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Zum 290. Geburtstag des schaumburg-lippischen Landesherrn Graf Wilhelm

„Ein wahrlich seltener Mann!“

Er habe „die feinste griechische Seele in einem rauhen westphälischen Körper“ kennengelernt, schrieb der berühmte Philosoph Moses Mendelssohn nach der ersten Begegnung mit dem schaumburg-lippischen Grafen Wilhelm (1724-1777). „Ein wahrlich seltener Mann!“ Und Mendelssohns französischer Kollege Voltaire fasste sein Urteil über den Adligen in dem Satz „sein Wesen ist ein kühnes Meisterwerk des bewundernswürdigen Schöpfers“ zusammen. Die Anerkennung der beiden europäischen Geistesgrößen galt einem wahren Multitalent. Der vor 290 Jahren geborene Landesherr war nicht nur Regent, Heerführer und Sportskanone, sondern auch Kunstmäzen, Sprachgenie und sensibler Grübler. Nicht umsonst wurde er als einziger Schaumburger in der bayerischen Walhalla-Ruhmeshalle als „großer Deutscher“ verewigt.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Kein Wunder, dass ein so „seltener Mann“ seit jeher auch das Interesse (und die Fantasie) der Historiker beflügelt hat. „Über den Grafen Wilhelm sind im Laufe der Jahrhunderte so zahlreiche falsche, schiefe, auch herabsetzende oder allzu glorifizierende Darstellungen verbreitet worden, dass ich unmöglich darauf eingehen kann“, klagte vor zehn Jahren der hannoversche Verleger und anerkannte Graf-Wilhelm-Chronist Curd Ochwadt und prangerte in einer eigens zusammengestellten Streitschrift „Wilhelm zu Schaumburg-Lippe – falsch und richtig“ auch einige heimische Geschichtsschreiber an. Sie hätten nicht kapiert, dass der im 18. Jahrhundert residierende Potentat nicht nur ein talentierter „Kanonengraf“, sondern auch und vor allem ein engagierter Vorkämpfer für den Frieden und ein erfolgreicher Reformer gewesen sei.

In der Tat muten die Vorstellungen des Grafen zu Gewalt und Krieg aus heutiger Sicht äußerst fortschrittlich an. „Unter den Übeln, die das menschliche Dasein heimsuchen, steht der Krieg wegen der Schrecklichkeit und Ausdehnung seines Elendes obenan“, heißt es in einer seiner philosophischen Denkschriften. „Krieg führen bedeutet, schädlichen Leidenschaften zu frönen“. Wenn überhaupt, seien bewaffnete Auseinandersetzungen nur als letztes Mittel der Landesverteidigung berechtigt. Einen weiteren, für die damaligen Verhältnisse geradezu systemgefährdenden Vorschlag brachte er auch in Sachen Soldatentum und Wehrpflicht zu Papier. „Jeder Bürger soll Soldat aus Pflicht, nicht aber aus Profession sein“. Das war, soweit bekannt, der früheste Ruf nach „Staatsbürgern in Uniform“.

Angesichts solch revolutionärer Ideen galt der Bückeburger Schlossherr etlichen Zeitgenossen als Träumer und Sonderling. Hinter vorgehaltener Hand machten Anmerkungen und Anekdoten über sein eigenwilliges Aussehen und Auftreten die Runde. „Seine äußere Erscheinung war ihrer Sonderbarkeit halber so provozierend, dass sie Gelächter erregte“, schrieb 1856 der Historiker Carl Eduard Vehse in seiner „Geschichte des Hauses Lippe zu Detmold und Bückeburg“. Hauptgrund seien „Größe und heroische Haltung von Wilhelms Körper“, die fliegenden Haare und das ungewöhnlich lange, an Don Quichotte erinnernde Oval seines Kopfes gewesen. „Aber in der Nähe sah und dachte man ganz anders: Erhabenheit, Scharfsinn, Feinheit, tiefe Beobachtungsgabe, Güte und Ruhe sprachen aus seinem Gesichte“.

6 Bilder
Graf Wilhelm auf einem Gemälde des englischen Malers Joshua Reynolds (1723-1792).

Weitere Einzelheiten über Alltagsdasein, Talente und Vorlieben des Landesherrn kann man in einem 1783 auf den Markt gekommenen Werk mit dem Titel „Denkwürdigkeiten des Grafen Wilhelms zu Schaumburg-Lippe“ nachlesen. „Er zeichnete vortrefflich, kannte und fühlte die Schönheiten der Malerey, spielte das Klavier vollkommen, und ritt, focht, und er tanzte nicht nur vorzüglich, sondern er sprang auch 19 Fuß (ca. 5,70 Meter) in die Länge und 5 ½ Fuß (gut 1,60 Meter) hoch, ohne sich mit den Händen zu helfen“, wusste Autor Dr. Theodor von Schmalz zu berichten. Außerdem habe Wilhelm „im englischen, französischen, italienischen und portugiesischen eine Fertigkeit gehabt, als wäre er dort gebohren“.

Als nicht alltäglich darf auch die Neigung des praktizierenden Freimaurers zu Kunst und Kultur gelten. Zur Belebung des höfischen Lebens holte er Johann Gottfried Herder, Christoph Friedrich Bach und den hochbegabten jungen Philosophen in die kleine Residenz. Die Folge: Bückeburg mauserte sich – neben Weimar – zu einem europaweit beachteten Hort der Kultur. „Bei einem Manne, dessen Mut und Männlichkeit bekannt sind“, mache „die Zartheit der Empfindung und der Hang zu philosophischem und religiösem Nachdenken einen doppelt schönen Eindruck“ beschrieb der Gelehrte Wilhelm von Humboldt die Interessenvielfalt des Freundes.

Zur Welt gekommen war Wilhelm in London, damals ein Zentrum der europäischen Aufklärung. Seine spätere hiesige Wirkungsstätte lernte er im Alter von fünf Jahren kennen, als sein Vater die schaumburg-lippische Landesherrschaft antrat. Mit 21 verließ er Bückeburg. Einem ausgedehnten Studium in Genf und Leyden folgte die damals für Prinzen selbstverständliche Offiziersausbildung. Die Erfahrungen und Erlebnisse in London, Wien und Venedig gehörten zu den schönsten seines Lebens. Dabei soll er ein ums andere Mal als wagemutiger Draufgänger und stürmischer Liebhaber auffällig geworden sein.

Mit dem unbekümmerten Dasein war es vorbei, als er nach dem Tod des Vaters 1748 als 24-Jähriger das Regierungsgeschäft übernahm. Von Anfang an trieb ihn die Sorge um, dass sein kleines Territorium von den übermächtigen Nachbarn geschluckt werden könnte. Vor allem die Hessen standen im Verdacht, bei nächster Gelegenheit zuschlagen zu wollen. Das brachte Wilhelm auf die Idee, die allgemeine Wehrpflicht einzuführen und zur Verbesserung der Verteidigungschancen eine schwer einnehmbare Festung anzulegen. So entstand im Steinhuder Meer die Sternschanze „Wilhelmstein“. Neben einer Kriegsschule gab es auch eine Art militärische Experimentierwerkstatt, in der unter anderem der „Steinhuder Hecht“ entwickelt wurde – ein legendäres, wenn auch praxisuntaugliches Unterseeboot.

Das militärische Denken und Fachwissen hatte Wilhelm als viel beschäftigter Offizier im Siebenjährigen Krieg gelernt. Dabei war er unter anderem zum kurhannoverschen Generalfeldzeugmeister und zum Kommandeur der englisch-preußischen Artillerieeinheiten befördert worden. Für Aufsehen sorgte sein umsichtiges Vorgehen in der Schlacht bei Minden. Noch berühmter machte ihn der erfolgreiche Befreiungskampf der Portugiesen gegen die Spanier. Eine in der Grenzstadt Elvas errichtete Festung wurde ihm zu Ehren „Forte de la Lippe“ (heute „Forte da Graca“) getauft.

In den 1770er Jahren nahm das Leben des Bückeburger Schlossherrn eine dramatische Wende. Der bis dato so starke Mann zerbrach unter dem Schmerz und der Trauer über den Verlust seiner kleinen, innig geliebten Familie. 1774 mussten er und seine Frau Marie die einzige, gerade mal drei Jahre alt gewordene Tochter Emilie begraben, und zwei Jahren später starb auch die 32-jährige Gattin. Der Graf zog sich immer mehr in die Stille und Einsamkeit des Schaumburger Waldes zurück. Seine Wünsche und Träume erstarrten. 1777 ging auch das Leben des 53-Jährigen zu Ende.

Die Büste des Berliner Bildhauers Johann Gottfried Schadow in der Ruhmeshalle Walhalla (oben). Links: die Festung Wilhelmstein, Kupferstich des Hofmalers August Wilhelm Strack.

Der „Steinhuder Hecht“ (rechtes Bild).

Links: die Festung „Forte de la Lippe“ (heute „Forte da Graca“) in der portugiesischen Grenzstadt Elvas.




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