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Ein vergeigtes Wochenende im besten Sinne

Die Wurzeln dieses Kammermusikkurses reichen weit zurück und bis nach Hamburg. Dort hatte Thomas Herms zusammen mit dem Benthien-Quartett über zwölf Jahre zweimal jährlich an wechselnden Standorten Streichquartettkurse für Amateure organisiert. Unter den Teilnehmern war damals auch das Umland-Quartett aus Pyrmont, in dem Wolfgang Schindler und Friedel Schwekendiek mitwirkten.

Autor:

Karla Langehein

Nach der Auflösung des Benthien-Quartetts ergriff diese Gruppe die Initiative und holte 1996 die Kurse nach Pyrmont. Als Dozentenquartett wurde das damals schon bekannte Mandelring-Quartett verpflichtet. Fast fünf Jahre lang war die Klinik Dr. Umland das Zuhause der jährlichen Veranstaltungen, bis 2000 der Wechsel in die m&i-Klinik erfolgte. Von den anfänglich acht teilnehmenden Quartetten wuchs seitdem die Zahl kontinuierlich, bis in diesem Jahr zum 15. Kurs 16 Ensembles, darunter ein Quartett aus den Niederlanden, anreisten.

Über 70 Personen benötigen Unterkunft und Verpflegung, jede Gruppe einen Übungsraum und jeder der vier Dozenten einen Unterrichtsraum – von der Erstellung eines Stundenplans gar nicht zu reden. Das klingt nach einer organisatorischen Herkulesaufgabe. „Nun ja, wenn man das schon so lange Jahre macht, wiederholen sich die Fragestellungen“, wiegelt Schwekendiek ab. „Ich habe Formulare für Teilnehmerlisten und Stundenpläne entwickelt, die mir die Arbeit etwas erleichtern.“ Dieses Mal habe ihm allerdings die große Anzahl der Teilnehmer dann doch einige Kopfschmerzen bereitet, als es darum ging, in der m&i-Klinik die notwendige Anzahl an Übungsräumen zu finden. Denn die anderen Gäste des Hotelbereichs sollten ja nach Möglichkeit ungestört bleiben. „Aber das hat dann auch alles geklappt, und wie ich hörte, waren auch alle mit der Unterbringung und Verpflegung sehr zufrieden“, zieht Schwekendiek Bilanz.

Im Laufe des frühen Donnerstagabends trudeln die Kursteilnehmer in der m&i-Klinik ein – man trifft sich – in vielen Fällen wieder – beim Abendessen. Am Freitag früh um 8.40 Uhr beginnt die erste von insgesamt fünf Unterrichtsstunden, die jede Gruppe bis zum Sonntagmittag erhält. In den Pausen wird zumeist fleißig geübt, aber jeder kann auch schon mal horchen, was die anderen so machen und die unterschiedlichen Levels abschätzen und vergleichen – auch das eigene.

4 Bilder

Am Anfang jeder Unterrichtsstunde steht das nochmalige präzise Einstimmen der Saite. Dann spielen die Musiker vor, was sie zu Hause eingeübt haben. Wie alle guten Pädagogen, loben die „Mandelringe“ zunächst – um die Amateurmusiker danach ebenso vorsichtig wie unnachgiebig auf den Boden der Tatsachen zu holen.

Da geht es immer wieder gleichermaßen um spieltechnische Fragen wie um die Interpretation. Beides gehört unabdingbar zusammen. Denn nur auf der Basis einer gewissen Spieltechnik ist die Umsetzung einer Klangvorstellung möglich. Und da wiederholen sich bestimmte Probleme und deren Lösung immer wieder. Es geht um Intonation („Die Terz ist zu hoch“) oder um Bogentechnik. Zum Beispiel darum, ob an einer bestimmten Passage die gesamte Länge des Bogens oder nur ein Teil benutzt werden soll, oder darum, ob Auf- oder der Abstrich organischer klingt.

Es geht um Texttreue. Da kann es schon mal vorkommen, dass Dozent Sebastian Schmidt fragt: „Was steht denn da in Takt sieben? Schauen Sie mal hin: Da steht Crescendo! Ich höre aber kein Crescendo!“ Beim nächsten Mal soll es also an dieser Stelle lauter werden, wie Notenblatt und Dozent es verlangen. Und zuweilen helfen Bilder und Vergleiche den Spielern auf die Sprünge, wenn es um die Realisierung einer Klangvorstellung geht: „Das ist wie das Reiten auf einer Welle – ein dynamisches Auf und Ab.“ Und immer wieder geht es um die so wichtige Klangbalance zwischen den einzelnen Stimmen und den zwischen ihnen wechselnden thematischen Schwerpunkten. Eine der Musikerinnen (sie spielt in ihrem Quartett die zweite Geige) ist immer „sehr dankbar, wenn da jemand sitzt, der einem Tipps gibt. Denn wenn man mittendrinsitzt im Quartett, ist man selbst nicht in der Lage, Klangstärken und Klangbalance neutral zu beurteilen“.

