×
Die Inflation vor 90 Jahren im Schaumburger Land

Eine 1 mit zwölf Nullen

Eine Million ist eine 1 mit sechs, und eine Milliarde ist eine 1 mit neun Nullen, versuchte die Landes-Zeitung ihren Lesern das Gefühl für „höhere Mathematik“ näher zu bringen. Der im März 1923 abgedruckte Beitrag war als kleiner „Wegweiser für den Umgang mit den heute im Zahlungsverkehr gebräuchlichen Ziffern“ gedacht. Doch mit der Kenntnis zehnstelliger Werte war es schon bald nicht mehr getan. Ein halbes Jahr später mussten sich die Deutschen an noch längere Zahlenkolonnen gewöhnen. In den öffentlichen Haushalten tauchten Begriffe wie Billion (eine 1 mit zwölf Nullen), Trillion (18 Nullen) und Quadrillion (24 Nullen) auf.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Historischer Hintergrund: Die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland einsetzende Geldentwertung war außer Kontrolle geraten. Die Preise hatten immer neue, Schwindel erregende Höhen erreicht. Das Papier, das zur Herstellung des Geldes benötigt wurde, war mehr wert als die aufgedruckte Währung. Die junge Weimarer Republik stand am Rande des wirtschaftlichen und politischen Abgrunds. Nicht umsonst sind die Vorgänge vor 90 Jahren bis heute als traumatische Erfahrung im deutschen Kollektivbewusstsein haften geblieben.

Die damalige Bevölkerung erlebte die Entwicklung als hilflos-erfolglosen Kampf gegen Not und Verelendung. Die Versorgung war weitgehend zusammengebrochen. Was nicht verdarb, wurde gebunkert. Lebensmittel waren knapp. Die Preise galten, wenn überhaupt, höchstens einen Tag. Kinos und Theater legten an der Abendkasse bei der Berechnung des Eintritts den aktuellen Goldwert zugrunde. Die hiesigen Stromlieferanten EMR und „Wesertal“ berechneten pro Kilowattstunde 12 Millionen. Die Beförderung eines Inlandsbriefes kostete 10 Milliarden. Für ein Ortsgespräch wurden 50 Millionen in Rechnung gestellt. Mitte September 1923 bat die Schaumburger Zeitung ihre Leser um Verständnis, dass die Bezugsgebühr für die zweite Monatshälfte auf 5 Millionen Mark angehoben werden müsse. Der Preis für einen Waggon Papier sei von 550 Millionen im Vormonat auf aktuell neun Milliarden hochgeschnellt.

Die Regierung versuchte, die Entwicklung durch gesetzliche Höchstpreis- und Mindestlohnvorgaben in den Griff zu bekommen. Ab Ende August durften ein Dreikilo-Roggenbrot nicht mehr als 500 000, und sechs Brötchen höchstens 190 000 Reichsmark kosten. Die Einkommen für Köchinnen und Wirtschafterinnen wurden auf zehn und die der Hausmädchen auf neun Millionen pro Monat festgeschrieben. Verstöße sollten per Zeitungsanzeige öffentlich gemacht, Wirtschaftskriminelle mittels Steckbrief gesucht werden.

4 Bilder
Raymond Poincaré.

Besser wurde es dadurch nicht. Die Schere zwischen Einkommen und Ausgaben klaffte immer mehr auseinander. Die Arbeitslosigkeit erreichte Rekordwerte zwischen 30 und 70 Prozent. Das monatliche Durchschnittseinkommen (Stand Ende Oktober 1923 = 30 Millionen) reichte nicht mehr zum Überleben. Ersparnisse lösten sich in Luft auf. Größere Firmen zahlten den Lohn täglich aus. Das Nachzählen der Einzelscheine lohnte sich schon lange nicht mehr. Die Kollekte beim Kirchgang wurde in Waschkörben gesammelt.Der größte Schatz vieler Leute war das Gold im Gebiss. Schwarzhandel und Wucher boomten, Diebstähle und Überfälle nahmen nie zuvor erlebte Ausmaße an.

In der Bevölkerung machte sich ein hochexplosives Gemisch aus Frust, Wut und Verzweiflung breit. Rechte und linke Populisten hatten Hochkonjunktur. Friedrich Oltrogge, Geschäftsführer des Schaumburg-Lippischen Landbundes, wies den Vorwurf, die Bauern wären für die Teuerung mitverantwortlich, mit dreisten, antidemokratischen Sprüchen zurück. Schuld an der Misere sei allein die „verrottete republikanisch-parlamentarische Regierungsweise der letzten Jahre“, prangerte er in einem Leserbrief den Weimarer Verfassungsstaat an.

Mitte November 1923 kam es zum Crash. Die erst drei Monate zuvor ins Amt gehievte Regierung Stresemann leitete eine radikale Währungsreform ein. Die Inflation wurde gestoppt, doch die wirtschaftlichen und politischen Folgen waren verheerend. Ein gewisser Adolf Hitler bereitete einen Staatsstreich vor. Auch die deutschen Verfechter des Bolschewismus Leninscher Prägung sahen ihre Stunde gekommen. Nur mit Mühe konnte die junge Republik zusammengehalten werden. Die finanzielle Zeche zahlten – damals wie heute – die kleinen Leute. Manches von dem, was damals geschah, erinnert in fataler Weise an die Situation in den südeuropäischen Euro-Krisenstaaten heute.

Über die Ursachen der als „Hyperinflation“ in die Geschichte eingegangenen Vorgänge gibt es unterschiedliche Darstellungen. Als Hauptgründe gelten die unseriöse Geldpolitik der kaiserlichen Regierung bei der Finanzierung des Ersten Weltkriegs sowie die anschließenden, 132 Milliarden Goldmark schweren Reparationsauflagen der Siegermächte. Für die damaligen Deutschen war die Sachlage klar. Schuld waren die Franzosen. Der Schlimmste von allen war Regierungschef Poincaré. In den Schlagzeilen der heimischen Presse war von „Plünderung“, „Vergewaltigung“ und „Verfolgungswahn“ die Rede. Die Hasskampagne gegen die Nachbarn jenseits des Rheins erreichte ihren Höhepunkt, als Poincaré zur Durchsetzung der rigorosen Wiedergutmachungsforderungen das Ruhrgebiet besetzen ließ.

Angesichts solcher Probleme fielen die heimischen Bösewichte kaum ins Gewicht, zumal da sie – genauso wie die ehrlichen Zeitgenossen – unter der Teuerung zu leiden hatten. Eine Diebesbande, die kurz vor Weihnachten 1922 spät abends an der Passhöhe zwischen Todenmann und Kleinenbremen dem Rintelner Spediteur Fleischmann aufgelauert und im Schutze der Dunkelheit von dessen Fuhrwerk mehrere Schuhkartons und Zinkeimer gestohlen hatte, musste dafür mit selbst für damalige Verhältnisse astronomischen Geldstrafen büßen. Der Anstifter, ein Bergmann aus Fülme, musste 1,2 Billionen in die Staatskasse zahlen. Seine drei Kumpane, allesamt Arbeitskollegen aus den umliegenden Dörfern, kamen mit 800 bis 300 Milliarden davon.

Mit fahrbaren Suppenküchen versuchte die Heilsarmee, die Not der Großstädter zu lindern.gp (5)

Immer neue Rekorde: eine 20-Milliarden-Briefmarke (r.) und ein 5-Milliarden-Geldschein..




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt