Politik so gewollt - und natürlich auch eine Kostenfrage. Hätte ich in Bückeburg eine Berufsfeuerwehr, bräuchte ich einen Kräfteansatz von ,30', um den ersten Einsatz sicher zu stellen. Soll heißen: Ich bräuchte drei Schichten zu zehn Leuten, um - Urlaub und Krankheit eingerechnet - ein Fahrzeug mit wenigstens sechs Mann besetzen zu können. 30 Leute, die im Jahr 50 000 Euro kosten - da wissen Sie, wo Sie alleine bei den Personalkosten landen würden. Das ist von einer Kommune wie Bückeburg nicht zu leisten.




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