Das, was alle Ensembles gleichermaßen aus diesem Kurs mitnehmen können, ist neben dem Zuwachs an speziellen Kenntnissen eine Auffrischung der im Alltag vielleicht verloren gegangenen Technik des Übens. Wie gehe ich (oder gehen wir als Ensemble) an ein bestimmtes Problem heran? Es geht um „die genaue Information und Anregung, wie man Musik arbeiten kann und nach welchen Aspekten“, so brachte es ein anderer Kursteilnehmer auf den Punkt.

Auf die Frage, was nun den besonderen Reiz dieser Kammermusik-Kurse mit dem Mandelring-Quartett ausmacht, werden zwei Schwerpunkte deutlich: Fast immer wird an erster Stelle der hervorragende Unterricht genannt. Eine Teilnehmerin formuliert es so: „Man wird am Donnerstag an einem bestimmten Punkt von den Dozenten abgeholt, und der Fortschritt, den man innerhalb von zweieinhalb Tagen erreicht hat, ist riesig.“ Eine andere findet „es beglückend, dass man Zeit hat, sich intensiv mit einem Stück zu beschäftigen, und selbst wenn man sich zu Hause die Zeit nimmt, kommt man einfach nicht so weit ohne die Hilfe von Profis“.

Es ist aber auch die Atmosphäre, das fast schon familiäre Klima unter den Kursteilnehmern und zwischen ihnen und dem mittlerweile weltberühmten Dozenten-Quartett. Dazu trägt vor allem das allen gemeinsame Bestreben bei, in zweieinhalb Tagen mit ihrem Instrument zu lernen, sich einem musikalischen Werk, an dem man schon länger arbeitete, soweit wie möglich zu nähern. Dabei baut auch das durchgängig gebräuchliche „Du“ eventuell vorhandene Schwellen ab. Freitags sorgt der „Bunte Abend“ für eine Menge Spaß und am Samstagabend das speziell für seine „Schüler“ veranstaltete Konzert des Mandelring-Quartettes für den künstlerischen Höhepunkt.

Interessant ist ein Blick auf das Berufsspektrum der Kursteilnehmer. Da begegnen sich Internist und Diplommathematiker, der Bereichscontroller eines großen Unternehmens und die Physikprofessorin, die Geigenlehrerin und der Geigenbauer, der Architekt, der Weinhändler und die selbstständige Möbeltischlermeisterin. Und der Altersdurchschnitt sinkt erfreulich: Unter die Pensionäre mischen sich zunehmend junge Ensembles.

Einige Quartettfreunde haben früh damit begonnen, ein Instrument zu spielen und hielten bis heute durch. Bei anderen erlahmte irgendwann die Musizierlust. Sie interessierten sich für andere Dinge und machten ihre Berufsausbildung, bis sie eines Tages – wie die Möbeltischlerin aus Hamburg – dachten: „Da war doch mal was…“. „Seitdem nehme ich wieder regelmäßig Unterricht, spiele mittlerweile Bratsche in einem Quartett und einmal im Jahr auch in einem Leipziger Orchester“, berichtet sie.

Im traditionellen Abschlusskonzert am Sonntagnachmittag spielte ihr Ensemble den langsamen Satz aus Nils Gades Quartett op. 33. Danach ging es ans Kofferpacken und an den Abschied – bis zum nächsten Wiedersehen – dann im 16. Kammermusikkurs mit dem Mandelring-Quartett.

Auf dem Weg zum perfekten Klang. Von links: Annegret Augenstein, Wolfgang Schindler, Knut Rother, Thomas Herms und Organisator Friedel Schwekendiek. Dozentin Nanette Schmidt-Seibt lauscht und genießt die Aussicht.

Einflüsterung vom Profi: Cellist Bernhard Schmidt hat da noch einen Tipp.

Mit vollem Körpereinsatz bei der Sache: Nanette Schmidt-Seibt spielt im international bekannten Mandelring-Quartett Violine. In Bad Pyrmont half sie Amateurmusikern auf die Sprünge. Fotos: Wal

Gerade mal vier Stunden, nachdem Friedel Schwekendiek im Internet den Termin des 15. Kurses für Streichquartette in Bad Pyrmont veröffentlicht hatte, war er auch schon ausgebucht. Erneut wurde die Kurstadt zu einem Mekka ambitionierter Amateurmusiker.




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